Zu viel Verkehr schadet der Natur

Entwicklungsexperte Philipp Aerni postulierte, dass eine wachsende Bevölkerung die Umwelt nicht belastet. Das Mobilitätsverhalten der Schweizer zeigt ein anderes Bild.

Eine längere Flugreise macht jeden noch so gutgemeinten Umweltschutzeinsatz zunichte. Foto: Hans Ueli Blöchliger (Keystone)

Eine längere Flugreise macht jeden noch so gutgemeinten Umweltschutzeinsatz zunichte. Foto: Hans Ueli Blöchliger (Keystone)

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Philipp Aerni ist vollumfänglich zuzustimmen, wenn er in seinem Essay «Warum Ecopop der Umwelt schadet» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom 1. 11.) die Denkfehler der Ecopop-Initiative illustriert. Mit der Einschätzung, dass «die Schweiz (…) in relativem Einklang mit der Umwelt lebt», liegt der Autor jedoch falsch. Bei genauerer Betrachtung stimmen wir täglich ein schrilles Pfeifkonzert gegen die Natur an. Am lautesten im Konzert der umweltschädlichen Verhaltensweisen tut sich unser Mobilitätsverhalten hervor. Der Verkehr ist der gefährlichste Treiber für den Klimawandel.

Auf den ersten Blick ist die Schweiz tatsächlich ein ökologisches Paradies. Kristallklare Flüsse, kein Smog und eine weitgehend CO2-freie Strom­produktion. Doch der mittlere ökologische Fussabdruck jedes Einwohners der Schweiz ist gewaltig. Würden alle Erdenbürger unseren Lebensstil zum Vorbild nehmen, bedürfte es der Ressourcen von annähernd drei Erden. Rund zwei Drittel unseres Fussabdrucks stammen aus dem exzessiven Verbrauch fossiler Energieträger. Grösster Energieverbraucher ist der Verkehr, der zu 96 Prozent durch die Verbrennung von Erdöl angetrieben wird. Und seine Bedeutung in der Emissionsbilanz wächst stetig.

Mehr Einwohner, mehr Verkehr

Während die Treibhausgas-Emissionen aus Landwirtschaft, Industrie sowie auch bei den privaten Haushalten seit 1990 reduziert werden konnten, stieg der Ausstoss im Verkehr um unglaub­liche 20 Prozent an. Damit machte er sogar die Erfolge in den anderen Sektoren zunichte. Wie konnte das trotz riesiger Technologiefortschritte passieren? Vergleicht man einen VW Käfer aus dem Jahr 1955 mit einem VW Beetle von 2005, so registriert man erstaunt einen nur minimalen Rückgang des Treibstoffverbrauchs. Schuld daran sind höhere Ansprüche an Komfort und Fahrspass und in der Folge der Trend zu schwereren Autos mit stärkeren Motoren.

So bleiben die Effizienzgewinne von 50 Jahren Motorenentwicklung fast vollständig auf der Strecke. Dieser so­genannte Rebound-Effekt fällt in der Schweiz besonders stark aus. Im Vergleich zu unseren Nachbarländern neigen die Schweizer Lenker zu noch grösseren und noch stärker motorisierten Autos. Hierzulande werden die Fahrzeuge mit den europaweit höchsten durchschnittlichen CO2-Emissionen pro Kilometer neu zugelassen.

Doch nicht nur die Autos werden grösser, auch die Verkehrsleistung pro Person nimmt kontinuierlich zu. Damit ist die Anzahl Kilometer gemeint, die eine in der Schweiz wohnhafte Person pro Jahr zurücklegt. Das damit verbundene Wachstum der Verkehrsleistung wird zudem durch die steigende Einwohnerzahl beschleunigt. Das führt zu Staus und negativen Folgen für die Umwelt. Diese könnte man verhindern, wenn wir den zusätzlichen Verkehr durch verstärktes Teilen von Fahrzeugen und insbesondere gemeinsame Fahrten realisierten.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr Fahrzeuge mit immer weniger Fahrleistung pro Fahrzeug und Jahr beanspruchen horrende Flächen in unseren Städten – und belasten unsere Energiebilanz, denn rund 15 Prozent der Energie, die ein Auto über seinen kompletten Lebenszyklus verbraucht, werden bereits bei seiner Herstellung aufgewendet. Anstatt den Verkehr zu bündeln, vereinzeln wir in unseren Vehikeln. Im Berufsverkehr sitzen heute durchschnittlich 1,1 Personen in einem rund 1,5 Tonnen schweren Fahrzeug. Die viel zitierten Lösungsansätze Carsharing und Ridesharing sind praktisch nicht existent und trotz grosser medialer Aufmerksamkeit im Alltag ohne spürbare Relevanz.

Weniger fliegen wäre viel wert

Aber selbst wenn es uns dank innovativer Elektromobile, einer konsequenten Umsetzung des Sharing-Ansatzes und der europaweiten Renaissance des Velos gelingen würde, unsere Alltagsmobilität zukünftig nachhaltiger zu gestalten, zeichnet sich am Mobilitätshorizont eine neue Bedrohung ab. Ohne politische Regulierung sinken die Kosten der Alltagsmobilität. Umso mehr Geld steht dem Konsumenten für andere Dinge zur Verfügung – und leider wird dieses immer mehr auch in längere Flugreisen gesteckt, die immer mehr zum neuen Statussymbol werden. Doch eine Fernreise per Flugzeug macht alle ökologischen Einsparbemühungen zunichte. Den wenigsten sind die gravierenden Klimawirkungen bewusst, die selbst modernste Grossraumflugzeuge trotz effizienter Sitzplatzauslastung pro Kopf verursachen. Angenommen, das CO2-klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen liegt bei drei Tonnen Treibhausgas-Ausstoss, so beansprucht eine tägliche Autonutzung von durchschnittlich 35 Kilometern zwei Drittel davon, also zwei Tonnen. Mit einer Floridareise überschreitet man sein Jahresbudget dagegen auf einen Schlag um über eine Tonne.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass wir bald Lösungen brauchen, um unsere Mobilität endlich in Einklang mit unseren Klimaschutzzielen zu bringen. Die Technologien und Konzepte dafür sind vorhanden, für weniger Verkehr allgemein und insbesondere für deutlich weniger Emissionen und Flächenaufwand beim Verkehr. Wir müssen nur wollen – dafür bedarf es nicht zuletzt politischer Anreizsysteme.

Erstellt: 14.11.2014, 19:14 Uhr

Hohe Bilder

Thomas Sauter-Servaes


Der Mobilitätsforscher leitet den Studiengang Verkehrssysteme an der ZHAW School of Engineering. Ende November erscheint sein neues Buch «Schub­umkehr».

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