Zürcher mit Weltpremiere im Klimaschutz

Eine Zürcher Firma wäscht CO2 aus der Luft und eröffnet heute die weltweit erste kommerzielle Anlage in Hinwil. Klimaforscher zählen auf diese Technologie.

Die Anlage der Zürcher Spin-off-Firma Climeworks wäscht Kohlendioxid (CO2), ein Treibhausgas, aus der Luft. Sie steht auf dem Dach der Kehrichtverwertung Zürich Oberland in Hinwil. Video: Tamedia/Climeworks

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Vor sieben Jahren war die ETH-Spin-off-Firma Climeworks noch ein Geheimtipp. Ihre Idee, das Treibhausgas CO2 aus der Luft zu waschen, machte Hoffnung für den internationalen Klimaschutz. Nach der verpatzten Klimakonferenz in Kopenhagen schwand allmählich der Glaube daran, noch rechtzeitig genügend CO2 aus der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas reduzieren zu können. Die Emissionen stiegen steil, die Erderwärmung schien unaufhaltsam. Climeworks hat ihre Idee in die Tat umgesetzt. Heute eröffnet die Firma auf dem Dach der Kehrichtverwertung Zürich Oberland (KEZO) die weltweit erste Anlage, die kommerziell CO2 aus der Luft filtriert. Der erste Prototyp vor sieben Jahren wusch knapp ein Gramm CO2 pro Tag aus der Umgebungsluft. Die Demonstrationsanlage in Hinwil bringt es bereits auf 900 Tonnen jährlich.

Die KEZO Hinwil ist vorteilhaft für das System – dank ihrer Abwärme. 18 Kollektoren werden in Zukunft 24 Stunden und sieben Tage die Woche laufen. Dazu gehören Ventilatoren, welche die Aussenluft ansaugen. Im Innern der Kollektoren bindet ein Filtermaterial etwa 50 Prozent des CO2 chemisch an eine bestimmte Oberfläche. Über das Material in Hinwil gibt Climeworks keine Auskunft. Aber grundsätzlich kommt zum Beispiel Zellulose infrage, ein Hauptbestandteil in pflanzlichen Zellwänden. Mithilfe von Abwärme der Verbrennungsanlage – in einem Wassertank gelagert – wird das CO2 bei 100 Grad Celsius aus dem Filter gelöst und unter Druck flüssig zwischengespeichert.

Keine 400 Meter entfernt steht das Gewächshaus der Gebrüder Meier. Früher kauften die Gemüseproduzenten fossiles CO2 ein, das jeweils mit dem LKW antransportiert wurde, nun werden sie von Climeworks nach Bedarf mit dem abgeschiedenen CO2 gasförmig versorgt. Eine CO2-Begasung beschleunigt das Wachstum der Tomaten, Gurken oder des Salats, der dort angebaut wird.

Noch zu teuer

Noch ist dies allerdings teurer Dünger. In der Schweiz kostet die Produktion einer Tonne CO2 aus der Ammoniakherstellung 150 bis 250 Franken, inklusive Transport. Climeworks produziert in Hinwil eine Tonne für rund 600 Franken. Dank privaten Investoren und der Unterstützung vom Bundesamt für Energie, kann das Jungunternehmen den Gemüseherstellern markttaugliche Preise anbieten. In Ländern, in denen keine Chemieindustrie vorhanden ist, kann der Preis aber auf über 600 Franken pro Tonne steigen. «Ich bin überzeugt, durch technische Optimierungen und eine erhöhte Produktion die Kosten auf 200 bis 300 Franken zu senken», sagt Christoph Gebald, Mitgründer der Firma. Climeworks möchte in Zukunft für Privat- und Firmenkunden einen Service anbieten, der darin besteht, CO2 aus der Luft abzuscheiden und unterirdisch zu speichern. Energieintensive Unternehmen könnten so ihre CO2-Bilanz verbessern. Noch ist es allerdings nicht so weit. Solange auf CO2-Emissionen keine hohen Steuern erhoben werden, fehlt bei vielen Unternehmen der Anreiz zu handeln.

Hohe Ziele

Climeworks hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: «Wir wollen im Jahr 2025 ein Prozent der globalen Emissionen aus der Luft waschen, das entspricht jährlich 300 Millionen Tonnen CO2», sagt Gebald. Das sei «höchst ehrgeizig», aber nicht unrealistisch. Mehr als 300'000 Anlagen wie in Hinwil müssten dafür weltweit gebaut werden.

Ist denn überhaupt eine Nachfrage für diese direkte CO2-Auswaschung vorhanden? Klimawissenschaftler gehen in einer kürzlich veröffentlichten Studie in der Wissenschaftszeitschrift «Science» davon aus, dass etwa 5 Milliarden Tonnen CO2 aus der Luft gefiltert werden müssen, um bis 2050 das Klimaziel des Pariser Abkommens zu erfüllen, nämlich eine Erderwärmung um 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu verhindern. Die Wissenschaftler sprechen dabei von negativen Emissionen. Entscheidend ist dabei, dass das aus der Luft gewonnene CO2 sicher im Untergrund gelagert werden kann. Die Speicherung von CO2 ist grundsätzlich kein neues Verfahren. In der Erdölindustrie wird seit langem das Gas in den Untergrund gepresst, um bisher wirtschaftlich noch unrentable Erdöllager zutage zu fördern. Bisher gibt es jedoch keine weltweit verbindliche Regelungen, die eine sichere Speicherung von CO2 garantieren. Studien in Island zeigen aber, dass eine Speicherung im entsprechenden Untergrund sicher sein könnte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.05.2017, 12:01 Uhr

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