Wo sind die Vögel hin?

Durch Ackerbau wurde der Bestand im Land in 26 Jahren um mehr als die Hälfte dezimiert. Ennet dem Rhein ist die Situation besser. Die Gründe.

Der Neuntöter ist ein Insektenfresser und lebt in einer extensiv genutzten Kulturlandschaft. Er spiesst seine Beutetiere oft an Dornen auf. Foto: Alain Balthazard (Biosphoto)

Der Neuntöter ist ein Insektenfresser und lebt in einer extensiv genutzten Kulturlandschaft. Er spiesst seine Beutetiere oft an Dornen auf. Foto: Alain Balthazard (Biosphoto)

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Die Dorngrasmücke fällt durch ihren kratzigen Gesang auf. Ihre Tonfolgen sind schrill und schnell. Doch in der Schweiz ist sie inzwischen nur noch selten zu hören. «Oft hat sie nicht mehr genug zu fressen, weil sie zu wenig Insekten in ihrem Lebensraum findet», sagt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach. Denn diese seien durch die Verwendung von Pestiziden und modernen Landnutzungstechniken stark zurückgegangen.

Während die Dorngrasmücke bei uns vor fünfzig Jahren sehr häufig vorkam, ist ihr Bestand in den vergangenen Jahrzehnten extrem geschrumpft – von Hunderttausenden von Brutpaaren auf rund 2000. «Sie ist ein Opfer der Intensivierung der Landwirtschaft», sagt Kestenholz. Neben einem Mangel an Nistmöglichkeiten in Brombeerbüschen oder Dornenhecken fehlen ihr auch die Insekten als Nahrung, sodass ihre Jungen verhungern.

Ähnlich ist die Situation für die Insektenfresser wie Braunkehlchen, Wachteln sowie Baumpieper. Weil diese drei Arten im Gegensatz zur Dorngrasmücke auch noch Bodenbrüter auf Wiesen sind, werden beim Mähen deren Nester zerstört. Und Küken, die von den Vogeleltern mit viel Mühe gefüttert werden, kommen ums Leben.

Neuer Brutvogelatlasnach zwanzig Jahren

Wie dramatisch die Situation in der Schweiz ist, haben Ornithologen nun erstmals im neuen «Brutvogelatlas» dokumentiert, der Mitte November erscheint. In dem mehr als 650 Seiten umfassenden Standardwerk haben die Experten der Vogelwarte Sempach gezielt einen Fokus auf den massiven Insektenschwund und seine Folgen für die hiesige Vogelwelt gelegt.

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Auffällig dabei ist, dass im Kulturland die Bestände der Insekten fressenden Vögel von 1990 bis 2016 um 60 Prozent abgenommen haben. «Die Intensivierung der Landwirtschaft zerstört wichtige Biotope und tötet durch den Einsatz von Pestiziden einen Grossteil der Insekten ab», erklärt Michael Schaad von der ­Vogelwarte Sempach. Dadurch hätten Vögel, die sich vor allem von Insekten ernährten, in diesem Lebensraum kaum noch eine Chance.

Anders sieht es gemäss dem aktuellen «Brutvogelatlas» bei den Insekten fressenden Vögeln des Waldes aus. Dort legte deren Anzahl seit 1990 sogar um 25 Prozent zu, da man im Wald keine Gifte gegen Insekten einsetzen darf und die Vögel vor ­allem auch im Alt- und Totholz genug Nahrung aufspüren können. Zum Vorteil für die in diesem Öko­system lebenden Spechte, Meisen, Rotkehlchen und Mönchsgrasmücken.

Mit einer extensiven Bewirtschaftung und mehr naturnahen Oasen unmittelbar neben den Feldern lässt sich aber auch im Kulturland viel erreichen. So gibt es jenseits der Schweizer Grenze etwa auf der deutschen Seite des Rheins pro Kilometerquadrat mehr Vogelarten und höhere Dichten als hierzulande, weil es dort mehr Kleinstrukturen wie Gehölze, Hecken, Obstbäume oder Alleen hat. Mit einem Luftbild aus dem deutschen und dem aargauischen Wallbach verdeutlicht der «Brutvogelatlas» diesen Unterschied.

Zu perfekt aufgeräumtes Landschaftsbild

«Bei uns wird jeder auch noch so kleine Flecken Land irgendwie genutzt und krumme Bäume, feuchte Stellen und Krautsäume wegen des landwirtschaftlichen Perfektionismus sofort entfernt», klagt Kestenholz. Zum Nachteil für die Vogelwelt. Das hängt damit zusammen, dass noch immer viel mehr Direktzahlungen in die intensive Landwirtschaft fliessen statt in ökologische Verbesserungen. Ein unhaltbarer Zustand, findet der Sempacher Vogelexperte. Es sei, wie wenn man zu einem Arzt gehen würde, der einen nicht nur gesund, sondern auch krank mache. Das gehe eindeutig in die falsche Richtung.

«Dorngrasmücken sind Opfer der Intensivierung der Landwirtschaft.»

Matthias Kestenholz, Vogelwarte Sempach

Ist es nicht egal, ob es ein paar mehr Mönchsgrasmücken im Wald und weniger Dorngrasmücken am Rand von Feldern hat? «Nein», sagt der Ornithologe Schaad. Denn die Bestandsaufnahme der Vögel in dem jeweiligen Habitat sei wie ein Börsenindex für die Natur. Sie sei eine Art Gradmesser für Umweltqualität. Wenn es den Vögeln in dem Lebensraum gut gehe, sei es dort auch für den Menschen gut.

In Mitteleuropa gibt es heute viel weniger Insekten als vor Jahrzehnten. Eine Langzeituntersuchung aus Deutschland, die sogenannte Krefelder Studie, hat den Verlust in der Fachzeitschrift «PLOS One» letztes Jahr publik gemacht. Im Jahr 1989 fanden sich zum Beispiel im ­Orbroicher Bruch bei Krefeld noch 1400 Gramm Insekten in der Falle, 2013 waren es nur noch 300 Gramm. Insgesamt nahm in 63 Gebieten mit unterschiedlichem Schutzstatus die Gesamtmasse der Fluginsekten um mehr als 75 Prozent ab.


Bilder: Der grosse Vogel


«Naturschutzgebiete stehen aufgrund ihres Standorts und ihrer Grösse oft weiterhin bedingt unter dem Einfluss angrenzender, landwirtschaftlich genutzter Flächen», erklärt Matthias Kestenholz. Die Studie wurde zur wichtigsten Naturschutzpublikation von 2017 erkoren, auch wenn sie nur lokale Veränderungen zeigt.

Libellen, Tagfalter und Steinfliegen verschwinden

Für die Schweiz gibt es bisher kein vergleichbares Monitoring der Biomasse der Insekten. Dennoch verdeutlichen bislang vor allem die Roten Liste die Verluste der Arten in der Insektenwelt: Inzwischen sind bei uns 43 Prozent der Eintagsfliegen, 40 Prozent der Steinfliegen, 51 Prozent der Köcherfliegen, 36 Prozent der Libellen, 40 Prozent der Heuschrecken, 46 Prozent der Pracht-, Bock- und Rosenkäfer und 35 Prozent der Tagfalter und Widderchen bedroht.

Insekten sind für viele Vögel unerlässlich. Auch die Rauchschwalbe ist auf sie angewiesen. Ein einziges Paar verfüttert an seine vier bis sechs Jungen 1,2 Kilogramm – beziehungsweise 120'000 Fliegen und Mücken, was etwa einer Menge von drei gefüllten Schuhkartons entspricht. Im Vergleich zu 1990 ist auch der beliebte Flugakrobat bei uns viel seltener zu sehen, dennoch gehört sie bisher nicht auf die Rote Liste der gefährdeten Arten.

Eine französische Studie hat vor kurzem nachgewiesen, dass eine Reduktion der Pestizide um 42 Prozent in der Regel keine Ernteausfälle verursacht. «Man muss jetzt endlich handeln», sagt Kestenholz. Der Dorngrasmücke stehe beim jetzigen Trend das Aussterben unmittelbar bevor – zumindest hierzulande. Und ein solches Verschwinden finde leise und schleichend statt. Die Vögel fallen nicht einfach reihenweise vom Himmel, sondern sind plötzlich nicht mehr da.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 08:50 Uhr

Insekten fressende Vögel in der Schweiz

In Zahlen

75

Prozent ging die Biomasse an Fluginsekten in 27 Jahren in mehreren Schutzgebieten in Deutschland zurück. Das Bundesamt für Umwelt geht davon aus, dass der Insektenschwund im Schweizer Mittelland ähnlich ist.

22'330

Insektenarten kennt man bisher in der Schweiz. Von 2787 untersuchten Arten sind 40 Prozent auf der Roten Liste als bedroht eingestuft.

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