Auch Tiere­ wollen fair ­behandelt werden

Offenbar spüren sie, wenn ein Artgenosse für die gleiche Mühe eine deutlich höhere ­Belohnung erhält.

Gewisse Lebewesen erkennen, wenn sie die Dummen sind – ­Hunde sind dabei vergleichsweise nachsichtig 
Foto: Getty Images

Gewisse Lebewesen erkennen, wenn sie die Dummen sind – ­Hunde sind dabei vergleichsweise nachsichtig Foto: Getty Images

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Auf Kommando die Pfote zu heben, das schafft jeder Hund. Wenn er denn will. In den Versuchen von Wiener Verhaltensbiologen wollten die Tiere unter bestimmten Umständen jedoch nicht und verweigerten ihre Mitarbeit: nämlich dann, wenn ein zweiter Hund die gleiche Aufgabe absolvierte und dafür mit Futter belohnt wurde – sie selbst aber leer ausgingen. Eine so offensichtliche Ungerechtigkeit lähmte den Arbeitseifer der Tiere und bereitete ihnen grosses Unbehagen. Das zeigte sich an typischen Stressreaktionen: Die Hunde gähnten, kratzten sich und leckten sich die Lippen.

Dabei ging es den leer ausgegangenen Tieren keineswegs darum, dass sie für ihre Leistung nicht materiell entlohnt wurden, wie die Forscher um Friederike Range in ihrer Studie betonten. Denn war der Versuchshund allein mit dem Menschen, hob das Tier auch ohne Belohnung auf Kommando die Pfote. Nur wenn ein weiterer Artgenosse anwesend war und ausschliesslich dieser Futter als Lohn erhielt, streikte der Versuchshund.

Range und ihr Co-Autor Jim McGetrick haben diese und ähnliche Erkenntnisse nun in einer Übersichtsarbeit im Fachmagazin «Learning & ­Behavior» zusammengefasst. Sie folgern: Hunde ­haben ein gewisses Gespür für faire beziehungsweise ungerechte Behandlung. Sie bemerken es und reagieren mit Verweigerung, wenn sie vom Menschen über den Tisch gezogen werden. Damit reihen sich Hunde in jene Liste von Tieren ein, denen Forscher einen Gerechtigkeitssinn bescheinigen. Dazu zählen zum Beispiel viele Primaten, aber auch Rabenvögel und – je nach Definition – Ratten.

Hauptsache, Belohnung – was, ist egal

Was Hunde angeht, machen McGetrick und Range allerdings deutliche Einschränkungen. Das Gespür dafür, im Vergleich mit Artgenossen gerecht oder aber unfair behandelt zu werden, sei bei den Haustieren nur in einer primitiven Form vorhanden. Einige der berücksichtigten Studien haben sogar überhaupt keinen Gerechtigkeitssinn festgestellt. McGetrick und Range sehen darin jedoch keinen grundsätzlichen Widerspruch, sondern nur einen Hinweis auf methodische Unterschiede. Eventuell wurden die Testhunde und ihre Partner in diesen Studien nicht verschieden genug behandelt, spekulieren die Autoren. Denn offenbar nehmen Hunde eine Ungleichheit nur wahr und stören sich an ihr, wenn sie extrem ausgeprägt ist.

Subtile Differenzen ertragen sie hingegen locker. So ist ihnen die Qualität der Belohnung egal – solange sie nur irgendwas bekommen. Ob der Artgenosse einen Leckerbissen wie ein Stück Wurst erhält und sie selbst aber mit etwas Schwarzbrot abgespeist werden, scheint sie dann nicht zu ­kümmern.

Damit wirken Hunde vergleichsweise tolerant gegenüber Ungleichbehandlungen. Wölfe etwa, die in den berücksichtigten Studien teilweise ebenfalls getestet wurden, legen mehr Wert auf den Grundsatz «gleicher Lohn für gleiche Leistung». Sie empfinden es bereits als ungerecht und stellen ihre Mitarbeit eher ein, wenn der Artgenosse mit Wurst entlohnt wird, sie selbst jedoch nur Brot bekommen.

Ähnliche Ergebnisse in Versuchen mit Primaten waren es, die vor 15 Jahren den Startschuss für die Erforschung des tierischen Gerechtigkeitssinns gaben. Im Jahr 2003 berichteten die Verhaltensforscher Sarah Brosnan und Frans de Waal von Kapuzineraffen, die ein Stück Gurke aus der Hand eines menschlichen Experimentators ablehnten, wenn ein daneben sitzender Artgenosse für die gleiche Leistung eine viel leckerere Weintraube erhielt.

So aufsehenerregend diese Veröffentlichung war, so sehr hat sie Forscher seither auch zum Grübeln gebracht: Wie stark ist diese Form von Gerechtigkeitsempfinden bei Tieren ausgeprägt? Viele zunächst vermeintlich eindeutige Ergebnisse liessen sich von anderen Forschern nicht replizieren. Zudem beeinflussen zahlreiche Faktoren wie Alter, Geschlecht und die individuelle Persönlichkeit, wie sensibel ein Tier auf eine ungerechte Behandlung gegenüber einem Artgenossen reagiert.

Darüber hinaus zeigte sich immer wieder, welch grossen Einfluss die Anwesenheit eines Menschen auf die Ergebnisse haben kann. So tolerieren Affen eine ungerechte Belohnung viel eher, wenn sie statt von einem Menschen von einem Automaten ausgeteilt wird. In einem Experiment mit Raben mieden die Vögel einen Menschen, der sich nicht an eine zuvor ausgehandelte Abmachung in einem Tauschgeschäft gehalten hatte, mindestens einen Monat lang.

Vielleicht ist ja alles nur eine Frage der Zuneigung

Viele Forscher vermuten – trotz Unsicherheiten und methodischer Unterschiede zwischen den Studien –, dass etliche Tiere ­zumindest in Ansätzen erkennen, wenn sie die Dummen sind. Zugleich spricht vieles dafür, dass der Gerechtigkeitssinn je nach Spezies verschieden stark ausgeprägt ist. Wichtig sind die entsprechenden ­Antennen vor allem für Arten, die in Gemeinschaft leben und immer wieder entscheiden müssen, ob sie auch mit nicht verwandten ­Artgenossen kooperieren wollen. Wölfe zum Beispiel: Sie jagen gemeinsam und helfen einander bei der Aufzucht des Nachwuchses. Aus evolutionsbiologischer Sicht rechnet sich dieses Engagement für den anderen nur, wenn sich jeder sicher sein kann, seinen Teil abzubekommen.

Wie Tiere jedoch erkennen, ob das Prinzip des «Wie du mir, so ich dir» gewahrt bleibt und wie penibel sie tatsächlich auf dessen Einhaltung pochen, ist derzeit eine der grossen Fragen in der Erforschung der tierischen Fairness. Führen Wolf, Schimpanse und Ratte im Kopf kleinlich Buch über alles, was sie für einen anderen getan und dafür im Gegenzug erhalten haben? Das wäre aus derzeitiger Sicht vieler Forscher kognitiv recht fordernd und ein hoher Preis für das Leben in der Gemeinschaft.

Womöglich ist alles viel mehr eine Sache des Gefühls. Wer seinen Kooperationspartner mag, der muss nicht jede Kleinigkeit gegeneinander aufrechnen. Auch unter tierischen Freunden kann man sich, wenn das ­Gefälligkeitskonto kurzzeitig mal nicht ganz ausgeglichen ist, die Einstellung leisten: Passt schon. Hunde scheinen diese Haltung perfektioniert zu haben – sicher nicht die schlechteste Voraussetzung für das Zusammenleben mit dem Menschen.

Erstellt: 13.01.2019, 10:44 Uhr

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