In Uri dreht der Wind gegen den Wolf

Felix Jauchs Verhältnis zum Wolf ist belastet, das Raubtier macht ihm das Leben schwer. Nun kommt es dank dem Schäfer zu einer Abstimmung.

Felix Jauch führt einen Schafbetrieb samt Alp – und kämpft gegen den Wolf. Foto: Fabienne Andreoli

Felix Jauch führt einen Schafbetrieb samt Alp – und kämpft gegen den Wolf. Foto: Fabienne Andreoli

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Wenn der Absender ALAUri auf dem Handydisplay auftaucht, dann jagt der Puls von Felix Jauch in die Höhe. Der Urner Schafhalter wird nervös. Wolfsalarm. «Wolfsriss an zwei Schafen, Seelisberg», steht in der SMS. Oder: «Wolfssichtung, Schwanden.»

Jauchs Verhältnis mit dem Raubtier ist belastet. 2015 riss ihm der Wolf 15 Schafe aus der Herde. Diesen Sonntag, dreieinhalb Jahre später, stimmt Uri über den Wolf ab, «Regulierung von Grossraubtieren» heisst die Initiative. Jauch ist im Abstimmungskampf, er hält Referate, er montiert von Göschenen bis Flüelen Plakate und schreibt um 5.57 Uhr Kurznachrichten an Journalisten, um sie von seiner Sache zu überzeugen.

Jauch ist ein besonnener Mann und nimmt sich Zeit für seine Sätze. Doch geht es um den Wolf, dann hat er das Gefühl, die Zeit laufe ihm davon. Sein Schreckensszenario: Die heute rund 50 Wölfe in der Schweiz breiten sich weiter aus, werden noch mehr im Rudel aktiv – und dringen in Dörfer vor. «Dann kannst grad so gut mit den Schafen aufhören», sagt er.

Erst ausgelacht, nun federführend

Jauchs Abneigung gegen den Wolf ist schon älter, seine Skepsis tat er erstmals vor zehn Jahren kund – und wurde ausgelacht. Das hat sich geändert. Es brauchte dafür einen Abend im Restaurant Uri Rotstock in Isenthal im Jahr 2015, erzählt Jauch. Ein Dutzend Männer, Jäger und Schafbauern, sitzen um einen Tisch, voller Frust, voller Zorn. Sie fluchen über den Wolf, der wieder einmal über ihre Herden hergefallen ist. Sie möchten etwas tun, doch niemand will sich engagieren. Bis einer aufsteht. Felix Jauch. Kurz darauf gründet er eine Interessengemeinschaft gegen die Grossraubtiere, gegen den Wolf, den Luchs und den Bären. Die Sache bekommt Schwung.

Urner Politiker realisieren das politische Potenzial, eine Initiative wird ins Leben gerufen. Sie will einen Verfassungseintrag, der den Kanton dazu verpflichtet, Vorschriften bezüglich der Beschränkung von Grossraubtieren zu erlassen. 3188 Bürger unterschreiben das Begehren, fast zehn Prozent der Urner Bevölkerung.

Die Gegner um WWF, SP und die Grünen nennen die Initiative «Symbolpolitik», ja wirkungslos. Tatsächlich bestimmt der Bund und nicht die Kantone über die Wolfsjagd. Dabei gibt es klare Regeln: Reisst ein Wolf mehr als 25 Schafe in einem Monat, darf ihn der Bund zum Abschuss freigeben. Im Urnerland war das bisher zweimal der Fall, 2015 und 2016. Jauch und Kollegen sagen, die Verwaltung sei wolfsfreundlich und verschleppe die Entscheide. Es gehe diesen Sonntag darum vor allem auch um ein Zeichen, zudem sichere man sich durch die Abstimmung ab. Lockere der Bund die Regeln, wären die Urner dank einem Ja schon bereit, um gegen den Wolf vorzugehen.

Jauch mag seine Schafe

Der Wolf ist Jauch gar nicht mal so unähnlich. Er lebt monogam, ist sesshaft – und hat eine Schwäche für Schafe. Es ist 17.30 Uhr und Freitag, Jauch trägt Gnägi und Kappe, er muss seine Schafe füttern. Er mag sie. Er hat ihnen Namen gegeben. Bianca, Berna, Brotlisi. Jauch füttert abends, seine Frau morgens. Während der Woche arbeitet er in der Geschäftsleitung einer Urner Sozialversicherung. Das Wochenende gehört den Schafen. Im Juni schickt er seine Tiere bis Ende September auf seine Alp, bis zu 400 Schafe sömmern hoch über Seedorf. Dann muss er wieder Angst haben. Der Wolf.

Jauch ist ein Typ Mensch, der die Manntage seiner Schafzucht zählt. Bevor der Wolf hier wieder heimisch wurde, waren es rund 120 Tage Arbeit. Nun sind es über 300. «Das ist doch verrückt», sagt er. Die Zunahme begründet Jauch mit den Herdenschutzmassnahmen. Das Zäunen gibt Arbeit. «Und bringt kaum etwas», sagt Jauch. Der Wolf lerne schnell, überspringe Zäune von 130 Zentimeter Höhe und lasse sich auch von Stromstössen nicht aufhalten. Also hat sich Jauch zwei Herdenschutzhunde zugetan. 70 Kilogramm schwer, gross, furchteinflössend, aber auch voller Nebenwirkungen. Sie machen den Wanderern Angst. Ein weiterer Zaun muss ran, damit die Touristen um seine Alp herumgehen. Einen Kilometer Hag. Tage voller Arbeit.

Der Wolf ist Jauch nicht so unähnlich. Er lebt monogam, ist sesshaft – und hat eine Schwäche für Schafe.

Jauch erledigt Steuererklärungen von Bekannten. Sie bezahlen mit einem Tag Freiwilligenarbeit auf der Alp. So kann er die Manntage stemmen. Gäbe es plötzlich mehrere Hundert Wölfe, müsste er die Schafe jeden Abend einzäunen, Jauch schnauft auf: «Dann kannst einpacken.» Heisst für ihn: Die Tradition der Alpwirtschaft wäre in Gefahr.

Gabor von Bethlenfalvy ist der Wolfsexperte von WWF Schweiz. Er sagt, dass sich der WWF für die Züchter einsetze. Sie bekommen fachliche und finanzielle Hilfe bei den Schutzmassnahmen, dazu unterstützt der WWF den Einsatz von Freiwilligen auf der Alp. «Obwohl es heute wieder mehr Wölfe gibt, steigt der Anteil der gerissenen Nutztiere nicht an», sagt von Bethlenfalvy. Wenn nun Schafhalter den verstärkten Abschuss fordern, dann sei das «die ineffektivste Methode», um Schafe zu schützen, sagt der WWF-Mitarbeiter.

Walliser Gratulation zum Abschuss

Der Wolf polarisiert – und verbindet. So sandten die Walliser den Urnern einen Glückwunschleserbrief in der «Urner Zeitung», nachdem die Urner 2016 einen Wolf abgeschossen hatten. Begleitet war der Glückwunsch mit dem Nachsatz, man möge doch die Walliser Jäger ins Urnerland schicken, die könnten dort etwas lernen. Und als im September Schafzüchter in ganz Europa Mahnfeuer wegen des Wolfs entzündeten, machte auch Jauch mit. Nur sind im Kanton Uri Mahnfeuer verboten. Also beleuchtete Jauch mit drei Scheinwerfern den Nachthimmel. Blöd war da nur, dass Nebel über dem Urner Talboden lag – und kaum jemand etwas mitbekam.

Sichtbar wird aber immer mehr das politische Engagement gegen den Wolf. Der Wind hat gedreht. Die Schweizer Wolfsgegner wollen weniger Wölfe im Generellen, tiefere Abschusshürden und kantonale Autonomie im Speziellen. Doch vieles davon ist ausdrücklich verboten, der Wolf hat in Europa den Status «sehr geschützt». Die Walliser schauen gespannt, wie die Urner abstimmen, sie haben eine ähnliche Initiative aufgegleist. Aktuell läuft zudem die eidgenössische Jagdgesetzrevision. Der Ständerat hat das Gesetz bereits gelockert und den Kantonen mehr Freiheiten gewährt, es soll künftig möglich sein, die Zahl geschützter Tierarten zu verkleinern. Jetzt muss der Nationalrat darüber beraten. Isidor Baumann, Urner CVP-Ständerat und Schafhalter, ist zuversichtlich, dass das Gesetz so durchkommt. Geschieht dies, hat der WWF schon einmal mit dem Referendum gedroht.

«Wer nicht betroffen ist, befasst sich kaum damit. Das gilt in vielen Bereichen des Lebens»Felix Jauch

Es ist ein europaweiter Trend. Immer mehr Politiker nehmen sich des Wolfsthemas an, die Gegner nennen es Populismus. Die Diskussion handelt von einer gefühlten Gefahr und der Frage, wie ernst diese genommen werden muss. Im Sinn von: Steht Artenschutz über dem Wohl des Menschen? Oder umgekehrt?

Jauch hat sich dazu viele Gedanken gemacht. «Wer nicht betroffen ist, befasst sich kaum damit. Das gilt in vielen Bereichen des Lebens», sagt er und vergleicht es mit dem Fluglärm. Er als Urner kenne die Sorgen der Klotener nicht. Ähnlich verhalte es sich mit dem Wolf. So verstehe er es gar, wenn Städter über ihn den Kopf schütteln.

Das Gewehr aus dem Schrank

Auch in anderen Ländern will man den erleichterten Abschuss. Nur wird das unterschiedlich gehandhabt. In Italien wird gewildert. Illegal. In Schweden und Finnland erlauben die Regierungen teilweise die Wolfsjagd. Die Folge: Verwarnungen von der EU-Kommission. Die Schweiz hat nun beantragt, dass der Status des Wolfes von «sehr geschützt» auf «geschützt» gesenkt wird. Damit wäre der Wolf auf dem Niveau des Steinbocks und des Murmeltiers. Noch muss der Europarat einen Entscheid treffen.

Doch erst kommt Uri. Die Meinungen scheinen gemacht, die Leserbriefseiten sind einseitig (gegen den Wolf), nicht einmal der zuständige SP-Regierungsrat (für den Wolf) rechnet mit einer Ablehnung der Initiative.

Jauch sitzt an seinem Stubentisch, er hat Dokumente geholt von Wissenschaftlern, «von gescheiten Menschen», die den Wolf infrage stellen. «Am Ende geht es darum, ob man sein Eigentum schützen darf», sagt Jauch und erzählt, dass er das Gewehr aus dem Schrank hole, wenn es hart auf hart komme. Worauf ihm seine Frau zuruft, dass er ein hoffnungsloser Fall sei und sicher nichts treffe. Jauch, der beim Wolf keinen Spass versteht, beginnt zu lachen. Er weiss, manchmal ist ein politischer Vorstoss effektiver als jedes Gewehr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.02.2019, 20:51 Uhr

In Zahlen

50
Wölfe gibt es laut Schätzungen in der Schweiz. Gemäss Angaben des Bundesamts für Umwelt (Bafu) sind bislang drei Rudel nachgewiesen.

250
Nutztiere werden im Schnitt pro Jahr vom Wolf getötet. Die meisten davon sind Schafe. Die Zahl ist steigend. 90 Prozent von ihnen stammen gemäss Bafu aus Betrieben ohne Herdenschutzmassnahmen wie Elektrozäune oder Schutzhunde.

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