Ein Vogel verblüfft mit Höchstleistungen

Tauben können Picasso von Monet unterscheiden, Wörter identifizieren und haben einen Sinn für Mengen.

Tauben sind keine Allroundgenies, haben aber insbesondere ein Talent für das Erkennen und Ordnen von Bildern. Foto: Imago

Tauben sind keine Allroundgenies, haben aber insbesondere ein Talent für das Erkennen und Ordnen von Bildern. Foto: Imago

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George kannte seine Grenzen. Fiel ihm der Job leicht, vertraute er allein auf seine Fähigkeiten, schliesslich hatte er lange genug für diesen Test geübt. Doch auch eine Taube weiss manchmal nicht weiter, und dann zögerte George nicht, sich Hilfe zu holen. Dazu musste er nur mit dem Schnabel auf ein Symbol auf dem Bildschirm vor sich picken. Schon erschien ein weiss flackernder Rahmen um jenes von drei Bildern, das er laut Testprotokoll als nächstes be­rühren sollte.

Georges Aufgabe und die seiner drei Artgenossen Clara, Roki und Neon bestand darin, Symbole auf dem Bildschirm in einer vorher gelernten Reihenfolge anzupicken. Dabei gab es verschiedene Schwierigkeitsstufen, wie die Autoren um Sumie Iwasaki von der Kyoto University in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «Animal Cognition» beschreiben. Ihre Studie ist nur eine von vielen, die zur Würdigung eines unterschätzten Tiers beitragen: Tauben sind alles andere als tumb. In mancher Hinsicht erweisen sie sich als erstaunlich clever, ihr visuelles Gedächtnis ist phänomenal, und – das legt die aktuelle Studie nahe – sie wissen um ihre Stärken und Schwächen.

Die Meisterleistung der von Iwasaki getesteten Vögel bestand darin, schon vor Beginn der Aufgabe einzuschätzen, ob sie Hilfe benötigen oder allein zurechtkommen würden. Wie man es von einem verständigen Probanden erwartet, betätigten die Vögel die Hilfetaste häufiger, wenn sie mit einer schwierigen Aufgabe rechneten. Diese Einsicht, wie weit das eigene Wissen reicht – Wissenschaftler sprechen von Metakognition – stellt eine wichtige kognitive Leistung dar. Sie ermöglicht es, das Verhalten optimal an die aktuelle Situation anzupassen. Wer zum Beispiel vor der Matur steht und weiss, dass ihm Mathematik leicht-, Englisch dagegen sehr schwerfällt, tut gut daran, sich intensiver auf die Fremdsprache als auf Kurvendiskussion und Wahrscheinlichkeitsrechnung vorzubereiten.

Nicht so viel Hirn, aber Talent

«Metakognition erhöht die Anpassungsfähigkeit an die Umgebung und letztendlich die Überlebenschance», sagt die Kognitionswissenschaftlerin Leyre Castro Ruiz von der University of Iowa. Primaten traut man das zu, Delfinen auch, vielleicht noch Ratten. Mit Tauben hingegen verbinden die meisten Menschen Unrat und nervtötendes Gurren – nicht jedoch hoch entwickelte geistige Fähigkeiten. Zu Unrecht, meint Castro Ruiz: «Tauben zeigen einige wirklich erstaunliche kognitive Eigenschaften. Auf jeden Fall können wir bei ihnen Ansätze von Intelligenz beobachten.» Auch wenn die aktuelle Studie noch keinen endgültigen Beleg für Metakognition bei Tauben liefert, hält Castro Ruiz sie für sehr gut gemacht. Vor einigen Jahren ist die Wissenschaftlerin aus Iowa mit ihrem Team in ähnlichen Experimenten zu einem vergleichbaren Schluss gekommen.

Mit den extrem schlauen Raben­vögeln können Tauben es zugegebenermassen nicht aufnehmen. Das liegt auch an ihrer Gehirnanatomie. Obwohl Tauben und Saatkrähen etwa gleich gross sind, haben Letztere ein gut doppelt so grosses Vorderhirn mit viel dichter gepackten Nervenzellen. Allroundgenies sind Tauben also nicht. Doch auf einigen Gebieten glänzen sie derart, dass eine Ehrenrettung ihrer Art mehr als angebracht erscheint.

Es ist kein Zufall, dass es in all diesen Versuchen um das Erkennen und Einordnen verschiedener Bilder ging, denn zweifellos liegt darin das wahre Talent von Tauben. In einer berühmt gewordenen Studie lernten Tauben sogar anhand von Mustergemälden, Werke von Monet und Picasso zu unterscheiden. Nach der Übungsphase zeigten die Forscher – unter ihnen Shigeru Watanabe, der auch an der aktuellen Publikation beteiligt ist – den Vögeln eine Reihe von Gemälden der beiden Künstler. Obwohl diese Bilder nicht Teil der Übungsreihen gewesen und den Tieren unbekannt waren, ordneten die Tauben sie korrekt dem jeweiligen Künstler zu. Auch wenn die Bilder in Schwarzweiss oder nur in Ausschnitten gezeigt wurden, erzielten die Tauben noch eine hohe Trefferquote. Darüber hinaus konnten die Vögel das Gelernte sogar verallgemeinern. Zum Beispiel erkannten sie, dass Cézannes «Stillleben mit Zwiebeln» Monets Wasserlilien ähnlicher war als Picassos kubistischen Werken.

Wer impressionistische Gemälde von kubistischen unterscheiden kann, der findet auch winzige Samen auf grobkörnigem Untergrund. 

Nicht ganz geklärt ist, nach welchen Kriterien die Tauben diese Unterscheidung vornehmen. Warum die Vögel in dieser Disziplin derart glänzen, lässt sich hingegen leicht nachvollziehen. Ihre visuellen und kognitiven Fähigkeiten nützen ihnen in ihrem natürlichen Lebensraum. Wer impressionistische Gemälde von kubistischen unterscheiden kann, der findet auch winzige Samen und Krumen auf grobkörnigem Untergrund. Ausserdem hilft den Tauben ihr starkes visuelles Gedächtnis dabei, den Weg zu finden. Die Vögel merken sich markante Wegpunkte, um sich im Nahbereich zu orientieren.

Zahlreiche weitere Studien belegen, wie gut Tauben in der Lage sind, Sinneseindrücke in Kategorien einzuteilen. In Aufnahmen menschlicher Gewebepräparate unterscheiden sie zwischen gesundem Gewebe und Tumoren, wie Autoren um Richard Levenson von der University of California in Davis im Fachmagazin «PLOS One» beschreiben. Ebenso erkennen die Vögel schon nach kurzem Training, ob es sich bei Buchstaben­kombinationen um echte Wörter oder um unsinnige Silbenabfolgen handelt.

Wie die Autoren um Damian Scarf von der University of Otago in Neuseeland im Fachmagazin PNAS argumentieren, scheint diese Fähigkeit nicht auf blossem Auswendiglernen der gezeigten Wörter zu beruhen. Vielmehr erkennen die Tauben offenbar häufige Buchstabenkombinationen, wie sie etwa im englischen «done» (erledigt) vorkommen. «Done» identifizierten die Tauben korrekt als Wort, während sie «dnoe» zu Recht als Unsinn abtaten. In einer früheren Studie hatte ein Team um Scarf ausserdem gezeigt, dass Tauben Bilder mit jeweils verschieden vielen Objekten nach aufsteigender Anzahl der abgebildeten Gegenstände ordnen können.

Gelehrig sein, schlau wirken

Manchmal glänzen die Vögel sogar in Aufgaben, die sie eigentlich gar nicht beherrschen. Forscher um Robert Epstein brachten Tauben bei, vor einem Spiegel nach einem Punkt an ihrem eigenen Hals zu picken. Damit verhielten sich die Vögel nicht anders als etwa Primaten. Diese verstehen, dass der Artgenosse gegenüber nur aus ihrem eigenen Spiegelbild besteht. Wenn das Gegenüber einen komischen Fleck am Kinn hat, muss man sich also ins eigene Gesicht fassen, um die Markierung zu untersuchen. Diese Erkenntnis gilt als wichtiger Entwicklungsschritt zum Ichbewusstsein. Tauben verfügen darüber nach allem, was bekannt ist, nicht. Doch sie sind gelehrig genug, um diesen Makel durch fleissiges Training ausgleichen zu können. Auf einen nicht eingeweihten Beobachter wirken sie dann ähnlich schlau wie ein Schimpanse.

Vielleicht helfen all diese Erkenntnisse, Tauben mit anderen Augen zu sehen. Wenn es das nächste Mal auf dem Balkon gurrt, sitzt da keine «Ratte der Lüfte». Sondern ein gelehriger Vogel mit Sinn für Kunst, Mengen und Wörter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2018, 23:56 Uhr

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