Clevere Frühaufsteher im Dschungel

Frei lebende Schimpansen planen ihr Frühstücksmenü. Um möglichst viele energiereiche, süsse Früchte im Dschungel zu finden, wenden sie Tricks an und nutzen ihr Langzeitgedächtnis.

Je süsser, desto besser: Schimpansenweibchen im westafrikanischen Taï National Park beim Feigenmahl. Foto: Martyn Colbeck

Je süsser, desto besser: Schimpansenweibchen im westafrikanischen Taï National Park beim Feigenmahl. Foto: Martyn Colbeck

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Früh am Morgen verlassen die Schimpansen im westafrikanischen Taï National Park an der Elfenbeinküste ihre aus Zweigen und Blättern in einem Baum angefertigten Schlafnester. In der Morgendämmerung schlagen sie sich dann querfeldein und mit leerem Magen durch den Regenwald, um einen geeigneten Frühstücksbaum ausfindig zu machen. Vor allem wenn leckere Feigen reif sind, wollen sie als Erste dort sein und sich die zuckersüssen Früchte nicht von irgendwelchen Rivalen vor der Nase wegschnappen lassen.

Unsere nächsten Verwandten ernähren sich zum grössten Teil pflanzlich und scheinen bei der Futtersuche keine Mühe zu scheuen, um die besten Früch­te der Saison im unübersichtlichen Dickicht zu erwischen. Ihr tägliches Frühstücksmenü planen sie dabei zumeist gezielt im Voraus. Der Grund: Auch ein noch recht intakter Regenwald ist kein Schlaraffenland, in welchem sie nur noch ihre Hände ausstrecken und zugreifen müssten. Im Gegenteil legen sie häufig lange Märsche von durchschnittlich zwei bis fünf Kilometern am Tag zurück, um gutes Futter zu finden. Wie eine aktuelle Studie im American Journal of Primatology jetzt zeigt, sind vor allem reife Früchte oft Mangelware.

Obwohl es im Taï National Park rund 1000 Baumarten gibt, produzieren beispielsweise nur etwa 150 davon Früchte, die Schimpansen als Futterquelle nutzen können. Denn sie haben einen einfachen Magen, sodass sie vieles schlichtweg nicht verdauen können. Und da auch in der Wildnis die Konkurrenz nicht schläft, sind sie regelrechte Frühaufsteher. Um sie bei ihrer Nahrungssuche und Futterwahl im Detail zu beobachten, ist die Niederländerin Karline Janmaat vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie jeweils noch einiges vor den Schimpansen aufgestanden.

Nachts durch den Dschungel

Ausgerüstet mit langen, khakifarbenen Hosen, langärmeligem T-Shirt, hohen Gummistiefeln, mehreren Trinkflaschen, Verpflegung, Kamera und Aufnahmegerät hat sich die Biologin häufig gegen drei Uhr in der Nacht von der Forschungstation im Nationalpark aus auf den Weg gemacht, um dann eineinhalb Stunden durch die Dunkelheit zu den Schlafnestern der Schimpansen zu ­gehen.

Schliesslich musste sie die Tiere am selben Ort wieder finden, wo sie diese zuletzt am Abend beim Schlafnest noch gesehen hatte. Denn die fünf in der Studie beobachteten Schimpansen-Weibchen hatten keine GPS-Sender unter die Haut implantiert bekommen, sodass es zu einem späteren Zeitpunkt für die ­Forscherin schwierig gewesen wäre, die Fährte der Tiere aufzunehmen.

Botanische Kenntnisse

«Ich möchte sie nicht stören oder ihr Verhalten beeinflussen, sondern ihnen lediglich im Taï National Park unauf­fällig folgen», sagt Karline Janmaat. An insgesamt 275 Tagen über drei Jahre hinweg hat sie zusammen mit ihrem Kollegen Simon Ban die Rufe der Schimpansen aufgezeichnet und alle Beobachtungen mit Hilfe eines Aufnahme­geräts festgehalten. Welche Bäume steuern sie wann und wo an? Passiert dies per Zufall, weil sie gerade dort vorbeikommen? Oder ist es Absicht? Und wenn ja, merken sie sich die guten ­Futterplätze?

Im ganzen Land leben vermutlich nur noch 1000 bis 2000 Schimpansen, in den 80er-Jahren waren es dagegen noch rund 12 000. Die wenigen an der Elfenbeinküste verbliebenen Schimpansen-Populationen verteilen sich auf ein ­weites Gebiet. Die vermutlich einzige überlebensfähige Population lebt im Taï Nationalpark. Im Jahr 2012 zählten Affenforscher dort allerdings nur noch rund 264 Tiere. Denn auch diese Population ist durch Wilderei extrem bedroht.

Um sie nicht noch weiter durch den Menschen zu gefährden, trägt die Wissenschaftlerin bei ihrer Exkursion in der westafrikanischen Wildnis die ganze Zeit einen Mundschutz. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass sie die Schimpansen mit menschlichen Krankheitserregern anstecken könnte, sagt Janmaat, die in der Forschungsgruppe des re­nommierten Schweizer Schimpansenforschers Christophe Boesch arbeitet.

Süsser Treibstoff

Die Wahl der richtigen Nahrung ist für Schimpansen sehr wichtig, weil zum Beispiel bei den Weibchen zu wenig Obst auf dem Speiseplan zu Problemen bei der Fortpflanzung führt. Hinzu kommt, dass Schimpansen ein relativ grosses Gehirn haben und dieses mit Energie versorgen müssen. «Dies bedeutet, dass sie kalorienreiche Nahrung brauchen und vor allen anderen dort sein wollen», sagt Janmaat. Sie habe ­sogar erlebt, dass Schimpansen sich gegenseitig überholen. Denn je reifer eine Frucht sei, desto mehr Energie liefere diese. Das sei ein Ansporn.

Gemeinsam mit anderen Forschern hat Janmaat festgestellt, dass frei lebende Schimpansen bei der Futtersuche ihr Langzeitgedächtnis nutzen. Sie merken sich über eine Dauer von mindestens zwei Monaten die Grösse und geografische Lage bestimmter Bäume, von denen sie bereits in einer vergangenen Saison Früchte genascht haben.

Dass Schimpansen nicht ziellos durch den Dschungel tingeln, zeigt sich auch darin, dass sie ihre Schlafnester meist schon auf dem Weg zum nächsten lukrativen Feigenbaum einrichten. Und dass sie diesen zuerst erfolgreich ernten, bevor sie sich ans Nüsseknacken machen. «Dazu benutzen sie Werkzeug, was andere Tiere in dieser Gegend nicht können», sagt Janmaat. Es gibt für diese Art von pflanzlicher Nahrung somit keine Konkurrenz und auch keine Eile.

Wenn die Schimpansen am Tag nach jungen Blättern oder reifen Früchten Ausschau halten, sind sie stets wachsam und vorsichtig. Davon profitiert auch die Forscherin: «Ich fühle mich in ihrer Gegenwart sicher», sagt Janmaat. Denn die Affen hätten sie schon vor einer Giftschlange gewarnt. Und auch vor einem Leoparden, obwohl dieser eigentlich keine Menschen angreife.

Erstellt: 16.02.2016, 19:02 Uhr

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