«Wir verbinden die Tiere zu einem globalen Netz»

Soll der Mensch Hunderttausende Tiere mit Sensoren versehen, um sie zu überwachen? Und dürfen Drohnen diese töten? Zoologe Martin Wikelski über das Internet der Tiere.

Martin Wikelski mit ausgestopfter Ente: «Das geheime Wissen der Tiere muss weltweit zugänglich sein.» Foto: Urs Jaudas

Martin Wikelski mit ausgestopfter Ente: «Das geheime Wissen der Tiere muss weltweit zugänglich sein.» Foto: Urs Jaudas

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Herr Wikelski, es heisst, Sie hätten eine Katze. Wie heisst sie?
Luna.

Haben Sie Luna auch besendert? Also mit einem GPS-Tracker bestückt, damit Sie ihr über Funk folgen ­können?
Natürlich. Luna gehört zu den von mir besenderten Tieren. Sie trägt ab und zu mal einen Sender mit Hochleistungssensorik.

Auch Luna steht im Dienst der Forschung?
Ja. Luna ist eine Probandin für ein neues Beobachtungssystem von Katzen. ­Lunas Sensor, platziert in einem schmalen Halsband, soll feststellen, wann ­Katzen jagen. Katzen sind bekanntlich Raubtiere und reissen Vögel. Der Sensor wird in Zukunft einen Warnton ausstossen, wenn sich ein Tier an Vögel ­anschleicht, sodass der Vogel erschrickt und davonfliegt.

Luna befindet sich in guter Gesellschaft. Sie sind der Initiant des Icarus-Projekts, das mit einem Satelliten 400 Kilometer über der Erde eine Tracking-Plattform schafft, die Zehntausende mit Sendern bestückte Tiere erfasst. Das viel beachtete Unternehmen hat sich aber verzögert. Wann startet Icarus endlich?
Icarus geht am 24. Juni online, um Daten von zuerst ein paar Hundert mit Sendern bestückten Tieren zu übermitteln. Die Zahl wird sich rasch steigern. Das System kann mit bis zu 15 Millionen Sendern interagieren.

Der Start von Icarus kommt mit über einem Jahr Verspätung. Was haben Sie falsch gemacht?
Es waren nicht technische Probleme. Vielmehr gab es mit unserem Partner Russland Diskussionen, wie das System nach der Testphase gemeinsam genutzt werden soll.

Mit der Icarus-Technologie lassen sich auch Menschen überwachen.
Das befürchtete ich nicht. Zum Tracken von Menschen gibt es bereits effizientere Technologien. Aber selbstverständlich gibt es bei unseren Partnern auch kommerzielle Interessen. Naturschutzorganisationen sind daran interessiert, riesige Fischernetze zu überwachen, die immer wieder reissen; Teile davon treiben dann als Geisternetze ab. Diese sind tödliche Fallen für Meerestiere und verschmutzen die Ozeane mit Tonnen von Plastikpartikeln.

Eines der Ziele von Icarus ist, Daten zu gewinnen, die Naturforscher im Kampf gegen das Artensterben ­unterstützen. Wie soll das gehen?
Wir können etwa Wanderrouten von Tieren nachvollziehen, um diese besser zu schützen, indem wir die Lebensräume von Mensch und Tier aufeinander ­abstimmen. Oder wichtige Lebensräume der Tiere zeitweilig schützen, indem wir Sandstrände für die Eiablage der Meeresschildkröten für ein paar Tage schliessen. Zudem: Die Tiere sind das beste Informationssystem, um Erkenntnisse über die Natur zu erlangen: übers Wetter etwa, über drohende Katastrophen wie Erdbeben oder Flutwellen, über die Ausbreitung von Krankheiten. Tiere sind Biosensoren, mit Icarus verbinden wir sie zu einem globalen Netz.

Grundsätzliche Frage: Welchen Grund ausser Sentimentalität gibt es, für die Artenvielfalt zu kämpfen? Kein ­anderes Lebewesen hat sich in der Geschichte der Evolution so verhalten.
Stimmt. Aber es ist der Mensch, der als erstes Lebewesen auf diesem Planeten zu verstehen beginnt, wie wichtig Artenvielfalt fürs eigene Überleben ist. Wir wissen, dass Ökosysteme der Gesetzmässigkeit folgen: «Diversity begets productivity», Vielfalt schafft Produktivität. Das gilt für Systeme von Pflanzen ebenso wie für die Tierwelt. So funktioniert das Leben. Der Mensch muss im eigenen Interesse dafür sorgen, dass die Diversität erhalten bleibt.

Mit dem Internet der Tiere gewinnen wir nicht nur Daten über eine Art, über die Population, sondern auch Erkenntnisse über ein Individuum. Verändert sich so unser Verhältnis zu den Tieren?
Ganz entscheidend. Denken Sie nur an den Fall des Löwen Cecil in Zimbabwe. Zoologen rüsteten das Tier mit einem GPS-Halsband aus, sodass man rekonstruieren konnte, auf welch grausame Art und Weise ein amerikanischer Trophä­enjäger Cecil 2015 tötete. Der Abschuss löste einen Sturm der Entrüstung aus: Hunderttausende Menschen unterschrieben eine Onlinepetition und ­forderten ein Verbot der Löwenjagd. Das heisst: Durch die digitale Technik erhält das Tier eine Biografie. Es wird zum ­Individuum, das uns nicht gleichgültig ist. Ich bin überzeugt, das Internet der Tiere schafft ein neues Verhältnis der Nähe zur Tierwelt, das von Kenntnis und Empathie geprägt ist.

«Menschen, die Empathie zeigen gegenüber Tieren, tun dies auch gegenüber ihren Mitmenschen.»

Sie sprechen begeistert von einer Disruption des Tierschutzes. Dabei haben wir doch ungleich grössere Probleme: Wir müssen zuerst ­Empathie für unsere Mitmenschen auf­bringen. Etwa für diejenigen in Afrika, die vom Hungertod bedroht sind. Müssten Sie nicht diese ­besendern?
Ja, wir haben grosse Probleme. Doch in beiden Fällen geht es um dasselbe: um ein Verständnis für das Leben. Ich glaube daran, dass Menschen, die Empathie zeigen für Wildtiere, dies auch gegenüber ihren Mitmenschen tun. Zudem haben die gewonnenen Daten oft einen direkten Bezug zu den Menschen. Dann etwa, wenn wir aus Bewegungsmustern von Kamelen lernen, wie diese Tiere schwere Atemwegserkrankungen auf dem Hadsch bis nach Mekka verbreiten.

Wenn immer mehr Tiere an ein globales Informationsnetz ­angeschlossen sind, drohen doch Schreckens­szenarios. Etwa die ­Totalüberwachung von ­verdrahteten Nutztieren in einer gewinnmaximierten Agrarindustrie.
Solche Gefahren bestehen, ich will dies nicht bestreiten. Aber als Wissenschaftler glaube ich: Wissen ist besser als Nichtwissen. Und deshalb bin ich fest der Überzeugung, wir haben diese ­Technologie zu entwickeln. Für deren Verwendung werden wir ethische ­Lösungen finden.

Trotzdem: Soll diese Technologie in Wahrheit nicht die Herrschaft des Homo sapiens über alle Tiere dieser Welt perfektionieren? Dies ist doch nur ein letzter Akt in der ­Kolonisation der Natur.
Viele Leute, die zum ersten Mal vom Konzept eines Internets der Tiere hören, unterliegen einem Missverständnis. Damit es klar ist: Niemand strebt nach der Totalüberwachung. Niemand beabsichtigt, allen Tieren dieser Welt einen Sender einzupflanzen. Heutzutage werden im Dienst von Wissenschaft und Naturschutz Hunderttausende Vögel beringt, um Daten über Zugrouten, Ortstreue oder Lebenserwartung zu gewinnen. Mit dem Internet der Tiere müssen wir sehr viel weniger Tiere fangen. Und digital erhalten wir sehr viel mehr und sehr viel exaktere Daten.

Lassen Sie uns ein Szenario ­durchspielen. Vor der Küste ­Australiens sterben regelmässig Menschen nach Hai-­Angriffen. ­Biologen haben ­deshalb Raubfische mit GPS-Trackern ausgerüstet, um Surfer zu warnen, wenn Gefahr droht. Sollte aber ein besendertes Tier ­trotzdem einen Menschen töten – was dann? Müssen wir es orten, verfolgen und exekutieren? Möglicherweise gar mit einer Killerdrohne?
Letzteres sollte nicht passieren. Aber ob ein solches Tier gefangen und verfrachtet oder getötet werden müsste, das ist ein relevanter Punkt. Deshalb etablierten wir in der Tat ein ethisches Komitee aus Spezialisten, das sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Aber was sagen Sie?
In dem Szenario mit dem Hai stehen wir vor einer komplexen Frage. Angenommen, wir etablieren ein System, das eine identische Tragödie mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindert, dann würde ich den Hai nicht töten. Wenn wir jedoch wissen, dass es sich um ein besonders aggressives Tier handelt, das vom Fresstrieb geleitet war, und mit einem erneuten Angriff auf einen Menschen zu rechnen ist: Dann muss der Hai sterben.

Es ist bemerkenswert, dass Digitaltechnologie den Menschen zurück zur Natur führen soll. Die Öko­logie-Bewegung behauptet hingegen, wir müssen dafür in den Wald gehen und Bäume umarmen. Glauben Sie, diese Leute überzeugen zu können?
Das eine schliesst das andere nicht aus. Unsere Technologie erlaubt, Wildtiere zu schützen, ihr Überleben zu garantieren. Ausgestorbene Tierarten können Sie nicht mehr umarmen.

Wie viele Tiere wollen Sie besendern?
Aus ethischen Gründen möglichst wenige. Welche Tiere wir besendern, hängt oft damit zusammen, was wir über sie wissen. Ein Beispiel: Wir haben Landwirtschaftstiere vor, während und nach einem Erdbeben besendert. Kühe verhalten sich vor einem Beben aussergewöhnlich ruhig. Hunde und Schafe rennen indes scheinbar unbe­gründet wild umher – und machen die erstarrten Kühe verrückt. Nach kurzer Zeit ist die ganze Farm in Aufruhr. Dieses Schwarmverhalten könnte uns vor Erdbeben warnen. Solche Zusammenhänge muss man kennen, um dann ­Tiere mit Sendern zu versehen.

Welche Regel müssen wir durchsetzen in einer Zeit des Internets der Tiere?
Erstens muss garantiert sein, dass durch das Besendern ein Tier nicht beeinträchtigt und verletzt wird. Zweitens: dass das Tier natürlich weiterleben und sich verpaaren kann. Und drittens: dass die Informationen, die man gewinnt, für Tier und Mensch genutzt und nicht monopolisiert werden. Das geheime Wissen der Tiere muss weltweit zugänglich sein.

Zurück zu Luna. Man kann sich ­fragen, ob es für eine Katze nicht frustrierend ist, wenn sie nie mehr einen Vogel erwischen wird. Ist das artgerecht?
Ich glaube, das Jagen wird Luna nach wie vor Spass machen – auch wenn sie nicht mehr Vögel fangen und verspeisen wird. Futter hat sie ja genug. Das ­bekommt sie bei uns daheim.

Erstellt: 01.06.2019, 09:50 Uhr

Die Vernetzung der Tierwelt

Mit der Integration der Tierwelt in ein globales Datensystem will die Wissenschaft mehr über das Leben der Tiere herausfinden: auf welchen Routen sie wandern etwa, unter welchen Bedingungen sie leben. Diese Erkenntnisse dienen der Verhaltensforschung, dem Artenschutz, aber auch der Vorhersage von Naturkatastrophen. Die Technologie, dieses Internet der Tiere, ist nicht unumstritten. Mit der Überwachung aus dem All stellen sich ethische Fragen. (red)

Der Mann hinter Icarus

Martin Wikelski (53) ist Biologe und Vogelkundler. Der Deutsche ist Professor an der Universität Konstanz und Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie. Wikelski ist der Mann hinter Icarus, einer ambitionierten internationalen Kooperation zur Ortung und Beobachtung von Tieren aus dem Weltraum. Wikelski tritt am kommenden Dienstag, 4. Juni, an der Tagung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (Rüschlikon ZH) zum Thema «The Power of Prediction auf». (red)

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