«Das Experiment halte ich für absolut vertretbar»

Frank Keutsch erprobt eine Technik, die er selbst ablehnt: Sein Team wird Partikel in der Stratosphäre freisetzen, mit denen sich vielleicht das Klima kühlen liesse.

Geoengineering: Frank Keutsch plant ein Experiment in Arizona, um das Erdklima abzukühlen. Bild: Harvard/Grinell

Geoengineering: Frank Keutsch plant ein Experiment in Arizona, um das Erdklima abzukühlen. Bild: Harvard/Grinell

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Im Herbst nächsten Jahres wollen Forscher der Harvard-Universität das sogenannte Solar Geoengineering umfangreicher als je zuvor testen: Ein Ballon soll über der Wüste von Arizona in die Stratosphäre aufsteigen und dort reflektierende Partikel ausstreuen, unter anderem etwa 100 Gramm Kalkstein. Theoretisch könnte mit solchen Methoden eines Tages die Erde gekühlt werden. Bringt man genug Partikel in die Atmosphäre, würden sie eine Art Sonnenschirm bilden. Projektleiter Frank Keutsch hofft dennoch, dass die Welt nie auf so etwas angewiesen sein wird.

Was wollen Sie mit dem Versuch in Arizona herausfinden?
Ich will verstehen, wie die Substanzen in der Stratosphäre reagieren. Und dann, welche Substanzen die geringsten Nebenwirkungen haben. Denn eines muss man sich klarmachen: Risiken werden sie alle haben. Wir wollen nur zeigen, wie gross diese Risiken sind. Es könnten ja eines Tages politische Entscheidungsträger sagen: Wir müssen jetzt über solch eine Manipulation des Klimas nachdenken. Dann liefern wir die Fakten und können in Bezug auf einige Risiken sagen, was dann tatsächlich passieren würde. Damit die Politiker abwägen können. Entscheidungen sollten nie aus Ignoranz getroffen werden.

Sie wollen also zeigen, ob Solar Geoengineering funktioniert oder nicht?
Nein. Die Frage ist wirklich nur: Wie gross sind die Risiken? Das ist etwas anderes, als zu sagen: Funktioniert es oder nicht. Die Realität ist nicht schwarzweiss. Das würde voraussetzen, dass es eine magische Substanz gibt ohne Nebenwirkungen. Aber man kann nicht eine Million Tonnen einer Substanz in die Atmosphäre einbringen, ohne dass es Nebenwirkungen gibt. Es kann durchaus sein, dass unsere Forschung zeigt: Alle Substanzen haben Nebenwirkungen, die ihren Einsatz vollkommen ausschliessen. Und das wäre auch wichtig zu wissen. Viele denken ja: Wir forschen, weil wir das tatsächlich anwenden wollen. Das stimmt aber nicht.

«Geoengineering lässt sich mit Schmerzmitteln vergleichen: Beide haben Nebenwirkungen und bekämpfen Symptome.»

Sie wollen sich selbst widerlegen.
Ja, durchaus. Ich verstehe nicht, wie man von der Methode überzeugt sein kann. Zumal wir viel zu wenig darüber wissen. Als Wissenschaftler will ich Systeme verstehen, quantifizieren und Fakten finden. Punkt.

Verstehe ich Sie richtig: Sie halten Solar Geoengineering nicht für eine Lösung des Klimaproblems?
Es ist keine Lösung. Solar Geoengineering lässt sich gut mit Schmerzmitteln vergleichen: Sie sind Fremdsubstanzen im Körper, die man nimmt, wenn der Leidensdruck gross genug ist. Sie bekämpfen nur die Symptome, nie die Ursachen. Und sie haben Nebenwirkungen. Man kann sich vergiften und davon abhängig werden. Es ist aber gefährlich, den Schmerz wegzunehmen, weil man ihn dann nicht mehr merkt und sich nicht mehr um das eigentliche Problem kümmert. Beim Geoengineering ist es genauso.

Kollegen von Ihnen propagieren Geoengineering, um Zeit für den Übergang in eine kohlenstofffreie Welt zu gewinnen.
Selbst das halte ich für ein gefährliches Argument. Denn das könnte die Menschen dazu animieren, so weiterzumachen wie bisher. Es ist denkbar, dass sich Energiekonzerne das zunutze machen und weiter Kohle verbrennen. Und zwar mit der Begründung: Wir haben ja Zeit gewonnen.

Gibt es weitere Probleme?
Wenn wir erst mal damit angefangen haben, Substanzen in die Stratosphäre zu pumpen, und dann nach ein paar Jahren herausfinden, dass wir etwas übersehen haben und aus welchem Grund auch immer den Eingriff schlagartig abbrechen müssen – dann stehen wir vor einem gewaltigen Dilemma. «Termination Schock» nennen das die Wissenschaftler: Wenn ich urplötzlich den Sonnenschirm einklappe, dann schnellt in kürzester Zeit die Temperatur wieder hoch, denn die Klimamanipulation hat die Erderwärmung ja nur überdeckt. Und dann stehen wir genau vor dem Problem, das wir eigentlich verhindern wollten: eine schnelle Klimaveränderung. An die können wir und unsere Ökosysteme uns aber nicht schnell genug anpassen. Abgesehen davon verhindert die Manipulation des Klimas nicht, dass die Ozeane weiter versauern. Es ist also keine Lösung.

Und wenn man ohne Geoengineering den Klimawandel nicht in den Griff bekommt?
Wir müssen absolut hoffen, dass es zu so etwas wie Solar Geoengineering nie kommen wird. Wir müssen hoffen, dass es reicht, wenn die Welt ihren CO2 auf null senkt und vielleicht noch CO2 aus der Atmosphäre holt – was ja auch nicht ohne Konsequenzen ist. Das genügt hoffentlich, um die Klimaveränderungen zu dämpfen und das Leid der Menschen in Grenzen zu halten. Ich stehe dem Solar Engineering recht skeptisch gegenüber. Aber ich finde, das ist kein Grund, keine Forschung zu machen.

Aber mit Ihrer Forschung schaffen Sie ein Einfallstor. Kann das nicht dazu beitragen, dass es am Ende dann doch gemacht wird?
Ich teile diese Sorge. Unser Experiment selbst ist in seiner physischen Wirkung stark begrenzt, um nicht zu sagen trivial. Aber die Frage ist: Was ist die Bedeutung des Experiments? Wird es so sein, dass anschliessend viele sagen: Wir machen jetzt ähnliche Experimente, aber in noch grösserem Massstab? Bricht dann der Damm, und es öffnen sich Tür und Tor für alles Mögliche? Darüber müssen wir reden. Und wir brauchen Grenzen – ähnlich wie bei der Stammzellenforschung.

Wo ziehen Sie für sich selbst die Grenze?
Das Experiment halte ich für absolut vertretbar: Wir quantifizieren die ­Risiken in sehr begrenztem Raum und sehr begrenzter Zeit. Wir testen nicht die Klimaantwort auf Geoengineering. Das können wir nur testen, indem wir es mit Computern modellieren. Solche Experimente bin ich bereit mitzu­machen.

An welchem Experimenten würden Sie sich nicht beteiligen?
Ich möchte nicht an Experimenten teilhaben, die immer grösser und grösser werden. Schon allein deswegen, weil das in die Klimaforschung übergehen würde – und ich bin Atmosphärenchemiker. Zum Zweiten halte ich das für eine ganz andere Kategorie der Forschung: Sobald man an dem Punkt angelangt ist, dass man das lokale Klima verändern kann, kann ich mir im Augenblick nicht vorstellen, jemals dafür zur Verfügung zu stehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2017, 17:37 Uhr

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Frank Keutsch


Der deutsche Forscher ist seit 2015 Professor für Atmosphären­forschung und Chemie an der Harvard University in Massachusetts USA.

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