Das Gesicht des Klimanotstands

Riesige Wälder vernichtet, Millionenschaden für die Wirtschaft: Was der Schweiz durch die Erderwärmung droht, ist in Deutschland bereits Realität.

Abgestorbene Fichten am Hang des Brocken zeugen von Klimaerwärmung und Borkenkäfer. Foto: Berhnard Odehnal

Abgestorbene Fichten am Hang des Brocken zeugen von Klimaerwärmung und Borkenkäfer. Foto: Berhnard Odehnal

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«Geniessen Sie noch kurz die Aussicht, bevor unser Zug durch einen dichten Nadelwald fährt.» So tönt es aus den Lautsprechern in den Waggons des Nostalgiezugs, der sich vom höchsten Berg im nördlichen Deutschland, dem Brocken, in die Tiefe schraubt. Die Ansage vom Tonband ist offensichtlich älteren Datums, denn den berühmten deutschen Wald – den gibt es hier nicht mehr.

Würde jemand das Wort «Klimanotstand» visualisieren wollen – im Harz, dem Mittelgebirge zwischen den Bundesländern Thüringen und Sachsen-Anhalt, wären die passenden Bilder zu finden: Kahle Baumgerippe ragen in den Himmel. Manche Stämme sind auf halber Höhe geknickt, andere samt Wurzel umgefallen. Die Hänge des sagenumwobenen «Blocksbergs», von Goethe im «Faust» und von Otfried Preussler in der «Kleinen Hexe» verewigt, sehen heute wie die Kulisse eines Horrorfilms aus: eine unwirtliche Tristesse in Grau und Braun.

Es war kein Feuer, das im Nationalpark Harz das saftige Grün des Fichtenwalds vernichtete. Der «Buchdrucker» genannte Fichtenborkenkäfer zeigt eine ebenso grosse Zerstörungskraft. Freilich mit menschlicher Unterstützung. Denn ohne Klimawandel könnte sich das fünf Millimeter kleine Tierchen nie so schnell ausbreiten.

«Für die Menschen im Harz ist der Klimawandel eine Katastrophe.»

An der Vorbereitung der Katastrophe arbeiteten die Menschen, unwissentlich, seit Jahrhunderten: Sie lebten von Bergbau und Hüttenwesen, rodeten den ursprünglichen Mischwald und forsteten mit schnell wachsenden Fichten auf. Mit den Monokulturen allein wäre die Natur noch fertiggeworden, nicht aber mit den heissen und extrem trockenen Sommern der vergangenen Jahre. Die Hitze schwächte die Bäume und liess die Borkenkäfer in höhere Regionen aufsteigen, wo es ihnen bisher zu kalt gewesen war.

Für den Buchdrucker ist der Klimawandel ein Fest. Für die Menschen im Harz eine Katastrophe. Nicht nur optisch. Auf vielen Quadratkilometern müssen die toten Stämme gefällt und weggebracht werden, damit sich die Käfer nicht weiter ausbreiten. Die Kosten sind enorm. Gleichzeitig drücken die Abholzungen den Holzpreis. Ausflugsgäste bleiben der zerstörten Landschaft fern. Für eine Region, die vom Tourismus lebt, ist das tödlich.

Bis zu 100'000 Nachkommen – pro Jahr

Der Klimanotstand ist also bereits in unserer Nachbarschaft Realität. Wir müssen dafür nicht auf untergehende Inseln im Pazifik zeigen. Riesige Monokulturen wie im deutschen Harz oder in Tschechien gibt es in der Schweiz zwar nicht, aber die Fichte ist auch hier die häufigste Baumart. Wetterextreme können auch hier die Vermehrung der Schädlinge beschleunigen: Stürme kippen die flachwurzelnden Fichten, im Totholz finden die Borkenkäfer ideale Brutstätten, bei Hitzewellen vermehren sie sich rasant. Ein Buchdrucker-Pärchen kann pro Jahr zwischen 30'000 und 100'000 Nachkommen produzieren.

Mit Gift ist ihnen nicht beizukommen, Insektizide erreichen die unter der Rinde wohnenden Käfer gar nicht. Einzige Chance bleibt, der Natur ihre Widerstandskräfte zurückzugeben: Bäume dort wachsen lassen, wo sie hingehören. Monokulturen den gefrässigen Käfern überlassen und das zerstörte Land dann mit Mischkulturen aufforsten. Und: die Erderwärmung stoppen. Das alles braucht jedoch viel Zeit. Kurzfristig wird es wohl noch schlimmer werden. Mehr Bilder wie jene des zerstörten Harzwaldes werden uns in naher Zukunft nicht erspart bleiben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.05.2019, 19:51 Uhr

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