Das müssen Sie über Heuschnupfen wissen

Wann genau die Pollen auftreten, warum immer mehr Menschen betroffen sind und wie man die Beschwerden reduzieren kann.

Beginnen in der Regel ab dem Schulalter: Die Beschwerden wegen einer Pollenallergie.

Beginnen in der Regel ab dem Schulalter: Die Beschwerden wegen einer Pollenallergie. Bild: Keystone

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Niesattacken, beissende Augen, Juckreiz in Gaumen, Nase und Ohren, teilweise auch Kopfschmerzen oder sogar Asthma: Mit dem Frühling hält in der Schweiz auch wieder die Pollensaison Einzug, die für viele Menschen zu Beschwerden führt. Die Pollenallergie ist die häufigste allergische Erkrankung in unseren Breitengraden. Ein Fünftel der Bevölkerung ist vom sogenannten Heuschnupfen betroffen.

Die meisten Betroffenen reagieren nicht nur auf eine Pollenart, sondern auch auf solche von verwandten Pflanzen. Aus der Vielzahl der in der Luft enthaltenen Pollen sind allerdings nur einige von Bedeutung: Hasel, Erle, Birke, Esche, Gräser und Beifuss sind für über 90 Prozent der Allergien verantwortlich. Weitere Arten sind schwach oder mässig allergen.

Pollen von Hasel und Erle können schon im Januar auftreten, sind aber vor allem im Februar und März stark verbreitet. Birke und Esche dominieren den Frühling, Gräser den Frühsommer und Sommer und Beifuss den Spätsommer. Am wichtigsten sind die Gräserpollen, auf die ein Grossteil der Allergiker reagiert und die besonders im Mai und Juni bei über 12 Prozent der Bevölkerung starke Beschwerden hervorrufen können.

Im Flachland ist die Hasel- und Erlenblüte dieses Jahr langsam am ausklingen. Für einen Grossteil der Allergiker steht die schlimmste Zeit aber erst noch an. Laut Meteo Schweiz hat inzwischen die Eschenblüte begonnen und auch die Birkenblüte könnte bei günstigem Sonnenschein und warmen Temperaturen dieses Wochenende richtig ausbrechen.

Mindestens jede zehnte Person in der Schweiz ist auf Birkenpollen sensibilisiert. Weil die Birke alle zwei Jahre besonders grosse Pollenmengen freisetzt und die Belastung 2017 durchschnittlich war, müssen Heuschnupfengeplagte diesen Frühling wohl besonders leiden.

Produzieren dieses Jahr wahrscheinlich besonders viele Pollen: Birkenkätzchen. (Bild: Keystone)

Der Beginn und die Stärke der Pollensaison kann von Jahr zu Jahr stark schwanken. Wie viel Blütenstaub in der Luft herumfliegt, hängt von den meteorologischen Bedingungen wie Temperatur, Sonnenscheindauer, Niederschlag und Wind ab. So hat das kühlere und wechselhafte Wetter der letzten Woche die Birkenblüte vorerst herausgezögert, wie das Allergiezentrum Schweiz mitteilte. Dadurch startet die Pollensaison im langjährigen Mittel rund eine Woche später.

Es handelt sich allerdings um eine Ausnahme. Über einen längeren Zeitraum betrachtet verschiebt sich der Start der Pollensaison immer weiter nach vorne. Hasel, Birke und Esche blühen aufgrund des Klimawandels zwei bis drei Wochen früher als vor zwanzig Jahren. Und auch die Gräserpollensaison beginnt heute etwa 10 Tage eher.

In den 80ern begann die Gräserpollensaison im Schnitt noch am 129. Tag des Jahres, also dem 9. Mai. In den 90ern war es bereits der 4. Mai und heute fliegen die Pollen der Gräser wegen wärmerem Wetter oft schon ab dem 28. April durch die Luft.

In den letzten hundert Jahren ist die Temperatur in der Schweiz um rund 1,7 Grad angestiegen. Dadurch hat sich die Pollensaison nicht nur zeitlich verschoben, sondern auch ausgedehnt. Gewisse Pflanzen blühen früher, andere länger in den Herbst hinein. «Weil die Pollensaison heute meist schon im Januar (in extremen Jahren im Dezember) mit der Blüte der Hasel beginnt und bis Ende September bis zur Blüte von Ambrosia dauert, hat sich die Vegetationszeit und damit die Pollensaison als Ganzes verlängert», bestätigt Regula Gehrig von Meteo Schweiz.

Bei einzelnen Pollenarten konnte laut Gehrig in den letzten Jahren keine signifikante Verlängerung festgestellt werden. Erhebungen zur Stärke der Birkenpollensaison bei den Messstationen in Basel, Neuchâtel und Zürich zeigen aber zumindest tendenziell eine Zunahme.

In den 80er-Jahren gab es noch durchschnittlich 13 Tage mit starkem Birkenpollenflug, in den 2000er-Jahren waren es schon fast 18 Tage. In letzter Zeit wurden Menschen, die allergisch auf Birkenpollen reagieren, etwa 15 Tage im Jahr stark geplagt.

Es wird auch vermutet, dass Pflanzen bei wärmeren Temperaturen mehr Pollen produzieren. Generell belegen konnte man das in der Schweiz bisher nicht, obwohl die meisten der 14 landesweit verteilten Messstationen bei gewissen Arten grössere Pollenmengen feststellen als vor 20 Jahren. Langzeituntersuchungen zeigen aber, dass aufgrund der steigenden CO2-Konzentration die Pollenmenge in den letzten Jahren in ganz Europa laufend zugenommen hat.

Verzeichnen bei gewissen Arten immer grössere Pollenmengen: Spezielle Messtationen von Meteo Schweiz wie hier in Payerne, Kanton Waadt. (Bild: Keystone)

Sicher ist: Immer mehr Menschen in der Schweiz leiden an Heuschnupfen. Anfangs des 20. Jahrhunderts war nicht einmal 1 Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Seither stieg die Zahl der Pollenallergikerinnen und -allergiker exponentiell auf heute 20 Prozent.

Über 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz leiden also an Heuschnupfen – doppelt so viele wie vor dreissig Jahren.

Als Gründe für diesen Anstieg werden verschiedene Faktoren angeben, die alle zusammenspielen dürften: der Klimawandel, eine allgemeine Zunahme der Pollen, die Luftverschmutzung und der westliche Lebensstil.

Neuere Studien haben laut dem Allergiezentrum Schweiz gezeigt, dass Pflanzen in der Stadt mehr Stress ausgesetzt sind als auf dem Land. Schuld ist vor allem die höhere Konzentration von Luftschadstoffen, aber auch der Umstand, dass Stadtbäume oft weniger Platz haben und Wasser erhalten. Sie reagieren darauf mit der Produktion von Wundheilungs-Eiweissen, die den Allergengehalt ihrer Pollen verändern und deren Wirkung verstärken. Immer mehr Menschen in der Schweiz leben in Städten oder dicht besiedelten Gebieten, wo zunehmend aggressive Pollen durch die Luft fliegen.

Manche Allergologen vermuten ausserdem einen Zusammenhang zwischen Heuschnupfen und der westlichen Lebensweise. Sie gehen davon aus, dass durch die steigende Hygiene die Anfälligkeit auf Allergien zunimmt und man deshalb nicht zu steril leben sollte. Das Immunsystem lernt gemäss dieser Hypothese immer weniger den Umgang mit Mikroben und reagiert viel zu stark auf an sich harmlose Stoffe.

«Die Veranlagung zu einer Pollenallergie wird oft vererbt.»Allergiezentrum Schweiz

Denn genau das passiert beim Heuschnupfen: Das Immunsystem reagiert allergisch auf die an sich harmlosen Eiweisse der Pollen, die eingeatmet werden und schüttet Histamin aus, das zur Entzündung der Bindehaut der Augen und der Nasenschleimhaut führt. In der Folge treten die typischen Symptome wie Niesattacken, beissende Augen und Juckreiz im Gaumen auf.

In der Regel beginnen die Beschwerden ab dem Schulalter. Die Veranlagung zu Heuschnupfen wird oft vererbt. Wenn beide Eltern Allergiker sind, beträgt das Risiko einer Erkrankung ihrer Kindern bis zu 60 Prozent. Ist nur der Vater oder die Mutter betroffen, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 35 Prozent.

Auch Nahrungsmittelallergien sind vererbbar. Zwischen ihnen und Heuschnupfen kann es Kreuzreaktionen geben. Die allergenen Eiweisse der Birkenpollen beispielsweise ähneln vielen Eiweissen in Nahrungsmitteln. Etwa 70 Prozent der betroffenen Allergikerinnen und Allergiker reagieren deshalb auch auf Hasel- und Walnuss, Mandel, verschiedene Früchte, Kiwi, Karotte, Sellerie oder Soja. «Gewisse Obst- und Gemüsesorten werden durch Erhitzen verträglicher», erklärt Sereina de Zordo vom Allergiezentrum Schweiz, das Betroffenen unter anderem folgende Tipps gibt, um die Beschwerden zu reduzieren

  • Während der Pollensaison zuhause nur kurz stosslüften
  • Vor dem Schlafengehen die Haare waschen
  • Die Wäsche nicht im Freien trocknen lassen
  • Bei schönem, windigem Wetter nur kurz an die frische Luft
  • Immer eine Sonnenbrille tragen
  • Sportliche Aktivitäten nach drinnen verlegen

In Zukunft werden sich noch mehr Schweizerinnen und Schweizer an diese Empfehlungen halten müssen. Klimatologen erwarten bis zum Jahr 2050 eine Zunahme der Temperatur von etwa 1 bis 3 Grad. Dann wird die Pollensaison wohl noch früher beginnen und länger dauern. Niederschläge im Sommer, die Allergiker zumindest vorübergehend von ihrem Leiden befreien, nehmen voraussichtlich ab. Ausserdem rechnen Experten damit, dass sich mit den steigenden Temperaturen neue allergene Pflanzenarten verbreiten könnten. Alles deutet also darauf hin, dass der Anteil der Heuschnupfengeplagten hierzulande weiter zunehmen wird.

Erstellt: 06.04.2018, 15:13 Uhr

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