Das Rennen um einen Tiefseeschatz

Bald könnten Manganknollen am Meeresgrund abgebaut werden. Dabei sind die Risiken für die Ökosysteme ungeklärt.

Die Clarion-Clipperton-Zone liegt im Pazifik und erstreckt sich von der Westküste Mexikos bis nach Hawaii. Foto: Geomar

Die Clarion-Clipperton-Zone liegt im Pazifik und erstreckt sich von der Westküste Mexikos bis nach Hawaii. Foto: Geomar

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Tief unten im Meer schlummern gewaltige Rohstoffmengen, teils ein Vielfaches der Vorräte an Land. Längst haben Staaten wie private Unternehmen darum den Ozean im Visier. Lange war der Rohstoffabbau in der Tiefsee ein Zukunfts­szenario, nun wird er schnell konkret. Manch einer würde lieber heute als morgen anfangen, den Schatz der Tiefsee abzubauen: Manganknollen, ­metallreiche Gesteinsbrocken von der Grösse einer kleinen Kartoffel bis hin zu der eines Blumenkohls.

Wissenschaftler und Umweltschützer hingegen befürchten ­irreparable Schäden in dem empfindlichen Ökosystem. Der Abbau würde Strukturen entfernen, auf denen Meerestiere siedeln, ­könnte grosse Mengen Sediment aufwirbeln und Schwermetalle freisetzen. Weniger als 0,1 Prozent des Tiefseebodens wurden bislang erforscht. Es ist kaum bekannt, wie widerstandsfähig dessen Bewohner sind und wie sich ozeanische Schürfgebiete erholen würden. Arten könnten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt wurden. Doch jenen, die zur Vorsicht mahnen, läuft die Zeit davon.

Langsame Erholung

Matthias Haeckel ist Biogeochemiker am Kieler Geomar und ­Koordinator des internationalen Projekts «Mining Impact», das die Umweltfolgen eines Abbaus untersucht. Haeckel befürchtet wie viele seiner Kollegen, dass künftige Erntefahrzeuge gewaltige Staubwolken erzeugen und Partikel noch in Dutzenden Kilometern Entfernung Organismen unter sich begraben. Für ihn steht fest: Tiefseebergbau wird nicht die Lösung für den steigenden Bedarf an speziellen Metallen sein. «Dann müssten wir die Rohstoffe in so grossem Stil ­abbauen, dass wir ein wirkliches Umweltproblem bekommen», sagt er. Stattdessen müssten wir effizienter und umweltschonender mit Ressourcen umgehen, meint Haeckel.

Die Bewohner der Tiefsee kennzeichnen langsames Wachstum, späte Geschlechtsreife und niedrige Reproduktionsraten. Im Pazifik haben Forscher und Industrie seit Ende der 1970er-­Jahre mehrfach den Abbau von Manganknollen simuliert. «Es gibt alte Pflugspuren, in denen sich das Ökosystem auch nach 40 Jahren nicht erholt hat», sagt Matthias Haeckel. Viele Test­flächen sehen aus wie frisch umge­graben. Grössere Lebe­wesen wie ­Korallen, Anemonen und Schwämme, die auf den Knollen wachsen, sind bis heute kaum zurückgekommen.

In Manganknollen stecken Kupfer, Nickel und Kobalt. Foto: Imago

Die begehrten Manganknollen entstehen, wenn sich im Meerwasser gelöste Teilchen über Jahrmillionen an einem festen Kern ablagern. Das kann ein Haizahn sein oder ein Gesteinssplitter am Meeresgrund. Die Knollen liegen in ausgedehnten Feldern in den ozeanischen Tiefseebecken. Wirtschaftlich interessant ist das Gestein nicht wegen des Mangans, davon gibt es an Land genug. Wertvoll ­machen es die bis zu 3 Prozent Kupfer, Nickel und vor allem ­Kobalt, die es enthält.

Kobalt steckt in Lithium-­Ionen-Akkus, in Smartphones, Laptops oder E-Autos. Die Europäische Union hat das Metall ­wegen dessen strategischer Bedeutung auf die Liste kritischer Elemente gesetzt. Die globale ­Kobaltnachfrage hat sich seit 2001 ungefähr verdreifacht. In Zukunft dürften E-Autos diese weiter in die Höhe treiben. In jedem batteriebetriebenen Fahrzeug stecken fünf bis zehn ­Kilogramm Kobalt.

Genügend Rohstoffe an Land

Sollten sich E-Autos grossflächig durchsetzen, würde sich der Bedarf an Kobalt, Nickel und Kupfer bis Mitte des 21. Jahrhunderts erneut vervielfachen. Bleibt die Frage, woher die Metalle kommen sollen. Zur Neige gehen werden die Rohstoffe an Land in absehbarer Zeit nicht. So beziffert der United States Geological Service etwa die ökonomisch rentablen Kobaltreserven auf knapp sieben Millionen Tonnen.

Doch der Abbau von Erzen bedeutet nicht selten massive ­Umweltzerstörung. Zudem: Die Demokratische Republik Kongo liefert 60 Prozent des weltweiten Kobalts – Tendenz steigend. Medien und NGOs berichten immer wieder von Menschenrechtsverletzungen und Kinderarbeit.

Erze vom Meeresboden könnten Länder stärker unabhängig machen von Importen. Eingeschlossen in Manganknollen und Kobaltkrusten lagern in der ­Tiefsee geschätzte 120 Millionen Tonnen Kobalt, dazu beträcht­liche Mengen anderer Metalle. Die grössten Vorkommen im Ostpazifik entsprechen einer Fläche von der Grösse der EU: die Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) zwischen Hawaii und Mexiko.

Gemeinsames Erbe der Menschheit

Dort, in der Hochsee, ist die Internationale Meeresbodenbehörde mit Sitz in Kingston, Jamaika, für die Nutzung zuständig. Sie hat bislang 16 Explo­rationslizenzen vergeben, unter anderem an Deutschland, Belgien, China, Japan und Russland. Die Lizenzen gelten für 15 Jahre und beinhalten ein Vorrecht auf den späteren Abbau.

Die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat einige der Flächen, die sich zum Abbau von Manganknollen eignen würden, genauer untersucht: Auf nur 5 Prozent des deutschen Lizenzgebiets ­liegen Nickel, Kupfer und Kobalt im aktuellen Marktwert von 18 Milliarden Dollar. Insgesamt, so schätzt die BGR, seien etwa 20 Prozent des Lizenzgebiets ­abbautauglich.

Die Ressourcen der Tiefsee gelten als gemeinsames Erbe der Menschheit. Vom möglichen ­Abbau sollen auch die Entwicklungsländer profitieren. Die Lizenznehmer der CCZ dürfen ­daher zunächst 150'000 Quadratkilometer nach Manganknollen erkunden, müssen das Gebiet später aber in zwei Flächen von identischem kommerziellem Wert aufteilen. Eine wird für die Entwicklungsländer reserviert. Auf die Knollen will die Internationale Meeresbodenbehörde zudem eine Steuer erheben, über deren Höhe noch gestritten wird. Auch ein guter Teil dieses Geldes soll an Entwicklungsländer fliessen.

Der rechtliche Rahmen fehlt

Noch hat die Internationale Meeresbodenbehörde keine Genehmigungen erteilt, Erze in grossem Stil zu schürfen. Dazu fehlt es an einem rechtlichen Rahmen, der etwa Umweltstandards festlegt. Diesen sogenannten Mining Code verhandeln die Mitgliedsländer noch.

Technisch hingegen fehlt nicht mehr viel: Die nötigen Maschinen werden bereits erprobt. Im kommenden Jahr will die belgische Firma Global Sea Mineral Resources eine Erntemaschine in der CCZ am Meeresboden absetzen, etwa fünf Kilometer unter der Oberfläche. Es wäre der erste industrielle Einsatz in so grosser Tiefe. Das mähdreschergrosse Kettenfahrzeug soll Manganknollen sammeln. Auch für Matthias Haeckel ist dieser ­Versuch wichtig. «Die Daten aus dem Testabbau sollen helfen, der Internationalen Meeresbodenbehörde konkrete Vorschläge für den Mining Code zu unterbreiten», sagt der Biogeochemiker. Allerdings könnte es knapp werden: Der Mining Code soll schon 2021 vorliegen. Vielleicht kommen die Erkenntnisse zu spät.

Abbau in greifbarer Nähe

Auch die BGR setzt sich dafür ein, dass der Mining Code strenge Umweltstandards enthält. «Man muss dafür sorgen, dass Flächen innerhalb der Abbaugebiete unangetastet bleiben. Damit Arten aus wenigen zehn ­Kilometern Entfernung wieder einwandern können, statt aus mehreren Hundert bis Tausend Kilometern», sagt Carsten Rühlemann von der BGR. Es gibt Überlegungen, die Renaturierung mit künstlichen Knollen zu beschleunigen. Das aber würde den Erzabbau deutlich verteuern.

Fragt man Rühlemann, ist der Abbau in greifbare Nähe gerückt. Die Wirtschaftlichkeit sei bislang aber nur schwer einzuschätzen, auch weil die Metallgewinnung aus den Knollen noch nicht erprobt ist. Bis zu zwei Drittel der Kosten könnten laut Rühlemann auf diesen Teil der Produktion entfallen. Die BGR will nun gemeinsam mit der RWTH Aachen ein neues Schmelzverfahren im grösseren Massstab testen. ­Darüber, wie sich die Tiere der Tiefsee nach dem geplanten ­Gerätetest erholen und welche Lebewesen es in der Dunkelheit dort unten überhaupt gibt, ­sagen diese Tests allerdings nichts aus. «Da kann man noch 100 Jahre weiterforschen», sagt Rühlemann.

Erstellt: 28.07.2019, 20:12 Uhr

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