Warum Affen kitzlig sind

Kitzeln ist schön und schrecklich zugleich. Das gilt nicht nur für den Menschen, sondern auch im Tierreich. Doch warum hat die Natur diese Spielerei überhaupt erfunden?

Nur Menschen und Affen kitzeln sich gegenseitig: Die Forscherin Joyce Butler mit dem Schimpansen Nim Chimpsky an der New Yorker Columbia-Universität.<br />Foto: Susan Kuklin (Science Photo, Keystone)

Nur Menschen und Affen kitzeln sich gegenseitig: Die Forscherin Joyce Butler mit dem Schimpansen Nim Chimpsky an der New Yorker Columbia-Universität.
Foto: Susan Kuklin (Science Photo, Keystone)

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Wenn Schimpansen gekitzelt werden, lachen sie wie Ernie aus der «Sesamstrasse». Gorillas reagieren mit Gezirpe, das fast klingt wie Vogelgezwitscher. Bonobos keckern, und Orang-Utans grunzen. Dass nicht nur Menschen kitzlig sind, sondern auch Tiere, hat schon Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, beobachtet. Doch bis heute ist Wissenschaftlern das seltsame Verhalten menschlicher wie tierischer Kitzelopfer weitgehend unerklärlich.

Was soll das unkontrollierte Gelächter, bei dem sämtliche Körpermuskeln wackeln und ihre Spannung verlieren? Warum ist Kitzeln schön und schrecklich zugleich? Seltsamerweise machen Gekitzelte nämlich während sie lachen heftige Abwehrbewegungen und haben oft einen gequälten Gesichtsausdruck. Und warum funktioniert Kitzeln nur, wenn alle Beteiligten gute Laune haben?

Kinder auch bei Ratten kitzliger

Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Ratten, wie zwei Biologen von der Humboldt-Universität in Berlin kürzlich entdeckt haben. Ihre Experimente, die in der Fachzeitschrift «Science» veröffentlicht worden sind, zeigen, dass die Tiere nur lachen, wenn sie entspannt sind und keine Angst haben. Zu Beginn wiederholten Michael Brecht und Shimpei Ishiyama ein Experiment des US-Psychologen Jaak Panksepp, der als Erster entdeckt hatte, dass Ratten sich schier kaputtlachen, wenn sie gekitzelt werden – allerdings in einem für Menschen nicht hörbaren Ultraschall­bereich von 50 Kilohertz. «Am meisten mussten die Ratten lachen, wenn sie am Bauch gekitzelt wurden», sagt Michael Brecht. Auch am Rücken waren die Tiere kitzlig. Am Schwanz dagegen überhaupt nicht. Das Gekitzeltwerden gefiel den Ratten so gut, dass sie immer wieder grosse Freudensprünge machten, begleitet von lautem 50-Kilohertz-Gelächter. Sobald Ishiyama aufhörte, jagten die Tiere seiner Hand hinterher. Es wirkte wie eine Aufforderung weiterzumachen.

Überhaupt nicht lustig fanden die Ratten das Kitzelspiel dagegen, wenn sie – angestrahlt von zwei starken Lampen – auf einem 30 Zentimeter hohen Podest sassen: für Ratten eine äusserst unangenehme Situation, die ihnen Angst macht. Ishiyama konnte kitzeln, so viel er wollte, die Ratten gaben keinen Ton von sich.

Die Wissenschaftler haben noch weitere Parallelen entdeckt. Sowohl Ratten als auch Menschen sind am Bauch besonders kitzlig. Und auch bei den Tieren gibt es Individuen, die schon bei der leichtesten Berührung losprusten, während anderen kaum ein Ton zu entlocken ist. «Mit manchen Tieren haben wir aufgehört zu arbeiten, weil sie einfach nicht kitzlig waren», sagt Brecht. Grundsätzlich sind sowohl Ratten- als auch Menschenkinder kitzliger als Erwachsene.

Ratten lachen sich kaputt – unhörbar für Menschen bei 50 Kilohertz.

Die vielen Parallelen seien ein Hinweis darauf, dass Kitzligkeit schon früh in der Evolution entstanden sei, sagt Michael Brecht. Die Frage ist nur: Warum? Welchen evolutionären Vorteil hat es, kitzlig zu sein? Eine Theorie ist, dass dadurch verwundbare Körperregionen im Kampf automatisch besser geschützt werden. Dazu passt, dass die empfindliche Bauchregion besonders kitzlig ist. Auch die Abwehrbewegungen der Kitzelopfer ergeben in diesem Zusammenhang Sinn. Unlogisch ist dagegen, dass die Hände, die ja in solchen Kämpfen stark exponiert sind, nicht kitzlig sind, die Füsse dagegen schon, obwohl sie eigentlich wenig gefährdet sind. Auch das explosionsartige Lachen kann so nicht erklärt werden.

Das könnte eine andere Theorie, wonach das gemeinsame Lachen bei Kitzelspielen eine soziale Funktion hat und zum Beispiel die Bindung zwischen ­Eltern und Kindern stärkt. Ein Anhänger dieser Erklärung ist der amerikanische Neurologe Robert R. Provine: «Für Kleinkinder, die noch nicht sprechen können, sind Kitzeln und das dazugehörige Lachen eine gelungene Einführung in soziale Beziehungen», schreibt er in seinem Buch «Laughter, a scientific investigation». Doch warum ruft Kitzeln dann Abwehrreaktionen hervor, und warum finden viele Menschen Gekitzeltwerden extrem unangenehm?

Eine dritte Theorie besagt, dass Kitzelspiele eine Art Trainingsprogramm für den harten Kampf ums Überleben sind. Das Lachen soll den Kitzelangreifer motivieren weiterzumachen, obwohl das Opfer zappelt und sich windet. Die negativen Gefühle, die der Gekitzelte hat – obwohl er lacht –, bewirken, dass er wichtige Abwehrtechniken lernt.

Wenig erforscht sind die neuronalen Mechanismen der Kitzligkeit. Es ist nicht einmal bekannt, ob die Schmerzrezeptoren der Haut, die Tastrezeptoren oder beide gemeinsam den Kitzelreiz aufnehmen und weiterleiten. Die Dichte der Rezeptoren sagt jedenfalls nichts darüber aus, wie kitzlig eine Körperstelle ist: Zum Beispiel gibt es an den Fingerkuppen mehr Rezeptoren als auf den Fusssohlen. Trotzdem sind die meisten Menschen an den Füssen kitzliger als an den Händen.

Kitzelzellen im Gehirn

Auch die Tatsache, dass Patienten, die keinen Schmerz empfinden, durchaus kitzlig sein können, spricht dafür, dass der Reiz auf verschiedenen Wegen an das Gehirn weitergeleitet wird. Bei Neugeborenen scheinen diese Mechanismen noch nicht zu funktionieren. Bis zu einem Alter von etwa sieben bis acht Monaten kann man Babys kitzeln, so viel man will: Sie lachen nicht. Und das, obwohl sie sich schon mit etwa vier Monaten über viele andere Dinge köstlich amüsieren.

Was passiert, wenn der Reiz im Gehirn ankommt, haben die Berliner Rattenkitzler Brecht und Ishiyama jetzt herausgefunden. Demnach gibt es zumindest im Gehirn von Ratten Zellen, die besonders stark auf Kitzeln reagieren. Sie befinden sich im sogenannten somatosensorischen Kortex, in dem auch Tastempfindungen verarbeitet werden. Das Ganze funktioniert dabei auch umgekehrt. Als die Forscher die Kitzelzellen elektrisch reizten, stiessen die Ratten ihr 50-Kilohertz-Gelächter aus, ohne dass irgendjemand sie berührte.

Doch ist die Kitzligkeit von Ratten und vielen anderen Tieren vergleichbar mit der von Primaten? Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Menschen und Affen kitzeln sich untereinander. Bei den meisten anderen Tieren kommt diese merkwürdige Art der Berührung natürlicherweise nicht vor. Trotz dieses Unterschieds sind viele Forscher der Ansicht, dass Kitzligkeit sowohl bei Tieren als auch beim Menschen lediglich eine Art komplexer Reflex ist. «Möglicherweise hat das Lachen beim Kitzeln genauso wenig mit Fröhlichkeit zu tun wie das Weinen beim Zwiebelschneiden mit Traurigkeit», schreibt etwa die amerikanische Kitzelforscherin Christine R. Harris. Dass man die Reaktion anders als die meisten anderen Reflexe wie etwa den Kniesehnenreflex nicht bei sich selbst auslösen kann, ist ihrer Ansicht nach kein Gegenargument. Schliesslich sei es auch nicht möglich, sich selbst zu erschrecken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2017, 22:55 Uhr

Kratzen oder lachen

Zwei Arten von Kitzligkeit

Streng wissenschaftlich betrachtet, gibt es zwei Arten von Kitzligkeit. Die Knismesis bezeichnet das Gefühl, das durch leichte Berührungen der Haut entsteht. Ein Mensch, auf dem eine Mücke herumkrabbelt, reagiert darauf ganz ähnlich wie ein Hund, den ein Floh gebissen hat: mit Kratzen oder Reiben. Lachen muss aber niemand. Gargalesis ist dagegen die viel rätselhaftere Art von ­Kitzligkeit, bei der Mensch und Tier auf ihre jeweils spezifische Art losprusten und nicht aufhören können, bevor der Reiz endlich wieder verschwindet. (T. B.)

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