Das «Who's Who» des Tierreichs

Vom Puma bis zum Seepferdchen: Das Zoologische Museum der Universität Zürich bewahrt alles auf. Die gesammelten Objekte sind eine wahre Fundgrube für Forscher.

Einblicke in die Sammlung des Zoologischen Museums der Uni Zürich. Realisation: Lea Koch und Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich sieht die Tiefgarage der Universität Irchel mit 1227 Plätzen ganz gewöhnlich aus. Doch dann gibt es auf einmal eine grosse Tür in eine andere Welt. Statt parkender Autos befinden sich dort Giganten und Exoten aus der Natur. Gleich im Eingang ein Eisbär aus Grönland, neben ihm ein Afrikanischer Strauss, dahinter ein Schädel eines Wals und gegenüber ein Elch mit mächtigen Schaufeln auf dem Kopf. Danach folgen viele weitere Klassiker wie etwa Luchs, Bär, Wolf, Puma, Leopard und Löwe.

Es ist wie ein «Who’s who» aus dem Tierreich. «Wir haben insgesamt eine Million Objekte in unserer Sammlung», sagt Lukas Keller, Direktor des Zoologischen Museums. Heute stehen viele der ausgestellten Arten unter Schutz. Vor rund 50 Jahren gehörte das Sammeln von Tieren zur biologischen Feldforschung, weil andere Methoden damals noch fehlten. Inzwischen fangen die Wissenschaftler die Tiere in der Wildnis oft lediglich nur kurz ein, um ihnen unter anderem Blut für eine Hormon- und DNA-Analyse zu entnehmen oder sie zu besendern und vermessen.

Mit den grossen Glasaugen sieht der Puma wie ein Stofftier aus. In der Sammlung steht er vor einem schwarzen Panther und gegenüber einem Vielfrass. Foto: Doris Fanconi

Die ausgestopften Tiere sind für die jetzige Forschung wichtig, um etwa nachzuvollziehen, wie sich gewisse Arten im Laufe der Zeit verändert haben. So hat eine genetische Untersuchung der Tierfelle aus Museumssammlungen ergeben, dass der im 19. Jahrhundert in der Schweiz ausgerottete Alpenluchs keine eigene evolutionäre Abstammungslinie darstellt, wie früher angenommen. «Alles, was hier liegt, ist nach Verwandtschaftsgraden systematisch einsortiert und dokumentiert», sagt Keller, der in einem anderen Lagerraum 24'000 Muschel- und Schneckenarten in allen Farben und Formen zeigt. In weiteren Regalfächern liegen 760 präparierte, bunt schillernde Federkleider von Papageien aus Volierenzuchten. Weltweit gebe es rund 9000 Vogelarten, die Zürcher Sammlung habe ein Drittel davon.

Für immer im Alkohol

Aber auch einzelne in Plastiksäckchen verpackte Seepferdchen sowie ausgestopfte Schneehühner oder Raufussbussarde und mehrere Schränke mit Fellen von der Zibetkatze bis zum Panda sind auf dem engen Platz untergebracht. «Viele der Felle hat der Zoll beschlagnahmt und uns für wissenschaftliche Studien zur Verfügung gestellt», sagt Barbara Oberholzer, die als Kuratorin für die Sammlung zuständig ist. Dann geht sie in einen anderen Raum und zeigt Hunderte Glaszylinder und Einmachgläser in allen möglichen Grössen. Dies sei nun die Flüssigsammlung.

Darunter auch Kurioses wie etwa ein junger, nicht überlebensfähiger Hase mit zwei Hinterkörpern und sechs Beinen. Oder ein Japanischer Riesensalamander, der mit seinen knapp 1,5 Metern gerade noch ins Gefäss passt. Für dieses Exponat sei vor kurzem ein Filmteam aus Japan extra angereist, betont Keller. Unweit von der zweitgrössten Amphibie befinden sich ein grosser Wels, ein Flughund, ein Chamäleon, eine Python und eine Vogelspinne. «Weil das früher übliche Konservierungsmittel Formalin die DNA der Präparate zersetzt», erklärt Keller, «tauschen wir gerade alle Formalin-Lösungen gegen 70-prozentigen Alkohol aus.»

Die bunten Gefieder von Gabelracken, die im Süden und Osten Afrikas heimisch sind. Foto: Doris Fanconi

Um auch die nicht in Flüssigkeit konservierten Tierpräparate perfekt zu erhalten, arbeitet ein Tierpräparator direkt unter dem Zoologischen Museum. «Derzeit habe ich zwei bereits ausgeweidete Steinböcke aus dem Zoo Zürich, deren Felle ich in eine Gerberei gegeben habe», sagt Beat Häusler. Um das Skelett kümmere er sich selber. Die Knochen werden mehrere Wochen eingeweicht, dann im Enzymbad gereinigt und im Autoklav mit dem Lösungsmittel Methyl­enchlorid entfettet.

Neben dem Labor ist Häuslers Atelier, wo eine angenehme, kreative Atmosphäre herrscht und viele Werkzeuge und Utensilien wie Schere, Säge, Farbe, Pinsel, Watte, Schaumstoffblöcke, Kleber, Zettel, Federn und Felle herumliegen. Kurzum, überall totes Material. «Nein, nicht nur», sagt Häusler schmunzelnd. Manchmal halte er Dornspeckkäfer im Labor. Diese wärmeliebenden Aasfresser würden für ihn die Kleintierskelette auch in der fragilen Nasenscheidewand sauber abnagen. Einfacher und besser gehe es nicht.

Erstellt: 26.07.2016, 20:27 Uhr

Sommer-Serie (2)
Verborgene Schätze

Kaum jemand bekommt sie je zu sehen – die wissenschaftlichen Sammlungen der Universitäten und Hochschulen, oft verborgen in dunklen Kellern. In dieser Sommer-­Serie blicken wir in deren Schubladen und Archive, die für Forscher einen unschätzbaren Wert haben. Denn manchmal sind sie die einzigen Zeugen der Vergangenheit.

Nächste Folge: Sukkulentensammlung Zürich

Artikel zum Thema

Geheimnisvolle Welt der Insekten

Serie Konserviert für die Ewigkeit, ruhen mitten in Zürich kleine und grosse Krabbler neben filigranen und farbenprächtigen Faltern – zu Hunderttausenden in einem Keller der ETH. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Mamablog Ab auf die Bäume, Kinder!

Sweet Home Ferien im Chalet

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Werkzeuge einer Revolution

Serie Am Tierspital Zürich sind über 150 Lichtmikroskope ausgestellt. Mehr...

Funkelnde, bizarre Kristalle

Serie Bereits im 19. Jahrhundert begannen Sammler, Mineralien zusammenzutragen. Auch in Zürich. Mehr...

10'000 Schädel im Schrank

Serie Die Skelettsammlung der Uni Zürich hat seltene Exponate von Arten, die bedroht oder bereits ausgestorben sind. Mehr...