Der Mensch und das Zeitalter des Feuers

Es zieht eine neue Ära herauf, in der viel häufiger Feuer ausbrechen. Was bedeutet das für uns?

Selbst die hochprofessionelle, erfahrene Feuerwehr in Kalifornien oder Australien ist mittlerweile regelmässig überfordert mit den extremen Bränden. Foto: Keystone

Selbst die hochprofessionelle, erfahrene Feuerwehr in Kalifornien oder Australien ist mittlerweile regelmässig überfordert mit den extremen Bränden. Foto: Keystone

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Man kann es sich kaum vorstellen nach einem Jahr, in dem eine Schreckensnachricht von extremen Bränden auf die nächste folgte. Aber es gilt trotzdem: Feuer ist ein wunderbares Werkzeug der Natur – und auch des Menschen, schon seit Jahrtausenden.

Wenn man die globalen Feuerkarten verfolgt, wie sie das Copernicus-Satellitenprogramm der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) erzeugt, kann man sehen, wie das Feuer stetig um den Erdball wandert. Üblicherweise beginnt das Jahr mit Savannenbränden in Äquatornähe in Afrika und Südostasien, im März folgen Grasbrände in den USA und Russland.

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Von Mai bis September stehen Felder in Zentral- und Südostafrika in Flammen, im Dezember kommen die Feuer wieder am Äquator an. Der Pionier der Feuerökologie, Stephen Pyne von der Arizona State University, formuliert es in einem Aufsatz in der Zeitschrift «Aeon» so: Feuer nimmt das wieder auseinander, was die Fotosynthese zusammengesetzt hat. Wo Pflanzen Kohlendioxid und Wasser in Zucker und Sauerstoff verwandelt haben, setzt Feuer das ­Kohlendioxid wieder frei; die Asche ist voller Nährstoffe, die den Boden düngen. Darauf wachsen Pflanzen nach – ein geschlossener Kreislauf, an dem es wenig zu verbessern gibt.

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Und doch war vieles in diesem Jahr überhaupt nicht mehr normal, denn der Mensch hat die Bedingungen verändert. Das Pyrozän sei angebrochen, schreibt Pyne – das Zeitalter des Feuers. Denn der Mensch habe neben den ursprünglichen natürlichen und den traditionell von Kleinbauern gelegten Bränden eine dritte Form des Feuers auf die Erde gebracht: die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. Sie setzt ebenfalls von Pflanzen gebundenen Kohlenstoff frei, nur viel schneller. Die daraus folgende ­Erhitzung des Planeten ist es, die die beiden ursprünglichen Feuerarten ausser Kontrolle geraten lässt.

Das liess sich in diesem Jahr exemplarisch beobachten. Im Frühsommer brannte es in Alaska, Sibirien und Jakutien in nie da gewesener Intensität; die Feuer wüteten teils weit innerhalb des Polarkreises. Brände in dieser Grösse und Dauer sind in diesen nördlichen Regionen sehr selten. 2019 aber sahen die Forscher im Copernicus-Programm zur Atmosphärenbeobachtung CAMS mehr als hundert Brandherde, eine klare Folge der heissen und trockenen Bedingungen. Die Feuer hinterliessen kahle Permafrostflächen, die in den kommenden Jahren ohne die schützende Vegetation umso schneller tauen dürften.

Qualm bis nach São Paulo

Auch in Indonesien brannten Torflandschaften. Im Amazonasgebiet in Brasilien und Bolivien brannte der Regenwald ungewöhnlich stark, der Qualm breitete sich bis nach São Paulo aus. In Kalifornien war der Verlauf nach den Schreckensjahren 2017 und 2018 mit jeweils Dutzenden Toten vergleichsweise ruhig, aber auch hier hat sich die Brandsaison nach Angaben der Brand- und Waldschutzbehörde um rund 75 Tage verlängert.

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Die australischen Bundesstaaten New South Wales mit Sydney und Queensland traf es so hart wie nie ­zuvor in den vergangenen 16 Jahren, seit Brände systematisch mit Satelliten erfasst werden. Grossflächig standen Eukalyptuswälder in Flammen; Feuerwehrleute kämpften mit 6000 Kilometern Feuerfront. Mehrere Regionen riefen den Ausnahmezustand aus, Rauchschwaden zogen bis nach Südamerika. Und es brennt weiter. Am Sonntag gab es in New South Wales 85 Feuer, davon 40 ausser Kontrolle.

Insgesamt schätzen die Copernicus-Forscher, dass Brände 2019 den fossilen Emissionen von 37 Milliarden Tonnen CO2 rund sieben Milliarden Tonnen hinzugefügt haben. Aber es ist nicht diese Zahl, die den Wissenschaftlern Sorgen macht. Sie liegt etwa im Durchschnitt, denn die Gesamtemissionen werden von Bränden in den Tropen dominiert. Was jedoch enorm zugenommen hat, ist die Intensität und Dauer von Feuern ausserhalb dieser Region.

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Teils treten sie durch den Klimawandel in einer Landschaft auf, die so etwas nicht gewohnt ist; etwa in der Arktis, wo die Pflanzen nicht an Feuer angepasst sind. An anderen Orten treffen traditionelle Feuer auf neue Bedingungen, die ehemals harmlose Brände ausufern lassen. «Viele Landnutzungsfeuer brennen heute in einer Landschaft, die nicht mehr so feuerresilient ist, wie sie einmal war», sagt Alexander Held von der Forschungsorganisation European Forest Institute.

Teufelskreis im Amazonasgebiet

Das ist etwa der Fall im Amazonasgebiet, wenn sich Feuer in den Regenwald hineinfressen, der früher zu feucht für Brände war. Ein Teufelskreis: Die Bäume sind kein Feuer gewohnt und sterben grossflächig ab, krautiges Buschwerk wächst nach, das noch besser brennt. Geht das so weiter, ist nicht nur der ökologische Schaden enorm, sondern der Wald verliert auch die Fähigkeit, durch Verdunstung sein feuchtes Klima zu erzeugen. Das Ergebnis sind noch mehr Brände.

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Viele dieser Prozesse lassen sich nur schwer bremsen. Handlungsspielraum gibt es aber im Umgang mit den Feuern. Da sieht Held viel Raum für Verbesserung. Bislang versuchen die meisten Staaten, immer mehr Löschflugzeuge anzuschaffen, um die Flammen zu besiegen – die aber wenig ausrichten, wenn das Feuer ausser Kontrolle gerät. Und das geschieht immer leichter, wenn Hitze, Dürre und immer stärkere Winde zusammenkommen.

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Im Extremfall kann es wie bei den Bränden 2017 in Portugal passieren, dass das Feuer Pyrocumulus-Wolken erzeugt, Feuergewitter, die es zusätzlich anfachen. Damals starben mehr als 60 Menschen. Was will man bei solchen Feuerstürmen mit ein paar Löschzügen und Flugzeugen erreichen? Selbst die hochprofessionelle, erfahrene Feuerwehr in Kalifornien oder Australien ist mittlerweile regelmässig überfordert. «Das zeigt, dass das herkömmliche System der Brandbekämpfung nicht mehr funktioniert», sagt Held.

Es beginnt erst

Hilfreicher – und günstiger – wäre aus seiner Sicht Prävention. Brände kontrolliert vor Saisonbeginn legen, damit Feuer später keine Nahrung finden; auch wenn die Bevölkerung dann öfter etwas Rauch ertragen müsste, um Schlimmeres zu vermeiden. «Es ist eigentlich unnatürlich, über einem Feuerkontinent wie Australien blauen Himmel zu haben», sagt Held.

Schafe, Schneisen und Mischwald können bei der Bekämpfung helfen. Doch wirtschaftlich lohnt sich das für die Bauern nicht.

Oder, zum Beispiel in Brandenburg, vorsorglich Schneisen im Wald mit Minenräumern freilegen, damit man nicht während des Brandes mit Munitionsresten zu kämpfen hat. Solche Schneisen, gemäht und ergänzt durch schlecht brennbare Mischwald-Pufferzonen im Kiefernwald, würden das Feuer begrenzen und die Bekämpfung erleichtern.

Auch Ziegen oder Schafe im Wald, etwa in Spanien und Portugal, die leicht brennbares Buschwerk wegfressen, würden helfen. Was indes einen Zuschuss an die Bauern voraussetzen würde, denn wirtschaftlich lohnend ist so etwas nicht.

Letztlich geht es darum, mit dem Feuer leben zu lernen. Das Pyrozän, wenn man es so nennen will, hat eben erst begonnen.

Erstellt: 31.12.2019, 08:19 Uhr

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