Der erbitterte Kampf um Ackerland

Der Landraub grosser Gebiete ohne Rücksicht auf bisherige Nutzer nimmt massiv zu. Neue Richtlinien sollen Kleinbauern besser vor Grossinvestoren schützen und Konflikte entschärfen. Das Problem: Sie sind unverbindlich.

Nehmen weltweit zu: Spekulationsgeschäfte mit Ackerland.

Nehmen weltweit zu: Spekulationsgeschäfte mit Ackerland. Bild: TA-Grafik str, san / Quelle: Martin Häusling MDEP

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Kleinbauern in Äthiopien, Urvölker in Südamerika, Bauern in der Ukraine, Reisbauern auf den Philippinen und sogar Orang-Utans auf Sumatra – sie alle verbindet dasselbe Schicksal: Das Land, das ihr Überleben sichert, wird verkauft. Riesige Monokulturen entstehen für Weizen, Ölpalmen, Zuckerrohr, Sojabohnen oder Jatropha-Nüsse.

Die Weltbevölkerung wächst und damit die Nachfrage nach Lebensmitteln. Biotreibstoffe sollen einen immer grösseren Anteil der Energie liefern, sollen Erdöl ersetzen. So müssen Fluggesellschaften in den nächsten Jahren grosse Mengen an Biotreibstoffen zukaufen, um ihre CO2-Bilanzen aufzubessern. Auch dafür sind Anbaugebiete notwendig. Doch das Land ist begrenzt. Grossinvestoren reissen sich um die besten landwirtschaftlichen Flächen in aller Welt.

Gegner werden umgebracht

«Land Grabbing», der Landraub grosser Gebiete ohne Rücksicht auf bisherige Nutzer, hat in den letzten zehn Jahren massiv zugenommen. In der seit kurzem öffentlich zugänglichen Datenbank Land Matrix, an deren Entwicklung auch das Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern beteiligt ist, werden mehr als 1200 Transaktionen weltweit dokumentiert. Seit 2000 waren 83 Millionen Hektaren Land betroffen. Wahrscheinlich waren es viel mehr, denn selten werden die Einzelheiten solcher Deals bekannt. Die internationale Hilfsorganisation Oxfam schätzt, dass 227 Millionen Hektaren den Besitzer wechselten – die gesamte landwirtschaftliche Fläche Europas beträgt 178 Millionen Hektaren.

Nicht immer handelt es sich um Landraub, aber oft. «Landerwerb findet in Gebieten mit einer erheblichen Bevölkerungsdichte statt», sagt Markus Giger vom CDE. Das beste Land liegt nicht brach. Das führt zu Konflikten zwischen Bauernorganisationen, internationalen Investoren und Regierungen. Ende April wurde Chut Wutty, ein bekannter Waldschützer in Kambodscha, von der Militärpolizei erschossen. Im Januar wurde ein altes Bauernehepaar, das für die Rechte von Kleinbauern in Guatemala gekämpft hatte, ermordet.

Neue Regeln sind freiwillig

Um Konflikte zu entschärfen, wurden unlängst in Rom erstmals internationale Richtlinien für die Landnutzung verabschiedet. Drei Jahre lang hatten Regierungen, Experten, Industrievertreter und Bauernverbände unter Leitung der Welternährungsorganisation FAO darüber verhandelt. Das 35 Seiten lange Dokument nimmt Staaten und Investoren in die Pflicht. Sie sollen traditionelle Eigentumsstrukturen, die in keinem Grundbuch festgehalten sind, respektieren. Sie sollen dafür sorgen, dass kein Raubbau an den Ressourcen getrieben wird, dass Investitionen die Nachhaltigkeit fördern. Klimaschutz, Frauenrechte, Verhandlung statt Konfrontation, Respekt für das Gesetz – die Richtlinien sind umfassend.

Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW begrüsste die Verabschiedung «dieses Schlüsselelements zur Ernährungssicherheit», an dessen Formulierung die Schweiz aktiv beteiligt gewesen sei. Doch das BLW warnt auch: «Der Mehrwert der Richtlinien wird gemessen an der zukünftigen Verwendung in den Entwicklungsländern.» Die neuen Regeln haben einen grossen Haken: Sie sind freiwillig. Kein Staat, kein Konzern verpflichtet sich, sie einzuhalten.

Schwache Länder im Fokus

Allein China hat in Entwicklungsländern über 50 Milliarden Dollar für Landkäufe ausgegeben. Der grösste Einzeldeal fand im Kongo statt: 2,8 Millionen Hektaren für Palmöl-Plantagen. In Sierra Leone will China 1,2 Milliarden Dollar investieren, um Reis zu produzieren. Wenn den ärmsten Ländern der Welt solche Summen angeboten werden, kümmern sich deren Regierungen nicht um eine Handvoll Bauern vor Ort.

«Investoren gehen gezielt in arme Länder, die schlecht in die Weltwirtschaft integriert sind, in denen oft Hunger herrscht und die schwache Institutionen der Landkontrolle haben», hält eine Analyse der Land-Matrix-Herausgeber fest. 70 Prozent der betroffenen Fläche befinden sich in Ostafrika sowie in Indonesien und auf den Philippinen. Aber auch Staaten in Südamerika kommen ins Visier von Landkäufern. Investoren kommen aus China und Indien, aus den Golfstaaten, aber auch aus Europa. Fonds im Agrobusiness gehören inzwischen zum Angebot vieler Investmentgesellschaften. Einen starken Schub solcher Investitionen gab es 2008, nachdem 2007 die Lebensmittelpreise weltweit sprunghaft gestiegen waren. Zwar sind die Preise inzwischen wieder etwas gesunken, doch der Trend sei ungebrochen, befindet die Land-Matrix-Analyse. Der legendäre US-Investor Warren Buffet erklärt seit Jahren, dass fruchtbares Ackerland das Gold der Zukunft sei.

Kleinbauern schützen

Investoren wollen eine hohe Rendite erzielen. Sie müssen deshalb aus den Böden das Maximum herausholen. Das bedeutet Monokulturen, hohen Pestizid- und Düngemitteleinsatz sowie einen enormen Wasserverbrauch – auch in Ländern, die schon heute unter Trockenheit leiden. Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck hält die weltweit zunehmende Wasserknappheit für eines der grössten Probleme der Landwirtschaft überhaupt. Und er warnt, dass die Getreideproduktion deswegen in den nächsten 20 Jahren um ein Drittel zurückgehen könnte.

Auch die FAO erachtet die Intensivierung der Landwirtschaft weltweit als unausweichlich. Noch ernähren Kleinbauern einen grossen Teil der Weltbevölkerung. Den Bedarf der rapide wachsenden Städte können sie aber langfristig nicht befriedigen. Umso wichtiger sei der Ausgleich zwischen den Bedürfnissen der industriellen Landwirtschaft und der Kleinbauern. Die FAO will in den nächsten Monaten Handbücher für Investoren in der Landwirtschaft erstellen. «Die neuen Leitlinien sind ein Anfang», sagt FAO-Generalsekretär José Graziano da Silva. «Sie werden helfen, die Lage der Armen und Hungrigen zu verbessern.»

Erstellt: 28.05.2012, 17:35 Uhr

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