Der Fluch von Panama

Ein Pilz bedroht den Anbau von Bananen in ganz Südamerika. Hilfe könnte die Gentechnik bringen – oder verbesserte Anbaumethoden.

Die Plage greift um sich: Eine vom Pilz TR 4 befallene Bananenplantage in Riohacha, Kolumbien. Foto: Manuel Rueda (Keystone)

Die Plage greift um sich: Eine vom Pilz TR 4 befallene Bananenplantage in Riohacha, Kolumbien. Foto: Manuel Rueda (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Tod klebt an den Fusssohlen. Zäh ist er, unsichtbar fürs blosse Auge, verborgen im Erdreich, das an den Schuhen der Farmer, an ihren Autos, Geräten und Kisten haftet. Noch bevor die ersten Blätter an den Bananenstauden welk sind und die Katastrophe offenkundig wird, hat der Pilz bereits seine Überlebensversicherung in den Boden getrieben, mikroskopisch kleine, kugelrunde Sporen, denen kein Pestizid etwas anhaben kann – und auch nicht die Zeit. 20, manche schätzen sogar 30 Jahre lang, kann der Schädling in der Erde überdauern und auf eine Mitfahrgelegenheit warten.

Das genügt für eine Weltreise. Soeben hat der Pilz mit dem umständlichen Namen «Fusarium oxysporum f. sp. cubense, Tropical Race 4» Südamerika erreicht, genauer gesagt: Kolumbien. Im Juli wurden die ersten Plantagen unter Quarantäne gestellt. Vor wenigen Tagen hat die Regierung einen nationalen Notstand ausgerufen. Dies ist ein seit langem befürchtetes Ereignis. Foc TR 4 – oder einfach nur TR 4, wie der Schädling verkürzt heisst – hat sich seit den 90er-Jahren erst in Ost- und Südostasien und in Australien ausgebreitet, zuletzt schaffte er den Sprung in den Nahen Osten und nach Moçambique.

Zerstörerischer Pilz

Jetzt ist er dort, wo er den grössten Schaden anrichten kann, in Südamerika. Bananen sind ein zentrales Exportgut fast aller südamerikanischen Länder. Europa importiert gemäss der Schweizer Stiftung Fairtrade Max Havelaar mehr als 5,4 Millionen Tonnen Bananen, davon gelangen rund 90'000 Tonnen – 40 bis 45 Prozent davon aus Kolumbien – in die Schweiz.

Der Gegner, mit dem es die kolumbianischen Bauern jetzt zu tun haben, hat seine Karriere in der Evolution vermutlich einmal als nützlicher Pflanzenbewohner begonnen, doch jetzt bringt er lediglich Zerstörung. Er wird über die Wurzeln in die Stauden eindringen, mit feinsten Fäden den Wurzelstamm besiedeln und sich allmählich in die fleischigen Blattscheiden der Pflanze vorarbeiten, wo er die Wasserversorgung unterbricht.

Die Blätter welken und verfärben sich gelb, die Stauden sterben. Ein Gegenmittel existiert nicht. Die Bauern müssen alles verbrennen, ihre Felder unter Quarantäne stellen – obgleich selbst das nur bedingt hilft, wegen der Sporen im Boden und weil der Pilz als Zwischenmahlzeit auch Gräser befallen kann.

90'000 Tonnen Bananen importiert die Schweiz jährlich – 40 Prozent davon aus Kolumbien.

Kurzum, es ist ziemlich hoffnungslos. Schon einmal hat der Pilz die Bananenwelt auf den Kopf gestellt, mehr als 50 Jahre ist das jetzt her. Die Rasse, «race», hiess damals noch schlicht R 1, und die Banane trug den Namen Gros Michel. Die Sorte dominierte in den 60er-Jahren den Markt.

R 1 tauchte zuerst in Panama auf und fegte Gros Michel schliesslich vom Markt. Seither heisst die Pilzinfektion auch Panamakrankheit. Das gleiche Schicksal wird nun der heute dominanten Cavendish-Banane prophezeit. In düstersten Szenarien malt man sich den Zusammenbruch der Bananenindustrie aus, das Ende des Lieblingsobstes nach einer Phase rasanter Verknappung.

Ganz weit hergeholt ist das nicht, denn zu Gros Michel gab es immerhin eine Alternative, nämlich die Sorte Cavendish. Für Cavendish dagegen gibt es keinen verfügbaren Ersatz mehr. Trotzdem hofft man auf die Rettung der gelben Früchte durch neue Bananen, auf die Rettung durch eine resistente Sorte, die kann, was sonst nur die wilden Bananen können: Fusarium trotzen.

Auch der Schädling passt sich an

Das ist jedoch nicht einfach. Normale Pflanzenzucht ist ein Problem für die Banane. Die modernen Kultivare, wie Pflanzenzüchter sagen, sind samenlos. Sie vermehren sich im Gegensatz zu den Wildformen nicht geschlechtlich, sondern werden aus dem Gewebe der Pflanzen geklont. Zudem haben sie anstatt der wildtypischen zweifachen Erbanlagen meist einen dreifachen Satz von Genen. Kreuzungen von alt und neu sind deshalb nicht einfach zu bewerkstelligen.

Man hat zuletzt auf spontane Mutationen im Erbgut der Cavendish gesetzt, auf dass sie, fleissig vermehrt, von ganz allein neue, widerstandsfähige Varianten hervorbringe. Tatsächlich gibt es sie, die Giant Cavendish Tissue Culture Variants (GCTCVs), die durch eine Selektion von Klonen entstanden ist. Einige dieser Varianten sind etwas weniger anfällig für Fusarium.

Experten bezweifeln jedoch, dass diese Toleranz im Anbau stabil bleibt, auch der Schädling passt sich schliesslich an. Ausserdem hat die Selektion nicht nur gute Eigenschaften der Bananen befördert, einige Varianten sind zum Beispiel kleiner oder weniger gut für den Transport geeignet.

Es existieren bereits biotechnisch abgehärtete Bananen, die Fusarium widerstehen. Der australische Agrarwissenschaftler James Dale von der University of Brisbane hatte Erbanlagen aus einer malaiischen, gegen TR4 resistente Wildbanane und Gene aus Fadenwürmern in verschiedene Cavendish-Varianten übertragen und ab 2012 auf pilzverseuchtem Boden im nördlichen Territorium ausgebracht. Vor zwei Jahren berichtete sein Team über die Ergebnisse dieser ersten Freilandversuche. Zwei der transgenen Sorten erwiesen sich tatsächlich als immun, schon 2023 könnten sie nach Aussage der Forscher im grossen Stil angebaut werden.

Eine transgene Banane rettet die Banane, aber nicht den Markt.

Wäre da nicht die vor allem in Europa verbreitete Ablehnung gegenüber genetisch veränderten Lebensmitteln. Eine transgene Banane rettet deshalb die Banane, aber nicht den Markt. Davon sind auch die Bananenhändler überzeugt. Als die letzte Option erscheint manchen deshalb noch die Genschere Crispr, die keine transgenen Pflanzen erzeugt. Das relativ neue molekulare Werkzeug kann die gewünschte Eigenschaft aus der Wildform einfach direkt ins Erbgut der Banane hineinschreiben, ohne fremde Gene einzubauen. Im Ergebnis unterscheiden sich die Pflanzen dann nicht von klassisch gezüchteten, ausser dass ein jahrzehntelanger Aufwand entfällt.

Aber auch hier gibt es Akzeptanz- und vor allem Verständnisprobleme. Seit vergangenem Jahr gelten mit Crispr veränderte Pflanzen deshalb auch in Europa als Gentechnik und sind damit für den europäischen Markt problematisch.

Andere Anbaumethoden?

Aber wäre eine neue Banane wirklich die einzige Lösung? Es gibt nicht wenige Experten, die das Problem eher in den Anbaumethoden sehen, die das Bananenbusiness ganz grundsätzlich sehr anfällig machen für Schädlinge: Monokulturen ohne Fruchtfolge, Plantagen von epischer Grösse und der intensive Einsatz von Pestiziden schaffen den Nährboden für eine Verbreitung von Krankheiten.

Auch die Ernährungsbehörde der Vereinten Nationen ermahnt die Bananenbauern deshalb seit Jahren, von den gängigen Praktiken abzuweichen und nachhaltiger zu agieren. Zum Beispiel, indem sie die Plantagen nach der einzigen Ernte der Stauden zunächst mit anderen Kulturpflanzen bewirtschaften. Ausserdem gibt es eben nicht nur die Cavendish, sondern auch zahlreiche andere Bananensorten, die vielleicht nicht dem uniformierten Bedürfnis des Marktes entsprechen, aber dennoch eine gesunde Vielfalt böten.

Es sei auffällig, dass TR4 bei Mischkulturen weniger aggressiv sei, sagt Martin Blaser von Fairtrade Max Havelaar. Um auf solche Kulturen umzustellen, müsse es in der Bananenindustrie aber zu einem radikalen Wandel in Richtung Extensivierung kommen, was die Banane massiv verteuern würde. Für Blaser scheint es wahrscheinlicher, dass die Industrie eher auf gentechnisch modifizierte Bananen setzen wird und «weiter wie bisher» produziert und vermarktet.

Erstellt: 04.09.2019, 18:35 Uhr

Noch keine Knappheit

Der Pilz TR4 bedroht bisher zwei Bananenfarmen im Osten Kolumbiens. Dort wird gemäss der Schweizer Stiftung Fairtrade Max Havelaar auf rund 170 Hektaren Fläche jährlich rund 6300 Tonnen Bananen produziert, die jedoch nicht für den Schweizer Markt bestimmt seien. Die betroffene Fläche entspricht etwa 0,4 Prozent der gesamten Produktionsfläche in Kolumbien. Sollte sich der Erreger weiter ausbreiten, so hat die Schweiz für den Import Ausweichmöglichkeiten innerhalb von Kolumbien, aber auch in Ecuador, Panama, Costa Rica und Peru. Schweizer und Schweizerinnen konsumieren im Durchschnitt rund 11 Kilogramm Bananen pro Jahr, das entspricht in etwa 66 Bananen. (lae)

Artikel zum Thema

Wegen Pilzkrankheit: Zahlen wir bald mehr für Bananen?

Verheerende Bananenfäule ist zum ersten Mal im wichtigsten Anbaugebiet nachgewiesen worden. Ein Experte geht von bald steigenden Preisen aus. Mehr...

Wie nachhaltig ist die Banane mit dem WWF-Label?

Die Migros verkauft immer mehr Bananen mit WWF-Label, das für besondere Nachhaltigkeit steht. Experten bezweifeln dieses Versprechen jedoch. Mehr...

Der Mitbegründer der Gentechnik blickt zurück

Porträt Der Schweizer Nobelpreisträger Werner Arber sieht wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Glauben in Einklang. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...