Der Grenzgänger

Der berühmte Alpinist Reinhold Messner sagt, dass die zwei Schweizer Norbert Joos und Erhard Loretan bei ihrer Annapurna-Überquerung damals Grossartiges geleistet hätten.

«Ich habe immer zu meinem Ehrgeiz gestanden», sagt Reinhold Messner. Foto: Priyanka Parashar (Getty Images)

«Ich habe immer zu meinem Ehrgeiz gestanden», sagt Reinhold Messner. Foto: Priyanka Parashar (Getty Images)

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Wenn Fingerkuppen und Fels miteinander verschmelzen, kommen Extrembergsteiger in einen Flow-Zustand. Immer weiter, immer höher, aber auch immer gefährlicher. Das Hirn arbeitet in diesen Höhen nicht mehr normal. Der Körper ist zunehmend geschwächt und erschöpft. Das Wetter meist garstig und unwirtlich. Doch das selbst gesteckte Ziel ist und bleibt der Gipfel. Hinauf auf die Spitze des Achttausenders, hin­aus aus unserer zivilisierten Welt und hinein in eine archaische. «Wenn man es überlebt, ist das Zurückkommen wie ein Neuanfang im Leben», sagt Reinhold Messner. Es seien unbeschreibliche Momente des Glücks und der Zufriedenheit.

Doch er habe auch kritische und traumatische Situationen erlebt, erzählt er weiter. Am tragischs­ten sei der Tod seines Bruders Günther im Juni 1970 gewesen. Nachdem sie beide den Gipfel Nanga Parbat in Pakistan erreicht und dort ein Notbiwak ohne Zelt, Schlafsäcke und Kocher eingelegt hatten, stiegen sie auf der sogenannten Diamir-Seite ab. «Ich ging vor­aus, um einen Weg durch all die Gletscherspalten und Abbrüche zu suchen», sagt der Extrembergsteiger. Doch eine Eislawine habe seinen Bruder erschlagen. Der Fall habe einen jahrelangen juristischen Streit mit dem damaligen Expeditionsleiter ausgelöst, weil dieser behauptete, dass Günther Messner ganz allein eine andere Abstiegsroute gegangen sei. «Erst als die sterblichen Überreste gefunden wurden, habe ich beweisen können, dass dies eine Lügengeschichte gewesen war», sagt Reinhold Messer. Dass er selbst – trotz schwerer Erfrierungen – nach sechs Tagen damals das Tal noch erreicht habe, sei Zufall gewesen.

Von Rekord zu Rekord

Der 71-jährige Südtiroler ist der berühmteste Bergsteiger und blickt auf eine steile Karriere zurück. Er war es, der als Erster ohne Sauerstoffflasche auf den Gipfel des Mount Everest kletterte, als Erster auf den Gipfeln aller 14 Achttausender stand sowie als Erster einen Achttausender im Alleingang bestieg. Ihm gehe es dabei weniger um Rekorde, erklärt er, als vielmehr um das Ausgesetztsein in möglichst unberührten Naturlandschaften und das Unterwegssein mit einem Minimum an Ausrüstung. Deshalb sei eine von ihm geleitete Expedition auch mit einem Bruchteil dessen ausgekommen, was sie sonst gekostet hätte. Er habe das erfunden, was man heute den Alpinstil nenne. Stets auf der Suche nach neuen Abenteuern und Grenzerfahrungen, durchquerte Messner auch die Antarktis, Grönland und die Wüsten Gobi und Taklamakan.

Jetzt ist Reinhold Messner auf dem Expeditionskreuzfahrtschiff MS Hanseatic unterwegs, um auf der Tamedia-Leserreise in die Arktis Vorträge über seine Erlebnisse in der Wildnis zu halten. Unser Treffen findet am Ende der Reise um die Inselgruppe Spitzbergen bei mässigem Seegang auf der Backbordseite der Observationslounge statt. Schaut man dort aus dem Fenster, ist weit und breit nur Meer zu sehen. Ein paar Möwen fliegen vorbei, ab und zu brechen ein paar Wellen, sodass schöne weisse Schaumköpfe auftreten.

«Ich bin nicht der einsame Wolf», sagt Messner bei unserem Gespräch. In der Tat hat er bei unseren Ausflügen an Land vielen die Hand gereicht, um sie bei einer etwas anspruchsvolleren Wanderung durch einen knietiefen, etwas stärker fliessenden Schmelzwasserbach zu lotsen. Er habe jedoch in allen seinen Lebensphasen sich stets prüfen wollen, ob er es schaffe, allein klarzukommen. Nur dann sei er auch anderen zumutbar, sagt er.

Was treibt einen Bergsteiger im Innersten an, sich freiwillig in die Todeszone zu begeben? «Ich bin immer zu meinem Ehrgeiz gestanden», sagt Messner. «Und ich sehe es auch nach wie vor nicht ein, warum meine Sache nicht meine Sache sein soll, wenn ich andere dabei nicht störe. Im deutschen Sprachraum ist dies reiner Egoismus. Ich sehe es aber ein bisschen anders und glaube, dass wir Menschen das Recht haben, unsere Gaben und unsere Begeisterung auszuleben und auch auszuschöpfen. Vielleicht haben wir sogar die Verpflichtung dazu.» Weil seine Frau Sabine diese Leidenschaft mit ihm teile und ihn nicht zurückhalte, habe er solche gefährlichen Expeditionen auch später weiterhin machen können.

Tod durch Massensturz

Ähnlich wie der Freiburger Erhard Loretan vor fünf Jahren kam vor kurzem der bekannte Churer Ex­trembergsteiger und Bergführer Norbert Joos beim Abstieg von einem Gipfel in den Schweizer Alpen ums Leben. «Ein klassischer Mitreissunfall mit weniger erfahrenen Alpinisten», sagt Messner. Ein solcher Fangsturz sei nicht zu kontrollieren, weil die Energie, die auf einen komme, viel zu hoch sei, um das Seil noch zu halten. «Vor Joos und Loretan hatte ich grossen Respekt, weil sie die erste Überschreitung der ganzen Annapurna-Kette geschafft hatten», fügt Messner hinzu. «Tagelang in grosser Höhe und am Ende auch noch einen Weg hinunter, der von oben sehr schwer zu überblicken war. Davor konnte ich nur den Hut ziehen. Eine grossartige Leistung.»

Hat er selbst viele beängstigende Situationen erlebt, bei denen er dachte, jetzt gehe es nicht mehr weiter? «Ja, bei meinem ersten 8000er. Da hatte ich so starke Erfrierungen, dass mir danach sieben Zehen ganz oder teilweise amputiert werden mussten.» Im Jahr 1978 beim Alleingang auf den Nanga Parbat wäre er fast umgekommen. Oder später beim Abstieg vom Gipfel des Kangchendzönga in Nepal. Dort litt er unter einem Amöbenabzess, hatte Fieberträume und Halluzinationen. Zudem zerriss ein Sturm auf 7950 Meter Höhe auch noch das Biwak, sodass sein Begleiter Friedl Mutschlechner ihn zwingen musste, sofort die Steigeisen anzulegen und abzusteigen.

Der 15. Achttausender

Der bisher folgenreichste Unfall passierte Messner jedoch 1995 auf seiner mittelalterlichen Burganlage Juval in Südtirol. Da der Schlüssel fehlte, kletterte er spontan im Dunkeln und bei Regen über die 6 Meter hohe Mauer und zog sich beim Sprung einen Fersenbeinbruch zu. Es war damals unsicher, ob er je wieder würde laufen können. Obwohl er nach zwei Operationen leicht hinkte, startete er weitere Abenteuer. «Als ich mit 60 in der Wüste Gobi am Schluss noch über einen 5000 Meter hohen Bergkamm gehen musste, merkte ich, dass es Zeit zum Aufhören ist», sagt er lachend. Mit dem Älterwerden habe er kein Problem und auch nicht mit der Tatsache, dass sein 25-jähriger Sohn längst besser klettere als er.

Der vierfache Vater, der jetzt mit seiner Frau und zwei Kindern auf dem Kreuzfahrtschiff reist, hat viel Extremes überstanden und nicht nur durch Zufall überlebt. «Ich habe jedes Mal das Leben noch einmal geschenkt bekommen, um wieder etwas Verrücktes zu machen oder intensiv weiterzuleben», betont Messner, der in den vergangenen Jahren sechs Bergmuseen aufgebaut hat. Dies sei sein 15. Achttausender gewesen, der vor allem wirtschaftlich das grösste Risiko gewesen sei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.08.2016, 23:28 Uhr

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