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Der kluge Rabe baut vor

Nicht nur Menschen, auch Kolkraben bunkern Dinge, die sie später einmal gebrauchen könnten. Sie legen dabei eine erstaunliche Selbstkontrolle an den Tag.

Brauch ich es heute nicht, brauch ich es vielleicht morgen: Kolkraben planen voraus. Foto: Brandon Smith (Alamy)
Brauch ich es heute nicht, brauch ich es vielleicht morgen: Kolkraben planen voraus. Foto: Brandon Smith (Alamy)

Die übrig bleibende Schraube, das Gummiband vom Marmeladenglas, die hübsche Schleife ums Geschenk: Gern häuft der Mensch Dinge an. Brauch ich jetzt nicht, aber vielleicht irgendwann. ­Typisch Mensch. Oder? Auch Raben können Dinge bunkern, die sie später vielleicht gebrauchen können, haben Forscher herausgefunden. «Rabenvögel ähneln dem Menschen in vielen Merkmalen wie der Fähigkeit zum Planen und einer Form des Sich-Selbst-Bewusstseins», sagt Susanne Foitzik von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. «Sie können anscheinend gut abschätzen, was in Zukunft passieren wird.»

«Die Fähigkeit, flexibel für Ereignisse zu planen, die ausserhalb des aktuellen Wahrnehmungsbereiches liegen, steht im Kern menschlichen Seins und ist entscheidend für unser alltägliches Leben und die Gesellschaft», schreiben Can Kabadayi und Mathias Osvath von der Universität Lund im Fachmagazin «Science». Das gelte für die anstehende Dinnerparty ebenso wie für die spätere Altersvorsorge. Nach Studien mit Menschenaffen sei die Annahme gewesen, dass sich die Fähigkeit im Zuge der Menschwerdung entwickelte – und nur dort.

Nun zeigen Kabadayi und Osvath: Kolkraben planen für Vorhaben wie Werkzeuggebrauch und Tauschgeschäfte bis zu 17 Stunden im Voraus, sie zeigen Selbstkontrolle und vermögen zeitliche Abstände zu künftigen Ereignissen abzuschätzen.

Doppelt so viele Gehirnnervenzellen wie Primaten

Die Vögel mussten Gegenstände aufbewahren, die zum Erreichen von Futter dienen – entweder direkt als Werkzeug oder als Tauschobjekt. Ihre Leistung in dem Bereich stehe der von Menschenaffen in nichts nach, so das Fazit des schwedischen Forscher-Duos. Die Fähigkeit zur Vorausplanung müsse unabhängig auch bei den Rabenvögeln entstanden sein – auf den letzten gemeinsamen Vorfahren vor rund 320 Millionen Jahren könne ein so komplexes Verhalten nicht zurückgehen.

«Das waren bescheidene reptilienartige Geschöpfe», erklärt Andreas Nieder von der Universität Tübingen. Von ihnen ausgehend habe die Evolution zwei ganz verschiedene Wege zu mehr Intelligenz gefunden. «Bei den Primaten ist es die Grosshirnrinde, bei den Vögeln sind es kernartige Strukturen im Endhirn.» Erst kürzlich sei gezeigt worden, dass Krähenvögel wegen der Unterschiede im Aufbau doppelt so viele Nervenzellen haben wie gleich grosse Gehirne von Primaten.

Zwar lege auch ein Eichhörnchen Vorräte für den Winter an und wirke damit planvoll, erklärt die Mainzer Verhaltensforscherin Foitzik. Solche Verhaltensweisen seien aber im Laufe der Evolution als Reaktion auf sich wiederholende Ereignisse wie den nahenden Winter entstanden. «Das ist ein reiner Automatismus, das Tier hat kein Bewusstsein dafür, was als Nächstes kommt.» Echte Planung beinhalte flexible Antworten auf immer neue Situationen.

Tausch-Experiment mit Stein

Kabadayi und Osvath untersuchten das Planungsvermögen von Kolkraben ­(Corvus corax) in vier Versuchsreihen. Fünf von Hand aufgezogene Raben wurden einbezogen, zwei davon Männchen. Zunächst wurde erprobt, ob die Vögel aus mehreren Hilfsmitteln das richtige wählen und beiseitelegen konnten, um 15 Minuten später an anderer Stelle eine Belohnung damit zu ergattern. Dabei ging es um einen Stein bestimmter Grösse, der, oben in das Rohr einer ­speziellen Apparatur geworfen, unten ein Leckerli herausfallen liess. Beim Tausch-Experiment ging es darum, unter je vier Gegenständen wiederholt denjenigen auszuwählen, den ­ein menschliches Gegenüber später gegen Futter eintauschen würde. Welches das vom Menschen begehrte Stück war, ­hatten die Tiere zuvor gezeigt bekommen.

In einem Grossteil der Durchläufe lösten die Raben sowohl die Werkzeug- als auch die Tauschaufgabe korrekt. In Folgeversuchen wurde die Zeit zwischen der Wahl eines Gegenstands und dem möglichen Einsatz auf bis zu 17 Stunden – über die Nacht hinweg – ausgedehnt. Die Erfolgsraten blieben hoch. Den Hang zu effektiver Selbstkontrolle ­belegte ein abgewandelter Versuch: Parallel zu Werkzeug oder Tauschmittel wurde ein Futterstück zur Auswahl angeboten, das allerdings minderwertiger war als das später durch Werkzeug­gebrauch oder Tausch erhältliche. In fast drei Vierteln der Versuche verzichteten die Raben auf den Schnellimbiss und warteten lieber 15 Minuten auf das Festessen.

Vor allem diese Selbstkontrolle findet der Tübinger Neurobiologe Nieder bemerkenswert. «Das ist eine wichtige Basis für intelligente Entscheidungen: Nicht auf alles sofort zu reagieren, sondern einen Schritt zurückzutreten und erst einmal überlegen zu können, was die sinnvollste Handlung ist.»

«Unsere Studie zeigt, dass wilde Orang-Utans nicht nur im Hier und Jetzt leben, sondern sich die Zukunft vorstellen können und ihre Pläne kommunizieren.»

Carel van Schaik

Konnten die Raben mit dem Werkzeug direkt loslegen, verzichteten sie sogar in allen Fällen auf das kleinere Alternativ-Leckerli. «Die Tiere berechnen die Wartezeit also als Kostenfaktor mit ein», erklärt die österreichische Verhaltensforscherin Alice Auersperg. «Sie entscheiden sich häufiger für das schlechte Futter, wenn das bessere mit einer Wartezeit belastet ist.»

Lange Zeit sei angenommen worden, nur der Mensch könne Erinnerungen an vergangene Geschehnisse dazu nutzen, sein Verhalten bei aktuellen und künftigen Ereignissen zu planen, erläutern Markus Boeckle und Nicola Clayton von der Universität Cambridge in einem Kommentar zur «Science»-Studie. Tiere hingegen lebten in einem Strom aktueller Bedürfnisse, unfähig zur Zukunftsplanung. «Studien mit Menschenaffen und Rabenvögeln stellen diese Ansicht infrage und zeigen, dass manche Arten mindestens so gut für die Zukunft planen können wie ein vier Jahre altes Kind.»

Forscher der Universität Zürich fanden vor einiger Zeit heraus, dass auch Orang-Utans im Voraus planen. Männchen teilen Artgenossen mit, in welche Richtung sie am Folgetag ziehen wollen. Die langen Rufe sollen Weibchen zum Mitziehen animieren und andere Männchen abschrecken, hatte das Team um Carel van Schaik im Journal «PLOS One» berichtet. «Unsere Studie macht deutlich, dass wilde Orang-Utans nicht nur im Hier und Jetzt leben, sondern sich die Zukunft vorstellen können und ihre Pläne sogar kommunizieren.»

Soziales Netzwerk ist entscheidend

Doch warum sind manche Tiere smart und andere nicht? Warum hat die Evolution nicht alle Arten so schlau wie möglich gemacht? «Das Gehirn ist energetisch extrem teuer», erklärt Foitzik. «Wenn es nicht unbedingt nötig ist, investiert die Evolution darin nichts.» Flexibles Denken sei nur dann nötig, wenn ein Tier sehr oft mit unerwarteten Ereignissen konfrontiert werde. «Das ist bei Arten der Fall, die in festen Sozialverbänden leben, die ein sehr breites Nahrungsspektrum haben, die langlebig sind.»

Vor allem das Netzwerk sozialer Beziehungen sieht die Forscherin als entscheidend an. «Wer hat welchen Rang, wer ist mit wem befreundet, wer beobachtet mich da beim Futterverstecken, und wer ist gut darin, diese bestimmte Nahrung zu finden, und ich kann ihm vielleicht etwas abluchsen.»

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