Der Mann, der den Zufall beherrscht

Wendelin Werner von der ETH Zürich erhielt die Fields-Medaille, den «Nobelpreis der Mathematik» – nach einem Abstecher in die Schauspielerei.

Der Mathematiker Wendelin Werner im Hauptgebäude der ETH Zürich, seinem Arbeitsort. Foto: Sabina Bobst

Der Mathematiker Wendelin Werner im Hauptgebäude der ETH Zürich, seinem Arbeitsort. Foto: Sabina Bobst

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Es war eine zufällige Begegnung mit der Schauspielerin Romy Schneider, die Wendelin Werner in gewisser Hinsicht zu dem gemacht hat, was er heute ist: ein renommierter Mathematiker, aber zugleich ein sehr bescheidener, zurückhaltender Mensch.

Werner war zwölf Jahre alt, als ein Casting-Direktor beim Jugendorchester in Paris vorbeikam, in dem Werner musizierte. Für die Rolle des jüdischen Knaben Max im Film «La passante du Sans-Souci» wurde ein junger Geiger gesucht. «Ich war im Grunde der Einzige im Orchester, der sich nicht für die Rolle gemeldet hat», sagt Werner. «Aber der Casting-Direktor hat mich aufgefordert, vorzuspielen.» Werner hatte zuvor nichts mit der Schauspielerei am Hut, sagte aber zu. «Vielleicht habe ich die Rolle bekommen, weil ich das alles relativ locker gesehen habe.» So spielte er, mittlerweile 13-jährig, an der Seite von Romy Schneider in deren letztem Film.

Während der Dreharbeiten hat Werner hautnah miterlebt, wie die Medien Romy Schneider fertigmachten. Als im Sommer 1981 ihr Sohn David starb, habe die Presse die Trauer von Schneider nicht respektiert. «Was in den Medien geschildert wurde, hatte wenig mit der Realität zu tun», sagt Werner. Seine Lektion: Vor Ruhm muss man sich schützen. «Ich habe für mich damals auch klar formuliert, dass ich meine Zukunft der Wissenschaft widmen möchte, nicht der Schauspielerei.»

Nach Paris kam der in Köln geborene Werner im Alter von neun Monaten. Sein Vater, ein Heinrich-Heine-Spezialist, erhielt dort einen Forschungsauftrag – die französische Staatsbibliothek hatte Manu­s­kripte des deutschen Dichters erworben. In Paris gefiel es den Eltern so gut, dass die Familie blieb und bald die französische Staatsbürgerschaft annahm. Mit den Eltern spricht Werner nach wie vor deutsch, mit seinen drei Brüdern eher französisch.

Mathematik und Emotionen

Trotz des geisteswissenschaftlich geprägten Elternhauses entschied sich Werner für ein Studium der Mathematik und Physik an der Ecole Normale Supérieure in Paris. Seine Interessen führten ihn tiefer in die Mathematik hinein. «Mich hat einfach fasziniert, wie man eine wissenschaftliche Idee auf eine abstrakte, mathematische Weise formuliert.»

Welcher Bereich einem Mathematiker am meisten liegt, meint Werner, habe viel mit den per­sönlichen Erfahrungen und Emotionen zu tun. «Häufig haben Mathematiker, die sich mit zwei­dimensionalen Strukturen beschäftigen, in ihrer ­Jugend viel Schach gespielt.» Die zweidimensionale Welt des Schachs helfe, die zweidimensionale Welt der Mathematik im Kopf zu rekonstruieren, etwa im Fachgebiet der komplexen Analysis. Werner hat sich in seiner Jugend nicht nur mit Schach, sondern auch viel mit Würfelspielen befasst. Daher verfüge er über einen besonders intuitiven Zugang zum Zufall. Das Spezialgebiet des heute 48-Jährigen liegt in der Verknüpfung beider Welten, der Wahrscheinlichkeitstheorie und der komplexen Analysis.

Die Sonne brennt in Werners Büro an der ETH Zürich. Die Fenster bieten einen fantastischen Blick über die Stadt und auf den Uetliberg. Werner kritzelt mit einem Bleistift eine wackelige Linie, einen Pfad, wie er sagt, auf ein gelbes Post-it. Der Bergrücken des Uetlibergs sei ein Beispiel für solch einen zufälligen, wackligen Pfad. Ebenso die Zufallsbewegung eines Moleküls in einer Flüssigkeit, Brownsche Bewegung genannt, oder der zerfurchte Rand eines rostigen Lochs in der Karosserie eines Autos. Durch eine Lupe betrachtet, wäre der Rand des Rostlochs immer noch ähnlich zerfurcht wie im grossen Massstab. Diese Eigenschaft, dass sich Strukturen im Grossen wie im Kleinen fast identisch wiederholen, nennt man fraktal.

Werner beschäftigt sich, vereinfacht ausgedrückt, mit der Frage, wie aus mikroskopisch kleinen Prozessen makroskopisch sichtbare Formen werden, etwa die zackige Form eines Rostlochs und welche «fraktale Dimension» sie haben. Er möchte verstehen, wie aus der winzigen Welt der Partikelphysik mit den dort typischen Zufallsprozessen die makroskopische, für unsere Augen sichtbare Welt entsteht. Das rostige Loch gebe aber nur eine vage Idee der weit abstrakteren Mathematik, die er letztlich betreibe. «Diese Vergleiche sind nur ein kleines Fenster, über das ich meine Forschung nach aussen kommunizieren kann», sagt Werner.

Bedeutend ist die Forschung allemal. Das zeigen die neun Preise, die Werner bislang gewonnen hat. 2006 erhielt er im Alter von 37 Jahren die Fields-Medaille, die oft als «Nobelpreis für Mathematik» bezeichnet wird. Und letzten Dezember wurde ihm der Heinz-Gumin-Preis für Mathematik «für seine bahnbrechenden Beiträge zur mathematischen Begründung universeller Eigenschaften der Brownschen Bewegung mit Anwendungen auf zentrale Vermutungen der statistischen Physik» verliehen.

Der wissenschaftliche Erfolg ist Werner nicht zu Kopf gestiegen. «Es gibt viele Mathematiker, die sehr gute Sachen machen. Warum der eine dann die Fields-Medaille erhält, der andere nicht, das ist manchmal etwas eigenartig», sagt Werner. Er trägt einen schwarzen Sportpulli, eine schwarze Hose, schwarze Turnschuhe, alles jenseits der Mode. Dinge wie Freunde auf Facebook oder Auftritte in den Medien seien für ihn unbedeutend. Einen Werbefilm, bei dem er als Zufallsexperte hätte auftreten sollen, lehnte er als ethisch fragwürdig ab, auch wenn viel Geld geflossen wäre. «Erfolg besteht für mich nicht darin, in der Medienwelt zu erscheinen oder viel Geld zu verdienen. Mir geht es nur darum, mir treu zu bleiben, meinen Weg zu gehen.»

Inspiration auf schwedischer Insel

Der führt ihn oft in den Wald und in die Berge, wo er auf langen Spaziergängen nach Inspiration sucht. Die Mathematik bestehe entgegen der gängigen Vorstellung nicht darin, endlose Rechnungen zu machen. «Wir rechnen sehr wenig», sagt Werner. «Vielmehr suchen wir nach Verknüpfungen zwischen verschiedenen Bereichen der Mathematik.» Einmal fand er Inspiration auf einer Insel vor Stockholm. Er hatte das letzte Boot aufs Festland verpasst. «Ich konnte nichts anderes tun, als stundenlang nachzudenken.» Wie ein Bildhauer eine neue Figur müsse man als Mathematiker den neuen mathematischen Zusammenhang im Kopf entwerfen. Dann brauche man nur noch zu hämmern – oder eben den mathematischen Beweis niederzuschreiben.

2013 kam Werner von Paris an die ETH Zürich. Seine beiden bereits erwachsenen Kinder studierten in England. Werner hatte das Gefühl, er müsse den Rahmen wechseln und die in ihm schlummernde deutsche Sprache aufwecken. So habe er sich die ETH ausgesucht. Hier sind die Arbeits­bedingungen ganz nach seinem Geschmack: «Man lässt mich in Ruhe arbeiten. Die Studenten sind auf einem guten Niveau. Die Kollegen sind Spitzenleute.» Zudem gefiel ihm die Grösse der Stadt. Er liebt das Schauspielhaus, die Oper. In dieser Hinsicht haben die literarisch geprägte Welt seines Elternhauses, die Geige und die Schauspielerei dann doch ihre Spuren hinterlassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 18:51 Uhr

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