Der Mensch verdrängt eine Million Tier- und Pflanzenarten

Erstmals seit 14 Jahren legen Experten eine globale Bestandsaufnahme der Artenvielfalt vor.

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Seit es Menschen auf der Erde gibt, sind noch nie so viele Tiere und Pflanzen ausgestorben wie gerade jetzt. Der Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services), der am Montag in Paris vorgestellt wurde, lässt keinen Zweifel daran, dass sich auf der Erde gerade ein gigantisches Artensterben ereignet, vergleichbar dem grossen Sterben der Dinosaurier vor etwa 65 Millionen Jahren.

Es ist die erste globale Studie seit 14 Jahren, die darlegt, wie es den Tieren und Pflanzen auf der Erde geht und in welchem Zustand sich ihre Lebensräume befinden. Mehr als 150 Experten aus 50 Ländern haben dafür drei Jahre lang Tausende von Studien ausgewertet. Und auch wenn der Bericht in der trockenen Sprache der Wissenschaft verfasst ist, liest sich das Fazit erschreckend. Der Mensch habe bereits Dreiviertel der Erdoberfläche - nicht eingerechnet die Ozeane – «stark verändert», schreiben die Autoren.

Etwa eine Million der geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten, die es auf der Welt gibt, seien vom Aussterben bedroht. Im Tierreich geht es dem Bericht zufolge den Amphibien, also etwa Kröten, Fröschen und Molchen, am schlechtesten. 40 Prozent dieser Klasse der Wirbeltiere sind vom Aussterben bedroht. Nur geringfügig besser ist die Lage der Korallen, von denen fast ein Drittel mit dem Überleben kämpft.

Wie viele Insekten bedroht sind, ist den Autoren zufolge eine «Schlüssel-Unsicherheit». Es ist also nicht zu ermitteln, obwohl es wichtig wäre. Viele Kerbtiere bestäuben Pflanzen und spielen deshalb eine zentrale Rolle für das Leben auf der Erde. Schätzungen zufolge sind ungefähr zehn Prozent aller Insekten vom Aussterben bedroht - ein gewaltiges Ausmass angesichts der Tatsache, dass fünfeinhalb Millionen der acht Millionen bekannten Tier- und Pflanzenarten zu dieser Tierklasse gehören.

Im Pflanzenreich geht es den Palmfarnen besonders schlecht, mehr als 60 Prozent sind dem Bericht zufolge bedroht; bei den Koniferen, also den Nadelhölzern, sind es gut 30 Prozent. Mehr als 500'000 Arten bezeichnen die Autoren als «dead species walking». Gemeint sind Tiere und Pflanzen, deren Lebensräume so stark verändert oder zusammengeschrumpft sind, dass sie langfristig keine Chance haben zu überleben.

Schuld an all diesen negativen Entwicklungen ist der Mensch, daran lässt der Weltbiodiversitätsrat keinen Zweifel. Vor allem deshalb, weil er immer mehr Fläche für sich beansprucht, die anderen Lebewesen dann fehlt. In den vergangenen 50 Jahren habe sich diese Entwicklung dramatisch beschleunigt.

Beispiel Landwirtschaft: Allein in den Jahren zwischen 1980 und 2000 wurden dem Bericht zufolge 100 Millionen Hektar intakter Wald gerodet, unter anderem um dort Vieh weiden zu lassen (wie in Lateinamerika) oder Plantagen für Ölpalmen anzulegen (wie in Südostasien). Beispiel Städtebau: Die Fläche, die menschliche Behausungen auf der Erde einnehmen, hat sich nach Angaben der IPBES-Autoren seit 1992 verdoppelt.

Hauptgrund für den Artenschwund in den Ozeanen war dagegen in den vergangenen 50 Jahren die Überfischung. Es gibt immer weniger Gebiete, in denen nicht gefischt wird, der Mensch dringt in immer tiefere Gewässer vor und holt die Tiere schneller heraus, als sie sich vermehren können. Mit der Zeit werden es deshalb immer weniger. Im Jahr 2015 waren dem Bericht zufolge 33 Prozent aller Spezies überfischt, darunter Aale, Dornhaie und alle anderen Haiarten, der Granatbarsch und der Rochen.

Neu an dem aktuellen Bericht ist, dass er den Artenschwund nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit der zweiten die Menschheit bedrohenden Krise beleuchtet, dem Klimawandel. Artenschutz und Klimaschutz gelten vielen nach wie vor als unvereinbar. Grösster Streitpunkt sind Energiepflanzen wie Raps und Mais, die zwar dazu beitragen den CO2-Ausstoss zu verringern, aber auch grosse Flächen verbrauchen, was schlecht für die Artenvielfalt ist.

«Der Weltbiodiversitätsrat und der Weltklimarat wollen in Zukunft stärker zusammenarbeiten», sagt Josef Settele, Co-Vorsitzender des IPBES. Entscheidend sei, wie man in Zukunft den Energiesektor weiterentwickele. «Wind- und Wasserenergie beispielsweise könnten Druck von der Fläche nehmen», sagt Settele.

Die meisten Aichi-Biodiversitätsziele für das Jahr 2020 werden nicht erreicht.

Was zu tun wäre, um den Zustand der Erde zu verbessern, ist seit langem bekannt. Schon 2010 haben sich 150 UNO-Staaten zu den so genannten Aichi-Zielen bekannt. Bis zum Jahr 2020 sollte demnach unter anderem der Verlust an natürlichen Lebensräumen halbiert, die Überfischung der Weltmeere gestoppt sowie 17 Prozent der Landfläche und zehn Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden. Die Frist läuft nächstes Jahr ab und die Formulierung der IPBES-Autoren, es sei «wahrscheinlich, dass die meisten Aichi-Biodiversitätsziele für das Jahr 2020 nicht erreicht werden», ist noch milde ausgedrückt.

In dem Abschnitt des Berichts, in dem es um Details geht, bewerten die Experten die Fortschritte in vielen Punkten als armselig. Das gilt beispielsweise für die Ziele, den Verlust von Lebensräumen zu halbieren und die Überfischung der Meere zu stoppen. Auch von einer nachhaltigen Landwirtschaft sind so gut wie alle Länder, die 2010 unterzeichnet haben, weit entfernt.

Was getan werden müsste

«Gut» sind dem Bericht zufolge dagegen die Bemühungen vorangekommen, mehr Schutzgebiete zu etablieren sowie «invasive Arten» zu bekämpfen. Eines der bekanntesten Beispiele sind die ursprünglich aus den USA stammenden Grauhörnchen, die das kleinere europäische Eichhörnchen in Grossbritannien fast schon verdrängt haben.

Der Bericht macht indes nicht nur die Misere deutlich, sondern er zeigt auch auf, was getan werden müsste. Schon bis zum Jahr 2030 könnte sich die Situation verbessern, schreiben die Autoren. «Die Zeit läuft uns davon», sagt Günter Mitlacher, der bei der Umweltschutzorganisation WWF die Abteilung internationale Biodiversitätspolitik leitet. «Auf der Konferenz wurde lange um möglichst einfache und verständliche Formulierungen gerungen, um die Dramatik und die Dringlichkeit zu verdeutlichen», sagt er.

Denn der Weltbiodiversitätsrat kann nur Empfehlungen geben. Ob und was davon umgesetzt wird, entscheiden die Politiker in den einzelnen Ländern. Leicht wird das nicht sein, denn die Wissenschaftler fordern nicht mehr und nicht weniger als ein grundsätzliches Umdenken in allen Bereichen der Gesellschaft.

Erstellt: 06.05.2019, 12:35 Uhr

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