«Der Wolf ist eine grössere, ernstere Sache»

Das Raubtier polarisiert: Ein Besuch im Wallis bei Georges Schnydrig, einem der umtriebigsten Wolfsgegner der Schweiz.

In der Stadt als Botschafter der Wildnis geliebt, im Berggebiet als Botschafter der Wildnis auf der Abschussliste: Der Wolf.

In der Stadt als Botschafter der Wildnis geliebt, im Berggebiet als Botschafter der Wildnis auf der Abschussliste: Der Wolf. Bild: Getty Images

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«Gegen den Wolf habe ich gar nichts. Ich bin kein Wolfshasser», sagt Georges Schnydrig (53), und es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass er einen mit seiner Argumentation ins Staunen versetzt. Denn kaum einer kämpft vehementer gegen den Wolf als der Oberwalliser Schnydrig, kaum einer nimmt es mehr als er in Kauf, in der Öffentlichkeit als Wolfshasser dazustehen.

Wir sitzen hoch über den Gleisen des Bahnhofs Visp, Schnydrig arbeitet hier für den lokalen Energiedienstleister. Auf dem Weg vom Lift zum Sitzungs­zimmer sieht man durchs Fenster auf das industrialisierte Rhonetal und hinüber an die weitläufigen, zerfurchten, felsdurchsetzten Hänge der Lötschberg-Süd­rampe, an deren Fuss Schnydrig lebt.

Der frühere Eishockeyspieler und dreifache Vater ist Präsident der Kleingemeinde Lalden, Grossrat der Oberwalliser Christlich-Sozialen Partei und züchtet im Nebenerwerb Walliser Schwarznasenschafe, die er im Sommer im unwegsamen Gelände über seinem Dorf in Koppeln grasen lässt. Es ist dieser Lebensraum, für den er kämpft wie ein Löwe – weil er ihn bedroht sieht. Durch den Wolf. Und durch Bundesbern.

Diktat der Städter

Deshalb lässt Schnydrig seine Energie seit einigen Monaten zusätzlich in eine aufreibende nationale Mission fliessen. Er ist Mitgründer und zusammen mit dem Tessiner Germano Mattei Co-Präsident des jungen Dachverbands «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere». Schnydrig will damit den zwar schon jetzt heftigen, aber kaum koordinierten Widerstand von Schafhaltern und Landwirten gegen die Wiederansiedlung von Grossraub­tieren zur breiten Bewegung ausbauen. Zu einer Bewegung, die sich gegen das Diktat der städtischen Mehrheit im Land wehrt, die vorschreibe, wie man in den Bergen zu leben habe.

«Ich habe gar nichts gegen Städter», sagt Schnydrig. «Und es käme mir nie in den Sinn, Ihnen zu sagen, was Sie in Bern tun und lassen sollen.» Genau das aber passiere in umgekehrter Richtung. Indem die Politik in Bern und besonders das Bundesamt für Umwelt (Bafu) am absoluten Schutz des Wolfes festhielten, werde das Berggebiet zur unantastbaren Wildniszone erklärt, ohne dass man die Bevölkerung, die darin lebt, je gefragt habe, ob sie das wolle. «Das geht einfach nicht! Wo kommen wir da hin? »

1400 Mitglieder sind «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» nach eigenen Angaben bis jetzt beigetreten, in gut einem halben Dutzend Kantone gibt es regionale Vereine.

Tierschützer sehen in Schnydrigs Dachverband den neuen, fanatischen Totengräber des Wolfs. Aber Schnydrig möchte genau das Gegenteil eines Fanatikers sein: «Wir wollen den sachlichen Argumenten gegen den Wolf zum Durchbruch verhelfen.»

Inkompatibel mit dem Wolf

Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Schweizerische Arbeits­gemeinschaft für die Berggebiete (SAB), die in Bern ansässige, bestens vernetzte Lobbyorganisation, die für «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» gegen Bezahlung die Geschäfte führt, wie Schnydrig bestätigt. Kritiker monierten bereits, dieses Engagement sei der SAB, die von fast allen Kantonen finanziell unterstützt wird, unwürdig.

Allerdings befindet sich die SAB seit Jahren auf pointiert wolfskritischem Kurs. Bereits 2001 hatte der damalige SAB-Präsident und Ständerat Theo Maissen drohende Probleme mit dem Wolf im Bundesparlament aufs Tapet gebracht.

Heute sieht das Weltbild der SAB so aus: «Auf eine Rolle als Naturreservat und Ausgleichsraum zu den Städten reduziert zu werden, ist für die Berggebiete nicht akzeptabel», steht im Positionspapier Wolf: «Sie sehen sich als Lebens- und Wirtschaftsraum.» Mit dieser Vision ist der Wolf laut SAB definitiv «nicht kompatibel», das Berggebiet wolle sich nicht von oben herab zur Wildnis herabstufen lassen.

Diese Haltung spricht Georges Schnydrig aus der Seele. Und wie. Er erinnere sich, sagt Schnydrig jetzt, wie sein Namensvetter Reinhard Schnidrig, ebenfalls Walliser, aber als oberster Jagdinspektor beim Bafu auch oberster Wolfsmanager der Schweiz, einst erzählt habe, es sei wie ein Sechser im Lotto, wenn man in der Schweiz einen der scheuen Wölfe überhaupt je zu Gesicht bekomme. «Ein Witz», sagt Berggebietsverteidiger Schnydrig.

Die Ideologie des Bafu

«Heute ist die Realität mit dem Wolf bei uns die: Wir haben hohe Risszahlen bei Nutztieren in Sömmerungsgebieten, Übergriffe auf Rinder in den Heimbetrieben und herumstreunende Wölfe in Siedlungen.» Was das Bafu aber nicht daran hindere, «wider besseres Wissens am Schutz des Wolfs und an der Ideologie seiner flächendeckenden Ausbreitung» festzuhalten: «Diese Leute haben keine Ahnung, wie es sich anfühlt, jahraus, jahrein in den Bergen zu leben», ärgert er sich.

25 bis 30 Wölfe sind derzeit in der Schweiz unterwegs, zwei Rudel gibt es, in Graubünden und im Tessin. Im kommenden Sommer entsteht wohl nun auch im Wallis das erste Rudel – für Schnydrig der Anfang einer verhängnisvollen Entwicklung: «Das wird schwere Auswirkungen auf unsere Landwirtschaft haben.»

Wölfische Kostentransparenz

Vor seinem geistigen Auge sieht Schnydrig – wolfsbedingt! – fürs Wallis eine fatale Abwärtsspirale, gesteuert aus der Politzentrale Bern, und das hört sich an wie die Begründung für das Parteiprogramm eines Regionalpopulisten: Dem Wallis drohe ein Teufelskreis – die Landwirtschaft ziehe sich immer mehr aus den Bergen zurück, was zu einem Vordringen des Waldes und einem Verlust der landschaftlichen Vielfalt führe, dem Tourismus schade und die Abwanderung fördere. «Das dürfen wir uns nicht weiter bieten lassen.»

Unglaublich sei, fügt Schnydrig an, dass Bundesbern diese unerhörte Degradierung des Berggebiets mit Steuergeldern fördere: 3,3 Millionen Franken kosten die Wölfe gemäss einer Aufstellung des Bundes die Öffentlichkeit pro Jahr – wobei 90 Prozent davon als Herdenschutz- und Schadenvergütungsbeiträge an die Tierhalter im Berggebiet fliessen. Das sind über 100'000 Franken pro Wolf. Wie eine Erhebung im Kanton Uri gezeigt habe, komme ein Wolf in Tat und Wahrheit sogar mehr als doppelt so teuer zu stehen, wenn man alle indirekten Kosten einbeziehe: «Wir verlangen auch beim Wolf volle Kostentransparenz», fordert Schnydrig deshalb in bestem Bundesberner Beamtendeutsch.

Importierte Hybrid-Wölfe

Und das ist nicht alles: Schnydrig will Einsicht in die offiziellen genetischen Analysen der Schweizer Wölfe. Denn eine seiner Thesen lautet, die aus Italien in die Schweiz eingewanderten Tiere seien nicht reinrassig, sondern Kreuzungen mit streunenden Haushunden. Diese Hybridwölfe neigten eher zu deviantem Verhalten, etwa indem sie beim Angriff auf Schafherden im Blutrausch wahllos Tiere totbissen, ohne sie danach zu vertilgen.

Solche Mischlingswölfe, sagt Schnydrig, könne man erschiessen, durch die Jagdverordnung und die internationale Berner Konvention geschützt seien nur reinrassige Wölfe. Für diese Forderung geriet Schnydrig bei Tierschützern bereits in einen heftigen Shitstorm, er habe keine wissenschaftlichen Nachweise für seine Behauptungen. Was ihn allerdings nicht davon abhält, daran festzuhalten.

«Kein Walliser Problem»

Fast so sehr wie gegen den Wolf engagiert sich Georges Schnydrig dagegen, jetzt wieder einfach als notorischer Walliser Outlaw abgetan zu werden, der es mit den Gesetzen aus der Ausserschweiz nicht so eng sehen mag. «Der Wolf», sagt er, «ist eine grössere, ernstere Sache.» Dass in den letzten Wochen in Graubünden wie im Wallis je ein Wolf illegal erschossen wurde, findet Schnydrig keine gute Lösung – eher ein «Warnzeichen, dass die Bevölkerung vor Ort das Problem selber in die Hand zu nehmen beginnt». Deshalb sei es überfällig, dass den Kantonen die Kompetenz eingeräumt werde, den Wolfsbestand auf ihrem Gebiet autonom zu regulieren und Wölfe wenn nötig ganzjährig jagdbar zu machen.

Schnydrigs Gleichung geht so: «Im Wallis hat der Wolf keinen Platz. Wenn man in Zürich oder Bern den Wolf will, habe ich keine Probleme damit.»

Erstellt: 03.04.2016, 10:34 Uhr

Georges Schnydrig spricht Klartext: «Wenn man in Zürich oder Bern den Wolf will, habe ich gar keine Probleme damit.»
(Bild: zvg)

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