Der Zootier-Manager

Hans Schmid führte im Zoo Zürich Futterautomaten mit Zeitschaltuhr ein, um Verhaltensstörungen zu bekämpfen. Davon profitiert nun der ehemalige Zirkusbär Napa.   

«Ein Bär löst Emotionen aus und hat eine Lobby»: Hans Schmid. Foto: Nicola Pitaro

«Ein Bär löst Emotionen aus und hat eine Lobby»: Hans Schmid. Foto: Nicola Pitaro

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Ein Schiffshorn ertönt. Und dies mitten in der Bergwelt, in rund 2000 Meter Höhe, unmittelbar neben der Mittelstation der Luftseilbahn Arosa Weisshorn, wo es nur Wiesen, Sträucher, Tannen und Felsen hat. «Gleich gibt es Tomaten», sagt Hans Schmid, wissenschaftlicher Leiter des neuen Bärenlandes in Arosa. Dies sei eine Delikatesse für den ehemaligen Zirkusbären Napa. Und die Hupe signalisiere dem Tier, dass es jetzt etwas Wunderbares zum Fressen erhalte, wenn es in die Innenanlagen kommt. Eine Belohnung für «gutes» Verhalten.

Der zwölf Jahre alte Bär, der fast sein ganzes Leben in Serbien in einem nur rund sechs Quadratmeter grossen Metallkäfig im Hinterhof des Zirkus Corona eingesperrt war, hat aufgrund seiner Vergangenheit Verhaltensstörungen. «So wie jetzt», sagt Schmid bei unserem Treffen und zeigt auf Napa, der gerade vor dem Innengehege auf einem schmalen Pfad unentwegt hin- und hergeht. Ein paar Schritte in die eine Richtung, 180 Grad Wende und danach erneut zurück. «Bis zu zwei Stunden kann das dauern», erklärt er weiter. Napa habe aber schon viel in der für ihn komplett neuen Naturlandschaft gelernt und mache grosse Fortschritte.

Als Verhaltensforscher und jahrelanger Leiter der Tierpflege des Zoos Zürich mit seinen 380 Arten kennt Schmid derartige sogenannte Stereotypien bei den in Gehegen gehaltenen Wildtieren nur zu gut. Diese lassen sich aber ändern, indem man die Tiere möglichst artgerecht nach dem Vorbild ihres natürlichen Lebensraums hält. Und ihnen auch nicht das Futter auf einem Silbertablett präsentiert, sondern sie herausfordert, es selber zu suchen, sodass sie wie in der Natur gut beschäftigt sind.

Als Student auch Eishockeyspieler

Schmid entwickelte 1997 einen Futterautomaten mit Zeitschaltuhr, damit Zootiere nicht nur zu festen Zeiten Nahrung erhalten. So mussten die Tiger danach mehrmals am Tag ihr «Revier» nach Fressbarem absuchen. Ein erfolgreiches Konzept, das für viele andere Wildtiere dann übernommen wurde. Auch in Napas neuem Zuhause sind fünf programmierte Futterkisten, aus denen geräuschlos eine Portion Karotten oder etwa Brot fällt, auf dem 2,8 Hektaren grossen Gelände aufgestellt. Innerhalb von zwei Tagen lernte der Bär, die Futterkisten täglich wiederholt aufzusuchen. «Die natürliche aufwendige Futtersuche wirkt den Verhaltensstörungen effizient entgegen», sagt der Zoologe.

Durch das Projekt Arosa-Bärenland kehrte er zurück an den Ort, wo er aufwuchs. Im Dorf kennt man den «Hansi» vor allem noch als passionierten Eishockeyspieler, der wie sein älterer Bruder Lorenzo in den 1970er- und 1980er-Jahren erst im EHC Arosa und später beim ZSC in Zürich spielte. Durch dieses besondere Hobby sei er an der Universität Zürich einer der reichsten Studenten gewesen, sagt der heute 62-jährige Vater von drei erwachsenen Söhnen, der mit seiner Familie in Urdorf bei Zürich lebt. Nach dem Studium der Agronomie habe er damals noch die Zoologie angehängt, was ihn wissenschaftlich viel mehr interessierte.

Bereits als Schüler ging Schmid im Herbst mit dem Feldstecher direkt nach dem Unterricht in den Aroser Wald, um die Hirsche bei der Brunft zu beobachten. Zu schauen, wie sie röhren, sich gegen Konkurrenten behaupten, ihre Kämpfe austragen und die mächtigen Geweihe aneinanderhauen. Der Fachmann für Wildtiermanagement in Zoos, der auch Präsident der Stiftung Pro Lutra für die Rückkehr des Fischotters in die Schweiz ist, liebt die Tierwelt. Doch er ist auch passionierter Jäger. Im September ging er in seinem vertrauten Aroser Gebiet auf die Jagd, wo er zwei Gämsen und einen Hirsch erlegte.

Napa hat jetzt dunkleres Fell als noch bei seiner Ankunft in Arosa. Foto: Keystone

Ist dies kein Widerspruch? «Nein», sagt Schmid entschieden. Er schiesse nicht einfach wild drauflos. Im Rahmen der nachhaltigen Jagdplanung töte er ganz bewusst und auch mit Ehrfurcht, um eine natürliche Ressource zu nutzen. Die drei erlegten Tiere reichten, um seine Familie ein Jahr mit dem wohl gesündesten Fleisch zu versorgen. «Andere lassen töten und versorgen sich mit Produkten aus der Nutztierhaltung», fügt er hinzu. Wer gegen das Töten von Tieren sei, müsse sich auch konsequent vegan ernähren und verhalten.

Da er das Bärenprojekt neben seiner Tätigkeit im Zoo Zürich begleitete und zusammen mit der Tierschutzorganisation Vier Pfoten und Arosa Tourismus vorantrieb, entschied er sich Ende 2017, nach knapp 20 Jahren die Leitung des Tierpflegebetriebs mit über 60 Mitarbeitern abzugeben und eine Stufe tiefer als Abteilungsleiter zu arbeiten. Nach Napas Ankunft in Arosa schaute er jeden Abend über das Handy noch einmal auf die Webcams, ob alles gut ist. Aufgrund seiner Aufgaben im Zoo konnte er jedoch nicht dabei sein, als Napa vor kurzem sieben Zähne gezogen werden mussten. Insgesamt sollen im Bärenland dereinst fünf misshandelte und befreite Bären leben.

Lässt es sich ethisch rechtfertigen, dass man dazu 4,5 Millionen Franken für die Gehege ausgibt? «Das sind alles Spendengelder», antwortet Schmid. Das sei Tierschutz pur. Niemand würde so viel Geld ausgeben, um ein leidendes Tier zu befreien und danach einzuschläfern. Man wolle hier etwas wiedergutmachen. Er finde, dass es im Fall von Napa gelungen sei. Natürlich handle es sich dabei auch um Marketing mit einem gewissen Jö-Effekt. Ein Bär löse anders als ein Aal beim Menschen seit je Emotionen aus und habe folglich eine starke Lobby.

Schmid setzt sich auch dafür ein, dass der Bär in der Natur seinen Platz wiederfindet. «Wir wollen hier oben auch vor Bären sichere Abfallkübel aufstellen und mit Aufklärungstafeln informieren, damit ein Zusammenleben von Mensch und Bär möglich ist», sagt der Bündner. Zuletzt sei der aus dem Trentino in die Schweiz eingewanderte Bär M13 im Jahr 2008 in der Nähe von Arosa gewesen. Doch leider sei er ähnlich wie JJ3 zu einem Risikobären geworden und stehe nun ausgestopft im Naturmuseum in Chur.

Mit Jeremy im Flieger

Der Tod eines in der Öffentlichkeit favorisierten Tieres führt in der Bevölkerung stets zu grosser Betroffenheit. So sorgte vor kurzem ein Fall im Zoo Zürich für Schlagzeilen. Denn vor mehr als einem Monat wurde die alternde Tigerin Elena von ihrem Gehegepartner, einem jungen Männchen, totgebissen. «Wir beobachteten keine Verhaltensweisen, welche diesen Angriff hätten vermuten lassen», sagt der Zoologe. «Ansonsten hätten wir die zwei getrennt.»

Das Abenteuerlichste, was Schmid als Zoomitarbeiter je erlebt hat, war die Umsiedlung des Nashorn-Bullen Jeremy. Im März 2016 begleitete er ihn mit einem Spezialtransporter nach Frankfurt und dann mit einer Boeing 777 in die Vereinigten Arabischen Emirate nach Sharjah. Er sei erstaunt gewesen, was für sensationelle Bedingungen die Tiere dort hätten – unter der zoologischen Leitung eines Belgiers und bezahlt mit dem Geld eines Ölscheichs.

Erstellt: 12.10.2018, 18:20 Uhr

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