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Die Dinos sind unter uns

Dinosaurier sind keineswegs ausgestorben – als Vögel zwitschern sie weiter. Bernhard Kegel korrigiert unser veraltetes Bild und erzählt, was die Forschung herausgefunden hat.

Gefährlich nur für Käfer: Spatzengrosser Dinosaurier mit buschigem Schwanz. Zeichnung: Ryan KcKellar
Gefährlich nur für Käfer: Spatzengrosser Dinosaurier mit buschigem Schwanz. Zeichnung: Ryan KcKellar

Schosstiere waren sie nicht, aber Namen haben einige von ihnen schon bekommen. Tristan Otto heisst der Tyrannosaurus Rex im Berliner Museum für Naturkunde; Sue, ein Artgenosse Tristans, zieht das Publikum in Chicago an. Die Begeisterung für Dinosaurier, die in den 1970er-Jahren begann, mit Steven Spielbergs «Jurassic Park»-Filmen die Form einer weltweiten Manie annahm und unsere Kinderzimmer mit Plastik-Miniaturausgaben bevölkert, ist ungebrochen.

Bernhard Kegel hingegen interessiert weniger das Pop-Phänomen Dino, sondern der Fortschritt der Wissenschaft: Der Autor populärer Sachbücher aus dem Bereich Ökologie («Die Ameise als Tramp») korrigiert unser Bild von den Echsen der Vorzeit, indem er die neusten Erkenntnisse der Paläontologie vor uns ausbreitet – verständlich, unterhaltsam, im Zugang manchmal fast ranschmeisserisch, aber immer solide und ­seriös in der Sache.

Dinosaurier sind Vögel

Die wichtigste, für Laien wohl überraschendste Erkenntnis: Die Dinosaurier sind vor 66 Millionen Jahren gar nicht ausgestorben, als ein Meteorit im Golf von Mexiko einschlug. Sie haben überlebt – in Form der Vögel, die ihre Nachfahren sind. «Dinosaurier sind Vögel» ist ein Schlüsselsatz im Buch.

Dem blossen Auge leuchtet das sofort ein, wenn man das ins T-Rex-Format vergrösserte Hähnchen-Skelett des Berliner Künstlers Andreas Greiner betrachtet, das im Buch abgebildet ist. Dinos verfügten wie Vögel über Luftsäcke, um ihr Gewicht niedrig zu halten, und auch über die «Vogelatmung», die es ihnen erlaubte, Sauerstoff effektiver zu nutzen. Deshalb, so Kegel, waren sie auch vom älteren «Massensterben» an der Trias-Jura-Grenze nicht betroffen, als der Sauerstoffgehalt in der Erdatmosphäre halb so hoch war wie heute.

Als «non avian dinosaurs», Nichtvogeldinosaurier, bezeichnet die Wissenschaft deshalb das, was wir kurz und landläufig Dino nennen. Apropos landläufig: Dinos waren Landtiere, Tier- oder Pflanzenfresser, hühnerklein oder gigantisch gross. Und ebenso anschaulich wie über das Knochengerüst oder die Atmung lässt sich Kegel über die Verdauung aus, bei Sauropoden von bis zu 80 Tonnen Gewicht eine gewaltige Sache. Sie weideten Nadelbäume ab und verdauten die heruntergeschlungene Nahrung wochenlang in riesigen Mägen.

1500 Kilo Kot pro Tag

Sie produzierten Kothaufen von 1500 Kilo pro Tag. Und diese Kothaufen wurden, so Kegel, «zu einem Ökosystem für sich, ein Gewimmel von unterschiedlichen Käferarten, von Fadenwürmermassen, von räuberischen Insekten und parasitischen Wespen, von faustgrossen Käferweibchen, die sich wie Minibulldozer durch den Dinosaurierkot gruben und dann weiter in die Erde hinein, wo sie die Gänge mit Dino-Dung vollstopften als Nahrung für ihre Larven.»

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Video: Sensationsfund in Schottland

Auf einer Insel in Schottland wurden 170 Millionen Jahre alte Dinosaurier-Spuren gefunden. Video: Tamedia/AP

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Auch vor dem Thema «Sex unter Dinosauriern» schreckt der Autor nicht zurück, muss es aber bei Vermutungen belassen. Familien gründeten die Dinos jedenfalls nicht, sie legten die Eier ab und zogen weiter. Die frisch geschlüpften Jungen mussten sich allein durchschlagen, offenbar mit Erfolg, denn immerhin haben die Dinos 180 Millionen Jahre auf der Erde verbracht und würden sie, wäre der Meteorit vorbeigeflogen, vielleicht immer noch beherrschen.

Ohne diesen Knall gäbe es uns nicht, schreibt Kegel; wobei die Säugetiere, zu denen wir Menschen ja gehören, zeitgleich mit den Dinos lebten, meist in ihrem Schatten – allerdings hat man im Magen eines dachsgrossen Säugetiers Reste eines jungen Triceratops gefunden! Überhaupt weiss Bernhard Kegel von enormen Fortschritten der Dino-Forschung zu berichten. Jedes Jahr werden rund dreissig neue Arten entdeckt. Man weiss inzwischen, welche Farbe sie hatten, dass sie von Viren befallen wurden, die unseren Masern ähneln; man kann bei manchen Knochen sogar sagen, dass sie von einem Weibchen stammen, wenn man «medulläres Knochengewebe» findet, dass zur Zeit der Eiablage ausgebildet wird als Calciumquelle – wieder genau wie bei Vögeln.

Mini-Dino-Schwanz im Bernstein

Vor allem aber weiss man neuerdings: Viele Dinos hatten Federn. Seit, wunderbarerweise in Bernstein eingeschlossen, ein gefiederter Mini-Dino-Schwanz entdeckt wurde, sind mehr als fünfzig ­gefiederte Dinosaurierarten bekannt geworden, die meisten in China.

Steven Spielberg wusste bereits von dieser Wendung in der Dino-Forschung, lehnte Federn aber für seinen «Jurassic Park» ab – gefiederte Geschöpfe seien nicht so furchterregend. Dieser Film, für den Kegel viele gute Worte übrig hat, (aber auch die absurde Formulierung «für ein paar Jahre der erfolgreichste Film aller Zeiten»), habe mehr Geld verschlungen als alle bis dahin erfolgte Dinosaurierforschung. Ein Phänomen der US-Dominanz sei es auch, dass die bekanntesten Dino-Arten – Stegosaurus, Triceratops, vor allem natürlich der schreckliche T-Rex – aus Nordamerika stammten; andere Kontinente, so Kegel, hätten ebenso interessante Arten zu bieten.

Die Entdecker der Dinosaurier

So auch China – vom fünfzig Zentimeter grossen Dilong bis zum Gigantoraptor. Gefunden und bestimmt hat diesen Xing Xu, der chinesische Starpaläontologe, mit sechzig beschriebenen neuen Arten eine Art Weltrekordhalter der Forschungsszene. Neben seinen tierischen Helden widmet sich der Autor auch ihren (sich zum Teil heftig bekämpfenden) Entdeckern, von Mary Anning, die 1811 mit zwölf Jahren das erste Ichthyosaurus-Skelett an der englischen Küste fand – womit das Dino-Fieber eigentlich begann –, über Richard Owen, den Namensgeber der Dinosaurier, Othniel Charles Marsh, der mit Buffalo Bill befreundet war und von den ­Indianern «Häuptling Grosser Knochen» genannt wurde, bis zu Mary Schweitzer, die ursprünglich Kreationistin war und das medulläre Knochen­gewebe bei einem Dinoweibchen entdeckte.

Bernhard Kegel bringt seine Leser so nicht nur auf den neuesten Stand der Dinosaurierforschung, sondern führt sie auch durch ein spannendes ­Kapitel Wissenschaftsgeschichte. Er zeigt, wie sich unser Bild von diesen Tieren gewandelt hat – von den plumpen Riesenechsen aus Zement, wie sie an der Londoner Weltausstellung 1851 präsentiert wurden, über Spielbergs schnelle und aggressive Velociraptoren bis – ja: einer Art Truthahn. Das muss mancher erst einmal verdauen.

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