Die Fichte ist am Ende – so sieht der Wald in Zukunft aus

Der häufigste Baum der Schweiz leidet stark unter dem Klimawandel und extremen Wetterereignissen. Die Zerstörung hat aber auch Vorteile.

«Man kann sich einen Wald vorstellen, wie er heute im Tessin oder in der Provence steht»: Förster Heinz Studer vor Burglind-Sturmholz. Beat Mathys

«Man kann sich einen Wald vorstellen, wie er heute im Tessin oder in der Provence steht»: Förster Heinz Studer vor Burglind-Sturmholz. Beat Mathys

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Heinz Studer stockt immer noch der Atem, wenn er zurückdenkt an den 3. Januar 2018. Wintersturm Burglind fegte von Norden her über das Land. Zwischen Olten und Solothurn drückte der Wind durch eine Falte im Jura. Er beschleunigte sich wie in einer Düse. Er kreuzte die Autobahn A1, warf Last­wagen um. Wenige Hundert Meter ­weiter traf er auf den Wald, den Heinz Studer seit 35 Jahren pflegt.

Heinz Studer, Revierförster von ­Niederbipp, steht jetzt genau an dieser Stelle. Vor ihm öffnet sich eine Schneise. «Acht bis neun Hektaren, umgeknickt, einfach so», sagt er. Einen vergleichbaren Schaden habe er noch nie erlebt. Nicht einmal beim Sturm Lothar.

Jetzt forstet Heinz Studer diese Fläche wieder auf. Ein neuer Wald entsteht. Ein anderer Wald. Vor Burglind waren gut 80 Prozent der Bäume Fichten, gepflanzt in den 1930er-Jahren. Nun wachsen Eichen, Kastanien, Ulmen und vieles mehr. Er glaube, sagt Studer, dass dies der richtige Wald sei für das nächste Jahrhundert.

Es wird ganz anders aussehen

Die Schneise bei Niederbipp ist ein Fenster in die Zukunft. Die zerstörerische Kraft von Burglind macht eine Transformation sichtbar, die derzeit an vielen Orten in der Schweiz im Gang ist; allerdings so langsam, dass sie fast unbemerkt bleibt. Das Gesicht der Waldes verändert sich. Die Fichte, die oft wie ein überdimensionierter Zahnstocher im Wald steht, bolzengerade und mit kahlem Stamm, der weitaus häufigste Baum in der Schweiz, wird allmählich ersetzt. Durch Eichen, Buchen, Eschen, Ulmen, Kastanien, Kirschen, Ahorn und weitere Arten. Die Veränderung ist markant: Laub statt Nadeln. Vielfalt statt Monokultur.

Hauptgrund für den Wandel ist die Klimaerwärmung. Mit ihren flachen Wurzeln ist die Fichte gegen extreme Wetterereignisse wie Dürren und Stürme sehr schlecht gewappnet. Die warmen Temperaturen begünstigen zudem die Verbreitung der Borkenkäfer.

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Ein Forschungsprogramm des Bundes kam 2017 zum Ergebnis, dass die Fichte in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts «nur noch in den höheren Lagen der Alpen und Voralpen, des Juras und des Tessins günstige klimatische Bedingungen» vorfindet. Im Mittelland dürften sich Fichten an schattigen und besonders gut mit Wasser versorgten Standorten konzentrieren.

Weniger Monokultur

Doch was bedeuten diese Veränderungen für die Natur? Was für die Forstwirtschaft? Und was für jene, die den Wald zur Erholung nutzen?

In Fachkreisen diskutiert man diese Fragen schon lange. Harald Bugmann, ETH-Professor für Waldökologie, befasste sich Anfang der Neunzigerjahre mit den Folgen der Klimaveränderungen für den Gebirgswald. Das Thema hat ihn seither nicht mehr losgelassen.

Ökologisch betrachtet, sei der Rückgang der Fichte keine Katastrophe, sagt Bugmann. Sie sei in den tieferen Lagen der Schweiz eigentlich nicht heimisch. Die heutigen Bestände seien ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ­gezielt angepflanzt worden, oft in Monokulturen. «Die Entwicklung geht in Richtung eines naturnäheren Waldes mit mehr Biodiversität.»

Die Fichte gilt als «Brotbaum». Ihr Rückgang bedroht die Holzbranche. 

Doch wie genau der Wald Ende dieses Jahrhunderts aussehen wird, das vermag auch Waldökologe Bugmann nicht vorauszusagen. Das liegt unter ­anderem daran, dass Veränderungen im Wald mehr Zeit benötigen als in fast ­jedem anderen Kultursystem. Kein Förster kann ernten, was er sät. Und kein Wissenschaftler kann wissen, welche klimatischen Bedingungen die heute gepflanzten Bäume in 50 oder 100 Jahren vorfinden werden.

Wegen dieser besonderen Voraussetzungen tut Harald Bugmann etwas, das ungewöhnlich ist für einen Wissenschaftler, der von der Klimaerwärmung überzeugt ist. Er relativiert den Handlungsdruck. Es bringe nichts, sagt Bugmann, jetzt in Aktivismus zu verfallen und die Wälder radikal umzugestalten. Wie hoch die Erdtemperatur im Jahr 2100 sei, hänge massgeblich von den CO2-Emissionen in den nächsten 20 Jahren ab. «2035 oder spätestens 2040 können wir besser entscheiden, wie der Wald der Zukunft aussehen soll.» Bis dahin solle man forschen, experimentieren und einen möglichst vielfältigen Wald pflegen. Doch nicht alle, die sich um den Wald kümmern, haben so viel Geduld. Mit ihrem raschen Wuchs und weichen Holz ist die Fichte der sogenannte Brotbaum des Schweizer Waldes. Gehen die Erträge von der Fichte zurück, wird es für die bereits heute mehrheitlich defizitären Forstbetriebe immer enger.

Waldbesitzer wollen Subventionen

Der Überlebenskampf der Forstwirtschaft hat längst das Bundeshaus erreicht. Erich von Siebenthal, SVP-­Na­tionalrat und Präsident der bernischen Waldbesitzer, hofft, dass die ­Politik ­inländische Holzproduzenten besser schützt und den Umstieg vom Nadel- zum Laubholz aktiv begleitet. Im letzten Herbst hat er zudem mehr ­Bundesmittel gefordert, um nach dem ­Dürrejahr 2018 den Borkenkäfer zu ­bekämpfen.

Dass ein SVPler den Staat um Hilfe ruft, um die Folgen des von der SVP angezweifelten Klimawandels zu bewältigen? Von Siebenthal sieht darin keinen Widerspruch. Er bemerke die Veränderungen im Klima und in der Natur, sagt er. «Die SVP hat eine Strategie. Ich beurteile die Situation anders.» Ohnehin soll die Hilfe für die Waldbesitzer eine befristete Massnahme bleiben. «Ausserordentliche Lagen erfordern ausserordentliche Massnahmen», sagt er.

Eine andere Idee verfolgt Daniel Fässler, CVP-Nationalrat und als Präsident von «Wald Schweiz» oberster Waldbesitzer im Land: «Durch eine gezielte Bewirtschaftung kann die CO2-Speicherkapazität des Waldes erhöht werden», sagt Fässler. Der Handel mit Zertifikaten könnte Waldbesitzern Einnahmen sichern und der Schweiz helfen, ihre Klimaziele zu erreichen. Über zusätzliche Subventionen müsse man aber schon auch sprechen, sagt Fässler. «Viele Leistungen, welche die Waldeigentümer heute für die Allgemeinheit erbringen, werden nicht entschädigt. Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Perspektiven ist das ein Problem.»

Wie in der Provence

In Niederbipp kehrt Heinz Studer der Schneise den Rücken zu und steigt in sein Forstfahrzeug. Auch wenn er am Wald der Zukunft arbeitet, hat er keine präzise Vorstellung davon, wie es hier aussehen wird, wenn die Spuren von Burglind getilgt sind. Eher so eine Ahnung. «Man kann sich einen Wald vorstellen, wie er heute im Tessin oder in der Provence steht.» Kleinere Bäume, dickere Stämme, dichteres Blattwerk.

Heinz Studer weiss, dass er diesen Wald nie sehen wird. Er verhehlt nicht, dass er das bedauert: «Es wird ein interessanter Wald sein.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.04.2019, 10:01 Uhr

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