Die grüne Phalanx

Entlang der Grossen Mauer pflanzt China Milliarden von Bäumen, um den Vormarsch der Wüste zu stoppen. Die Wälder sind aber anfällig für Krankheiten.

Chinesische Touristen auf der Grossen Mauer in der nordwestlichen Provinz Gansu. Foto: Greg Baker (AP, Keystone)

Chinesische Touristen auf der Grossen Mauer in der nordwestlichen Provinz Gansu. Foto: Greg Baker (AP, Keystone)

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Hier endet die Welt. Dahinter gibt es nur mehr Wüste und Dämonen. So erzählten es sich die Soldaten der Ming-Dynastie, die einst auf den Zinnen des Forts Jiayuguan Wache hielten, dem westlichsten Aussenposten des chinesischen Kaiserreichs. Das Bollwerk mit zwölf Meter hohen Mauern war die erste Verteidigungslinie, hier hielten sie gegen Feinde aus Zentralasien die Stellung, entzündeten Signalfeuer, wenn die Reiter aus der Steppe heranpreschten. In den besten Zeiten des Reiches brauchte eine militärische Nachricht, über eine Kette von Signaltürmen übermittelt, sechs Stunden bis zur Hauptstadt.

Wenn man heute über die vom Wind rund geschliffenen Reste der Grossen Mauer blickt, sieht man einen neuen, langsameren, aber nicht minder tückischen Feind. Die Wüste rückt unerbittlich gegen China vor. Ein Viertel des Landes ist bereits von Sand bedeckt, jedes Jahr werden es 3000 Quadratkilometer mehr – sechsmal die Fläche des Bodensees. Deshalb steht nun wenige Meter hinter der Grossen Mauer eine grüne: Abertausende Bäume wachsen in Reih und Glied in die Höhe. Die Pappeln und Tannen verlaufen mal als lang gestreckte Phalanx parallel zur alten Mauer, mal stehen sie als wuchtige Karoformation dahinter, wie zur Reserve abgestellt. Die Bäume sind die neuen Soldaten Chinas. Sie überragen die alte Mauer an manchen Stellen bereits, und auch der Umfang der Pflanzungen reicht an das historische Vorbild heran.

60 Milliarden Bäume gepflanzt

Die Plantagen in Jiayuguan sind Teil eines gewaltigen Wiederaufforstungsprogramms, des «Three-North Shelter Forest Program». Man sieht die Bäume überall, entlang von Autobahnen, Eisenbahngleisen, Fabriken. Mehr als 60 Milliarden Bäume haben die Chinesen seit 1978 um die Wüste Gobi gepflanzt, ungefähr der Grossen Mauer entlang im gesamten Norden Chinas. Es ist mit Abstand das umfassendste Naturschutzprogramm der Menschheitsgeschichte und soll bis 2050 weitergehen.

Ein besonders prägnanter Ort der Verteidigung ist Jiayuguan: Südlich dieser Stadt, die nur aus Alleen besteht, schimmern schneebedeckte Fünftausender im blauen Himmel, im Norden unzugängliche spitze Hügel. Durch diese Engstelle mussten einst die Karawanen der Seidenstrasse durch. Den «Mund Chinas» nennt man den Ort deshalb, und das lang gestreckte Tal dahinter den Hals. Doch der Hals ist über die Jahrhunderte enorm durstig und trocken geworden.

Auf den wenigen Feldern des Talkessels türmt sich der Staub zu Hügeln, daneben bewirtschaften Männer und Frauen ausgebleichten Mais und Weizen. Es ist eine der ärmsten Regionen Chinas. Häufig umgibt ein Karree aus Pappeln die Äcker, um sie vor dem groben Sand abzuschirmen. Die politische Führung weiss: Je weiter sich die Wüste ausbreitet, desto mehr soziale Konflikte drohen. Mehr als eine Million Menschen aus dem Nordwesten des Landes, vor allem Angehörige der muslimischen Hui-Minderheit, siedelte die Regierung wegen des kargen Bodens bereits um.

Die Sandstürme aus der Gobi können Tausende Kilometer weit reisen, regelmässig suchen sie auch Lanzhou heim, die Hauptstadt der Provinz Gansu, trotz der geschützten Lage hinter Bergen am Gelben Fluss. Dort hält man die grüne Mauer für unverzichtbar. «Vor den Wüstengegenden gibt es jetzt grosse Bereiche mit Vegetation», sagt Chen Fahu, Chef des staatlichen Labors für die Umwelt Westchinas. Das sei ein grosser Erfolg. Zu Beginn hätten die Bäume noch bewässert werden müssen, jetzt könnten sie sich selbst versorgen.

Laut einer Studie im Fachmagazin «Nature Climate Change» trägt die grüne Mauer wesentlich dazu bei, die weltweite Gesamtfläche der Vegetation einigermassen zu stabilisieren, die UNO lobt die positive Wirkung der Bäume für den CO2-Gehalt der Atmosphäre. Kritiker halten die Plantagen dagegen für wenig nachhaltig. Vor allem pflanzt die Regierung schnell wachsende Pappeln und Tannen, die natürlicherweise nicht im Norden Chinas vorkommen. Dort können sie den Grundwasserspiegel sogar absenken. Die neuen Bäume «bedrohen die Lebendigkeit natürlicher Wälder», kritisiert der Pekinger Ableger von Greenpeace. Die Pflanzungen würden verschleiern, dass es einen Grossteil der natürlichen Wälder in China wegen des «Hungers auf Entwicklung» nicht mehr gibt.

Nur noch 3 Prozent des Waldes sind gesund.

Nur noch etwa drei Prozent der ursprünglichen Wälder Chinas sind Greenpeace zufolge gesund. In einem Bericht an die Weltbank berichtet die Lokalregierung der Provinz Ninxia am Gelben Fluss von grossen Problemen mit den neuen Bäumen: Die Monokulturen und die schlechte Bodenqualität würden die Bäume anfällig für Krankheiten machen, der Schutz lokaler Pflanzen werde erschwert. Nach Schätzungen der UNO-­Agrarorganisation FAO befällt der Asiatische Laubholzbockkäfer jedes Jahr eine halbe Million Hektaren der grünen Mauer.

Immerhin scheint die Wüste etwas gebremst worden zu sein – Ende der Neunzigerjahre ging jedes Jahr etwa viermal so viel Land verloren wie heute. Das könnte aber auch mit einer anderen Strategie zu tun haben. So haben einige besonders karge Regionen die Regeln für ihre Bauern verschärft – sie dürfen weniger Wasser entnehmen und ihr Ackerland nicht mehr beliebig ausweiten. Auch das Graben neuer Brunnen wurde weitgehend verboten.

Mühsam und langwierig sei das gewesen, die Bauern zu überzeugen, sagt die Agrarwissenschaftlerin Qu Wei von der Universität Lanzhou. Sie besucht seit Jahren die ausgetrockneten Dörfer und kennt den Frust dort: «Für die Bauern sind die Regeln häufig streng.» Vor allem bedeutet es einen Verlust von Einnahmen, wenn Pflanzen weniger Wasser bekommen. Aber langfristig sei es der einzige Weg, sagt Qu. Jahrelang hätten die Bewohner über ihre Verhältnisse gelebt und den Verfall des Landes beschleunigt. Diese Einsicht setze sich nun durch. «Viele begreifen, dass etwas unternommen werden muss, sonst geht es der Umwelt Jahr für Jahr schlimmer.» Nun kann Qu Erfolge melden: Vereinzelt seien wieder Seen aufgetaucht, von unterirdischem Grundwasser gespeist, die jahrelang ausgetrocknet waren.

Export der Umweltprobleme

Die kleinen Zeichen der Erholung sind fragil. Nach dem mühsamen Umlernen und dem jahrzehntelangen Pflanzen steht die Region vor dem nächsten Megaprojekt. Staatschef Xi Jinping hat angeordnet, die alte Seidenstrasse wiederzubeleben, um Chinas Status als Weltmacht zu zementieren. «Eine Strasse, ein Gürtel» heisst diese aussenpolitische Initiative, die so gut wie alle Staaten zwischen der Mongolei und den Niederlanden berührt. Mit sagenhaften Investitionen will die Regierung den Handel nach Zentralasien und Europa beleben. Entlang der alten Seidenstrasse sollen neue Güterbahnhöfe, Autobahnen, Fabriken und Siedlungen heranwachsen. «Das ist eine weite, trockene Region», sagt der Umweltforscher An Chengbang von der Uni Lanzhou.

Baumplantage in der Inneren Mongolei. Foto: Thierry Berrod (Science Photo Library, Keystone)

Mehr Industrie benötige mehr Wasser, gibt der Forscher zu bedenken. Zudem lebten bereits sehr viele Menschen in vergleichsweise trockenen Gegenden, nun käme die ganze Infrastruktur dazu. «Wasserknappheit könnte langfristig zu einem grossen Problem werden.» Tatsächlich sind die ökologischen Folgen des Projekts kaum abzusehen. Die chinesische Akademie für Sozialwissenschaften warnte vor enormen Herausforderungen für die Umwelt der beteiligten Staaten. In vier der sechs geplanten Korridore Richtung Westen sei die Ausbreitung der Wüste bereits jetzt ein Problem. Die Forscher befürchten, dass man nicht nur die Güter des Landes auf dem Landweg exportiert, sondern die ökologischen Probleme gleich mit. Für den Umweltforscher Chen Fahu sieht die Rechnung hingegen so aus: «Wenn die Leute reicher werden, setzen sie sich stärker für den Erhalt des Landes ein.»

Vom Fort von Jiayuguan aus sind die Anfänge der neuen Seidenstrasse bereits zu sehen. Schwere Lastwagen donnern auf der Autobahn Richtung Westen, in die Unruheprovinz Xinjiang und weiter nach Kasachstan und Russland. Auf der Bahnstrecke gleich daneben kehren Güterwaggons beladen mit Bodenschätzen zurück, durch ein Spalier von Bäumen. Ob die Verteidigung gegen die Wüste hält, ist unsicher. Die Bilanz des Vorläufers ist durchwachsen. Als im Jahr 1211 Mongolen Peking überfielen, ritten sie einfach um die mächtigen Mauern herum.

Erstellt: 27.12.2016, 19:38 Uhr

Am Gelben Fluss

Eine Reise durch China

Christoph Behrens war entlang des Gelben Flusses unterwegs. Im Fokus seiner Reise standen die Umweltprobleme Chinas.
Behrens beschreibt in den nächsten Wochen in vier Teilen, mit welchen ökologischen Belastungen das riesige Land in Zukunft zu kämpfen hat.
Bisher erschienen: Chinas Macht über das Wasser. (TA)

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