Die helvetische Würgeschlange

In einer Fossiliensammlung haben Zürcher Forscher eine neue Schlangenart entdeckt. Sie lebte vor etwa 40 Millionen Jahren mitten in der heutigen Schweiz.

Die helvetische Paläopython, die sich vermutlich auf Bäumen aufhielt, erreichte eine Länge von drei bis vier Metern, wie die Analyse von Wirbelknochen ergab. Foto: Jaime Chirinos / PIMUZ

Die helvetische Paläopython, die sich vermutlich auf Bäumen aufhielt, erreichte eine Länge von drei bis vier Metern, wie die Analyse von Wirbelknochen ergab. Foto: Jaime Chirinos / PIMUZ

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Wie in einem Dschungel wucherten die Pflanzen damals dicht an dicht. Hin und wieder durchzogen Wasserläufe das Dickicht. Krokodile streckten be­häbig ihre Schnauzenspitze zum Atmen aus dem Wasser, während auf den Bäumen Schlangen und Echsen auf eine einfache Beute lauerten. Und dies alles unweit des heutigen Regensberg bei Dielsdorf, am Ostende der Lägernkette, knapp 20 Kilometer nordwestlich von Zürich.

«Vor 34 bis 40 Millionen Jahren gab es in dieser Gegend einen Regenwald, und das Klima war sehr warm und feucht wie in den Tropen», sagt der Paläontologe Torsten Scheyer von der Universität Zürich. Heute erinnern nur noch Fossilfunde aus einem stillgelegten Steinbruch an die damalige Fauna und Flora. Einige der schönsten von ihnen lagern seit einigen Jahren ordentlich beschriftet in kleinen Kartonschachteln im Archiv des Paläontologischen Instituts oder sind in der Vitrine des Museums ausgestellt – wie etwa ein besonders prächtiger Rumpfwirbel von einer Würgeschlange.

Sieben Wirbelknochen

Doch erst jetzt hat sich Scheyer mit dem Reptilienexperten Georgios Georgalis, der bis vor kurzem an der Universität Freiburg arbeitete, diese fossilisierten Knochen der damaligen Schlangen nochmals mithilfe von modernen bildgebenden Verfahren angeschaut. Und siehe da: Es handelt sich um eine völlig eigenständige Art, die bisher noch nicht beschrieben wurde. Sie heisst mit wissenschaftlichem Namen Palaeopython helveticus.

In der Fachzeitschrift «Swiss Journal of Geosciences» berichten die beiden Forscher nun über die in der Schweiz entdeckte Würgeschlange aus dem Zeitalter des späten Eozäns, rund 25 Millionen Jahre nach dem Aussterben der Dinosaurier. Von dieser haben sie jetzt sieben gut erhaltene, rund zwei bis drei Zentimeter grosse Wirbel von unterschiedlichen Individuen erstmals mit Hightechverfahren ins Visier genommen.

Dank hochauflösender Computertomografie und 3-D-Rekonstruktion am Bildschirm konnten sie die fossilisierten Knochen im Detail untersuchen. Dabei stellten sie unter anderem fest, dass der Wirbelkörper der neuen Art vergleichsweise sehr hohe und gewölbte Neuralbögen aufweist, die in hohen Neuralfortsätzen enden. Andere Funde von ungefähr gleich alten Schlangenfossilien aus der Nähe von Quercy in Südfrankreich oder aus älteren Sedimenten der Weltnaturerbestätte «Grube Messel» bei Darmstadt in Deutschland unterscheiden sich deutlich von der helvetischen Art aus Dielsdorf.

Vorkommen im heutigen Dielsdorf

«Zu jener Zeit gehörte sie ähnlich wie die heute existierende Python, eine Anaconda oder eine Boa constrictor zu den Würgeschlangen», erklärt Scheyer.Diese beissen ihr Opfer, umschlingen es dann immer enger, bis es stirbt, und verschlingen es danach.

Wie die Paläopython damals konkret aussah, lässt sich mit den wenigen und jeweils nur einzeln gefundenen Knochen nicht genau rekonstruieren. Aufgrund der Grösse der Wirbel nehmen die Forscher aber an, dass sie eine Länge von drei bis vier Metern hatte. Grafik vergrössern

Die Lägernkalke sind für die Wissenschaftler wichtige geologische Zeitzeugen, weil die dort eingebetteten Fossilien je nach Sedimentschicht sogar bis zu 155 Millionen Jahre zurückreichen, als es noch ein subtropisches Meer und Meereskrokodile, Ammoniten und Muscheln gab. In einer viel späteren Epoche tauchte schliesslich im heutigen Dielsdorf auch die neue Schlangenart auf.

Dass deren Überreste Jahr­millionen überdauerten, liegt daran, dass sich durch Verwitterung der Kalke Spalten, Senken und Gewässer bildeten. Während des Eozäns wurden diese im Laufe der Zeit mehr und mehr mit ockerfarbenen Bohnerzlehmen gefüllt. «Dabei landeten gelegentlich auch die in und um die Gewässer lebenden Tiere in den Spalten», sagt Scheyer. Dies sei eine Fossilfalle gewesen.

Waren Halbaffen ihre Beute?

Neben den sensationellen Schlangenwirbeln und auch einem kleinen Unterkieferfragment eines Warans wurden in den Dielsdorfer Spaltenfüllungen des Eozäns überwiegend Zähne, Kieferreste und Einzelknochen von Säugetieren gefunden, vor allem von Huftieren oder kleinen Halbaffen.

«Letztere könnten wie heute lebende Koboldmakis ausgesehen haben», erklärt Scheyer. Weil sie ebenfalls Baumbewohner gewesen seien, gehe er davon aus, dass die Paläopython diese auch gejagt habe. Wahrscheinlich habe die Schlange damals generell mittelgrosse Säugetiere sowie Vögel verschlungen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.06.2019, 18:18 Uhr

Warum der Tintenfisch in die Todeszone sank

Wie bei einem Tatort rekonstruieren auch Paläontologen den Tathergang, der jedoch dann stets eine Ewigkeit zurückliegt. Zum Beispiel, wie vor 180 Millionen Jahren ein Verwandter der heutigen Tintenfische kurz nach dem Tod seines erlegten Beutetiers selbst ums Leben kam. Über diesen spektakulären Fossilfund aus dem süddeutschen Jura, der im Urweltmuseum Hauff in Holzmaden bei Stuttgart ausgestellt ist, und über den dramatischen Tod berichtet nun das Team um Dominque Jenny und Christian Klug vom Paläontologischen Institut der Universität Zürich in der Online-Fachzeitschrift «Scientific Reports».

Der Täter wurde quasi auf frischer Tat ertappt und blieb wie bei einem Schnappschuss zusammen mit seinem Opfer für die Ewigkeit erhalten, indem beide gemeinsam versteinerten. Die zehn Arme des urzeitlichen, rund 24 Zentimeter grossen Tintenfischs umklammern den kleinen Knochenfisch. Damit sein Beutetier nicht abhauen konnte, besass der Kopffüsser an jedem Arm zwei Reihen von kleinen, spitzen Haken aus Chitin. In diesem Fall starb der Tintenfisch aber noch vor dem Frass.

Doch wie kam es dazu? «Schon damals brachen Tintenfische ihrer fischigen Beute zunächst das Genick, bevor sie mit dem Verzehr des Paläo-Sushis begannen», erklärt Klug. Dies lässt sich anhand des Knicks in der Wirbelsäule des Fischs erkennen. Warum die zwei jedoch gemeinsam umkamen, dafür gibt es verschiedene Szenarien. Zum einen ist es möglich, dass der Tintenfisch die Schwimmblase des Beutefischs verletzt hatte, sodass er danach zu wenig Auftrieb hatte und dadurch absank.

Nach der Jagd erstickt

Zum anderen könnte es sein, dass er so sehr mit der Beute beschäftigt war, dass er sein Sinken nicht bemerkte. Dieser Tintenfisch konnte seine Bewegung mithilfe eines Auftriebsorgans im Innenskelett oder über das sogenannte Rückstossprinzip regulieren, wobei er zunächst Wasser in die Mantelhöhle einsog und dann ruckartig durch einen Trichter wieder ausstiess. Mit der so erzeugten Schubkraft konnte er sich blitzschnell bewegen.

«Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Tintenfisch Fresskonkurrenten ausweichen wollte und dabei vergass, seine Tauchtiefe zu regulieren», sagt Klug. Normalerweise wäre dies kein Problem. «Doch in diesem Meeresbecken war das Wasser in der Nähe des Meeresbodens sehr sauerstoffarm, sodass die Tiere erstickten, wenn sie sich dort zu lange aufhielten.»

Barbara Reye

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