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Die Hitze strahlt bis in die Schweiz

Die Dürre in den USA betrifft die Schweizer Landwirtschaft. Weil wir immer mehr von Futterimporten abhängen.

Ernteprognosen mussten deutlich gesenkt werden: Ein ausgetrocknetes Maisfeld in Plumerville, Arkansas. (13. August 2012)
Ernteprognosen mussten deutlich gesenkt werden: Ein ausgetrocknetes Maisfeld in Plumerville, Arkansas. (13. August 2012)
AFP
Versprach den von der Dürre betroffenen Bauern Hilfe: Barack Obama nutzte seine Wahlkampftour durch Iowa für einen Besuch auf einer Farm in Missouri. (13. August 2012)
Versprach den von der Dürre betroffenen Bauern Hilfe: Barack Obama nutzte seine Wahlkampftour durch Iowa für einen Besuch auf einer Farm in Missouri. (13. August 2012)
Reuters
Fühlt sich zur raschen Hilfe verpflichtet: Landwirtschaftsminister Tom Vilseck. (18. Juli 2012)
Fühlt sich zur raschen Hilfe verpflichtet: Landwirtschaftsminister Tom Vilseck. (18. Juli 2012)
Keystone
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Es gibt gute Gründe, die Bauern zu subventionieren. Zum Beispiel Tradition: Die Schweiz versteht sich als Agrarland. Selbst in der Stadt (oder gerade dort) gehören Bauernhöfe zur Identität. Weltweit sowieso: Touristen und Bollywood-Filmcrews wollen Kuhglocken und Alphütten sehen, nicht Dietlikon und Oftringen.

Ums Essen geht es auch. Schweizer Gemüse, Milch, Käse und Fleisch geniessen einen ausgezeichneten Ruf in der Bevölkerung. Gerne zahlen wir etwas mehr für saubere Produkte aus der Region. Ein wenig lebt sogar die Hoffnung, in Krisenzeiten dank der Bauern genug zu essen zu haben. Die Erinnerung an die Anbauschlacht hält bis heute. Darauf baute auch erfolgreich die Zürcher Kulturlandinitiative, die für Ernährungssouveränität warb.

Doch unsere Bauern sind nicht so unabhängig, wie es scheint. Die schwere Dürre, die in den USA einen Grossteil der Ernten verbrennt, dürfte Auswirkungen auf die einheimische Landwirtschaft haben. Die Vereinigung der Schweizerischen Futtermittelfabrikanten warnt vor «massiv steigenden Kosten» bei der Produktion von Fleisch, Milch und Eiern. Das würde auch die Ladenpreise rasch verteuern.

Soja statt Trogsuppe

Schuld ist das Futter: Seit 20 Jahren wird die Schweiz immer abhängiger von importiertem Kraftfutter. Mehr als die Hälfte unseres Verbrauchs stammt aus dem Ausland. 1990 lag der Anteil erst bei 28 Prozent.

Kraftfutter, das ist besonders energiereiche Tiernahrung aus Getreide, Ölsamen, Melasse oder Futterhefe. In der Schweiz geht es vor allem um Sojaschrot. Der Import hat sich seit 1990 auf über 288'000 Tonnen im Jahr verzehnfacht. Soja wird vermehrt verwendet, weil andere, unappetitlichere Kraftfutterarten verboten wurden. Mit der BSE-Krise wurde in der Schweiz 1990 etwa das Verfüttern von Tier- und Knochenmehlen an Wiederkäuer verboten. 2001 erfolgte ein generelles Tiermehlverbot. Seit letztem Jahr darf auch keine Schweinesuppe mehr verfüttert werden. Die heisse Trogmasse aus Essensresten hatte in der Vergangenheit zu oft Erreger enthalten.

Importabhängigkeit nimmt zu

Aus den USA wird fast kein Soja importiert. Dies wegen der Schweizer Bestimmungen zur Einfuhr genveränderter Organismen. Unser Schrot stammt vor allem aus Brasilien. Doch auch dort wird es teurer, wenn in den USA die Ernten ausfallen und der Weltmarktpreis steigt. Zolllockerungen helfen nicht: Soja ist bereits teuer, der Zoll bei null. Steigende Preise schlagen direkt auf den Schweizer Markt durch.

Natürlich leben die Nutztiere in der Schweiz nicht von Kraftfutter allein. Vier Fünftel ihrer Nahrung bestehen noch immer aus einheimischem Heu und Gras. Dieser Anteil ist höher als in den meisten EU-Staaten. Doch die Importabhängigkeit nimmt zu: In der Schweinemast und Geflügelzucht stammen nur noch 36 beziehungsweise 27 Prozent der verfütterten Eiweisse aus inländischer Produktion.

Die Kuh wird zur Sau gemacht

Neben allen finanziellen Überlegungen ist der Kraftfutterimport aber auch ein ökologischer Wahnsinn. Denn der weltweite Tierfutteranbau verbraucht riesige Landwirtschaftsflächen, die für die Nahrungsmittelproduktion und die Bekämpfung des Hungers fehlen. Umweltorganisationen warnen vor grünen Sojawüsten, die sich ausdehnen, je mehr die globale Nachfrage steigt. Zudem sind die Transportwege nach Europa lang und energieintensiv. Und die Konsumenten werden getäuscht: Es ist ein Hohn, stolz Schweizer Fleisch zu verkaufen, das mit Soja vom Amazonas gemästet wurde.

Eine weitere Frage ist, ob Kraftfutter überhaupt nötig ist. Niemand wird bestreiten, dass die Produktivität der Tiere zugenommen hat. Die Milchmenge zum Beispiel ist in der Schweiz seit 1961 gestiegen, während der Kuhbestand zurückgegangen ist. Weniger Kühe geben also mehr Milch. Doch heute wird bezweifelt, ob Kraftfutter hier der entscheidende Faktor ist. Eine im Frühling erschienene Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau zeigt: Kühe kommen bestens ohne Kraftfutter aus und geben auch kaum weniger Milch, wenn sie sich nur von Gras ernähren.

Gesünder und artgerechter wäre das sowieso. Von Natur aus würden Kühe kein Soja fressen. Wer ihnen Schrot verfüttert, macht «die Kuh zur Sau», klagt auch Greenpeace.

Die Schweiz sollte auf die steigenden Weltmarktpreise richtig reagieren. Nicht mit dem Ansinnen, hierzulande mehr Soja anzubauen. Sondern mit dem zunehmenden Verzicht auf Kraftfutter. Die Wiesen machen unsere Kühe satt genug. Wenn mit diesem Schritt Produktivitätseinbussen verbunden sind, so sollten wir uns diese leisten. Der Konsument wird es goutieren und mehr bezahlen. Für sauberes Fleisch aus der Region.

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