Die Klimaoptimistin

Für die Inderin Rupa Mukerji ist die Welt an einem Wendepunkt. Wer im Klimaschutz nicht mitmacht, wird verlieren.

«Die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis muss weiter gestärkt werden»: Rupa Mukerji glaubt daran, dass die internationale Klimapolitik nicht scheitern wird. Foto: Doris Fanconi

«Die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis muss weiter gestärkt werden»: Rupa Mukerji glaubt daran, dass die internationale Klimapolitik nicht scheitern wird. Foto: Doris Fanconi

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Es ist ein schöner, heisser Tag. Rupa Mukerji hat die Kleine Freiheit am Haldenegg in Zürich für den Fototermin ausgewählt. Sie sitzt in einem Sommerkleid im Schatten der Bäume, bereit, sich ins richtige Licht rücken zu lassen. Sie lacht, erzählt, sie ist geduldig. Wenig später, beim Gespräch im kühlen Sitzungsraum der Entwicklungsorganisation Helvetas, wird klar, wie gut doch der Name dieses lauschigen Ortes, unweit des Centrals, zur quirligen Inderin passt.

Die 50-jährige Entwicklungs- und Klimaexpertin ist Co-Leiterin der Beratungsdienste und Mitglied der Geschäftsleitung von Helvetas. Seit sechs Jahren lebt sie in der Schweiz. «Ich schätze hier Werte wie Ehrlichkeit und Gleichberechtigung.» Sie sei ein Glücksfall, ist in der Organisation zu vernehmen. Rupa Mukerji bringt nicht nur einen reichen Erfahrungsschatz in Entwicklungszusammenarbeit, Katastrophenmanagement und Genderfragen mit. Sie hat auch einen klaren Standpunkt – und kann ihn lebhaft vertreten.

«Es gibt viele US-Bundesstaaten, die im Klimaschutz eine wirtschaftliche Chance sehen.»

Zum Beispiel in Bezug auf die Begegnung mit dem Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown. Er hat sie in ihrem Optimismus bestärkt. Auch wenn die USA aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen sind, ist die internationale Klimapolitik nicht zum Scheitern verurteilt. Mukerji ist zuversichtlich, dass am G-20-Gipfel der Industrie- und Schwellenländer in Hamburg auch ein starkes Statement für den globalen Klimaschutz und gegen Trump herausschaut.

«Es gibt viele US-Bundesstaaten wie zum Beispiel Kalifornien, die im Klimaschutz eine Notwendigkeit und erst noch eine wirtschaftliche Chance sehen», sagt Rupa Mukerji. Das treffe auch für Europa, China und Indien zu – und für viele Städte. Die Welt sei an einem Wendepunkt angelangt. Wer heute nicht in klimafreundliche und umweltschonende Technologien investiere, werde zu den Verlierern gehören. Das sagt sie überzeugend, ohne moralisierenden Unterton.

Von einer Inderin und «Entwicklungshelferin» hätte man zumindest eine strenge Forderung an die westliche Welt erwartet, endlich ihrer historischen Verantwortung nachzukommen, entsprechend Treibhausgase zu reduzieren und genügend Geld in eine klimaschonende Infrastruktur und in die Bildung der Entwicklungsländer zu investieren. Natürlich sei das wichtig, aber nur darauf zu warten, sei nicht die Lösung, entgegnet sie. «Es ist einiges passiert, auch in den Entwicklungsländern.» Vor 15 Jahren sei der Klimawandel in der armen Welt nicht als Umweltproblem wahrgenommen worden, aber nun beginne man, zu verstehen, dass es ein zentrales Thema sei, wenn sich ein Land entwickeln möchte.

Glück, eine Chance zu haben

Das sagt keine Idealistin. Das sagt eine Frau, die viel gesehen und viel erlebt hat. Und bis heute von ihrem Elternhaus geprägt ist. Aufgewachsen ist sie in einer Familie der Mittelklasse. Ihr Vater war Bankbeamter bei der Federal Bank. Für seine Arbeit musste die Familie immer wieder den Wohnort wechseln. «Mein Leben ist voll von Reisen», sagt Rupa Mukerji. Geboren ist sie 1967 in Ostindien, die ersten fünf Jahre wuchs sie in Westindien auf, in der Wüstenregion von Rajasthan. «Wasser war rar und kostbar, das Geschirr reinigten wir mit Sand, den Reis wuschen wir mit Wasser, das wir dann wiederum für den kleinen Garten benutzten», erinnert sie sich.

Dann ging die Reise weiter, 3000 Kilometer in den Süden. Ein neuer Ort, ein neues Leben. Mukerji hatte ein «privilegiertes Leben», wie sie selber sagt, lernte neben Englisch und Hindi noch vier Lokalsprachen. Die Eltern erklärten der kleinen Rupa, dass sie nicht besondere Menschen seien, sondern das Glück hätten, eine Chance zu haben. Eine Chance, ihr Potenzial auszuleben.

Das hat auf das Kind Eindruck gemacht. «Als 10-Jährige lehrte ich in der Freizeit arme Kinder in der Nachbarschaft, was ich in der Schule gelernt hatte.» Bis heute ist ihr eine junge Frau, die in der Familie arbeitete, in guter Erinnerung. «Sie war besser in Mathematik als ich, aber erhielt nie eine Chance, ihre Bildung fortzusetzen.» Lehrerin wollte Rupa Mukerji trotzdem nie werden. «Der Beruf hat in Indien wenig Ansehen.»

Aber einen Beitrag zu einer besseren Welt wollte sie in jedem Fall leisten – und machte Karriere. Sie erhielt am Institute for Rural Management in der westindischen Stadt Anand den Master in Ländlicher Entwicklung, verfasste Studien über Trinkwasserversorgung und Abfallmanagement in Bhopal, Amsterdam und Bangkok. Mit 24 Jahren gründete sie zusammen mit Kollegen die Beratungsfirma für Entwicklung und Forschung Taru und war zwölf Jahre lang deren Direktorin. Das Unternehmen gehört heute zu den führenden in der Branche. Später wurde Rupa Mukerji Konsulentin für die Weltbank, die Universität Southampton sowie eine holländische Entwicklungsorganisation. Bevor Helvetas und die NGO Intercooperation zusammengeführt wurden, leitete sie das Programm von Intercooperation in Indien.

Zwischen 2011 und 2015 gab sie ihr Wissen als eine der Leadautoren des letzten Berichts des Weltklimarates (IPCC) über die Folgen des Klimawandels weiter. «Die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis muss weiter gestärkt werden», sagt Rupa Mukerji. Und Helvetas trage dazu bei, «indem wir globales Know-how mit lokaler Erfahrung verbinden». Zumal der Green Climate Fund, der ab 2020 von den Vertragsstaaten des Pariser Klimavertrags mit jährlich 100 Milliarden Dollar geäufnet werden soll, einen Goldrausch auslösen werde, wie Rupa Mukerji sagt. «Dieses Geld soll für Klimaprojekte in den armen Staaten verwendet werden.» Es sei wichtig, dass gerade die gefährdetsten Länder – etwa in Afrika – auch tatsächlich davon profitieren und das Geld dort investieren könnten, wo es am nötigsten sei.

«Angst verschliesst die Tür für eine bessere Welt.»

Auch wenn es nicht immer rosig aussieht in der internationalen Entwicklungspolitik. Rupa Mukerjis Zuversicht kann ansteckend sein: «Ich bin eine totale Optimistin», sagt sie. Ihre vielen Reisen für Helvetas auf die Felder der Bauern – «ich brauche die Nähe zu den Menschen» – bestärken sie in ihrer Haltung. Genährt wird sie aber durch eine Lebensphilosophie, die auch ihre Vision ist. Rupa Mukerji hält sich an ein mehr als 100 Jahre altes Gedicht des indischen Poeten Rabindranath Tagore. Es handelt von einer Gesellschaft, in der die Menschen keine Furcht haben. Das befreie, sagt sie. Angst verschliesse die Tür für eine bessere Welt und verneble die Sicht auf Chancen und auf Neues. Das zeigten die Reaktionen der Menschen in den USA mit der Wahl von Donald Trump oder auf den Brexit-Entscheid in Grossbritannien. Oder die schiere Angst vor einer Energiewende, die schlecht für die Wirtschaft sei. Rupa Mukerji ist überzeugt: «Eine bessere Welt ist möglich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2017, 10:18 Uhr

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