10 Fragen in der heissen Phase des Klimagipfels

Feilschen bis zum Schluss: Wie stehen die Chancen? Woran hapert es? Warum überraschen ausgerechnet die USA? Antworten von unserem Wissens-Redaktor aus Paris.

Überrascht von der Entschlossenheit der Wirtschaft: Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktor Martin Läubli in Paris. Foto: TA

Überrascht von der Entschlossenheit der Wirtschaft: Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktor Martin Läubli in Paris. Foto: TA

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Klimakonferenz in Paris steht kurz vor dem Abschluss. Wie ist der Stand der Verhandlungen?
Die Minister haben die ganze Nacht am Vertragstext herumgefeilt, aber sehr viel weiter sind sie nicht gekommen. Im Moment liegt ein Entwurf vor, aber über mehrere entscheidende Punkte konnte man sich noch nicht einigen.

Welches sind diese Punkte?
Über Erfolg und Misserfolg der Pariser Klimakonferenz entscheiden letztlich drei Punkte. Erstens: Ob es einen klaren Auftrag gibt, in den nächsten Jahrzehnten aus den fossilen Energien auszusteigen. Saudiarabien bekämpft dies mit allen Mitteln. Zweitens ist es noch nicht geregelt, wie die Industrieländer ab 2020 die früher beschlossenen jährlichen 100 Milliarden Klimagelder zugunsten der Entwicklungsländer mobilisieren wollen und ob auch die grossen Schwellenländer einen Beitrag leisten sollen. Und drittens gibt es noch keine Einigung, ab wann und in welchem Rhythmus die freiwilligen Klimaverpflichtungen der 180 Länder überprüft werden. Ohne ein Prüfsystem kann man auch die Zugeständnisse nicht erhöhen. Die sind aber bitter nötig, weil sich die Erde weit über 2 Grad erwärmen wird, wenn wir in Zukunft nicht viel mehr unternehmen, als bisher versprochen wurde.

Die Erde wird sich weit über 2 Grad erwärmen, wenn wir in Zukunft nicht viel mehr unternehmen, als bisher versprochen wurde.

Wichtig dürfte in diesem Zusammenhang auch sein, ob es Sanktionsmassnahmen gegen jene Länder gibt, die ihre Ziele nicht erfüllen.
Die gibt es nicht, das muss man leider sagen. Deshalb ist es wichtig, dass die erwähnten Pflichten im Abkommen stehen, das im Grunde wie eine verbindliche Verfassung zu interpretieren ist. Über die Definition der Verbindlichkeit gibt es allerdings unterschiedliche Auffassungen, in den USA ist sie anders als in der EU.

Gibt es etwas, was Sie an dieser Konferenz positiv überrascht hat?
Die Entschiedenheit, mit der die Wirtschaft, insbesondere Dienstleistungsbetriebe und die Finanzbranche, nach einem starken Vertrag verlangt. Ich denke an grosse internationale Investorengruppen, aber auch an Unternehmen wie Sony, Google oder Apple. Umweltfonds werden immer attraktiver, und der Fluss von privaten Geldern in klimarelevante Umweltprojekte verstärkt sich. Das Bewusstsein, dass die Folgen des Klimawandels gigantische volkswirtschaftliche Schäden anrichten werden, verbreitet sich auch unter Wirtschaftsführern. Auf die Bremse treten hingegen die fossilen Energieunternehmer und Länder wie Saudiarabien, deren Wirtschaft stark erdölabhängig ist.

Das Bewusstsein, dass die Folgen des Klimawandels gigantische volkswirtschaftliche Schäden anrichten werden, verbreitet sich auch unter Wirtschaftsführern.

An früheren Klimakonferenzen wirkten oft die USA als Bremser. Diesmal nicht?
Nein. Die angekündigte Klimakooperation der USA mit China vor einem Jahr hat positive Signale ausgestrahlt. Dennoch blockiert China als Leader der Gruppe der Entwicklungsländer G-77 die Verhandlungen, weil diese Staaten noch nicht bereit sind, grundsätzlich die Kategorien zwischen Industrie- und den Entwicklungsländern, wie sie in der Klimakonvention definiert sind, aufzulösen. Die Reichen tragen aus dieser Sicht die historische Schuld am Klimawandel und müssen zunächst einmal zeigen, dass sie ihre Versprechen halten. Es muss Geld fliessen und der Technologietransfer verbessert werden.

Wenn Sie eine Wette abschliessen müssten, ob in Paris der erhoffte Durchbruch erreicht wird – würden Sie auf Ja oder Nein setzen?
Ich glaube, es kommt zumindest zu einem Vertrag mit der Signalwirkung, damit es beim Klimaschutz deutlich schneller und entschiedener vorangeht. Man wird wohl versuchen, ein Abkommen zu bekommen, das die Option offenlässt, die Klimaanstrengungen später zu verschärfen.

Auch bei der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen hat man bis ganz am Schluss verzweifelt verhandelt, und was herauskam, war ein Fiasko.
Diesmal ist die Ausgangslage viel besser. In Kopenhagen hatte man nach der ersten Woche ein Papier, bei dem die Vorstellungen und Ziele noch viel weiter auseinander lagen als jetzt in Paris. Es lag eigentlich nichts vor, über das man ernsthaft und mit halbwegs realen Erfolgsaussichten hätte verhandeln können. Hinzu kommt, dass sowohl die Vorbereitungen auf Kopenhagen als auch die Konferenzführung durch die dänische Regierung schlecht waren. Es war vieles intransparent, und oft wurden gerade die Schwellenländer vor den Kopf gestossen. Die französische Führung unter Laurent Fabius macht es viel besser.

Man wird versuchen, ein Abkommen zu bekommen, das die Option offenlässt, die Klimaanstrengungen später zu verschärfen.

Wie wird die Klimakonferenz im optimalen Fall weiter verlaufen?
Laut dem französischen Zeitplan müsste der Verhandlungstext heute Donnerstagabend bereit sein. Dann wird er nochmals juristisch überprüft und in die sechs UNO-Sprachen übersetzt. Morgen käme er dann vor die Vollversammlung der Klimakonferenz und müsste verabschiedet werden. Allerdings gibt es bei Klimakonferenzen praktisch immer eine Nacht der langen Messer, und es wird bis am Samstagmorgen weiter verhandelt. Es braucht im Konsensverfahren nur den Einwand eines einzigen Landes, um die Verhandlungen zu verlängern.

Melden sich in Paris eigentlich auch die sogenannten Klimaskeptiker zu Wort?
Nein. Klimaskeptiker treten bei politischen Verhandlungen ohnehin kaum auf, sondern versuchen ihre Botschaft medial zu verbreiten. Und wissenschaftlich betrachtet, wird es für Klimaskeptiker immer schwieriger, noch ernst zu nehmende Argumente vorzubringen.

Paris wurde vor kurzem von Terroranschlägen erschüttert. Merken Sie davon an der Konferenz etwas?
Die Zugangskontrollen zum Konferenzareal sind die üblichen: Man muss sich als Teilnehmer identifizieren und Gepäck und Laptop wird durchleuchtet wie am Flughafen. Neu ist in Paris, dass die strengen Sicherheitsvorkehrungen in der Klimaausstellung für die Öffentlichkeit auf dem Konferenzgelände gelten. In der Metro patrouilliert häufig die Polizei, und wer ein grösseres Geschäft betreten will, muss seine Tasche oder seinen Rucksack öffnen.

Erstellt: 10.12.2015, 19:34 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir produzieren Klimaflüchtlinge»

Interview Die französische Umweltministerin Ségolène Royal gibt Europa eine Mitschuld an den Migrationsströmen nach Norden. Sie will deshalb mit Afrika kooperieren. Mehr...

Apokalypse in der Reisschüssel

Klimawandel und die Jagd nach billiger Energie bedrohen Reisfelder und Fischbestände im Mekongdelta. Die Folgen für die Nahrungssicherheit von Millionen Menschen sind dramatisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Geldblog Was passiert bei einem Konkurs meiner Bank?
Sweet Home Mehr als Fensterkleider

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...