«Die Natur ist alles andere als gut»

120 Nobelpreisträger wollen dem Gentechreis von Ingo Potrykus zum Durchbruch verhelfen. Gentechnik werde verteufelt, sagt der emeritierte ETH-Professor, und Bio verklärt.

«Ich weiss nicht, ob die Öffentlichkeit Bio will»: Ingo Potrykus. Foto: Sebastian Magnani

«Ich weiss nicht, ob die Öffentlichkeit Bio will»: Ingo Potrykus. Foto: Sebastian Magnani

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Sie haben an der ETH Zürich den Goldenen Gentechreis entwickelt. Und Sie sind Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Hatten Sie nie Bedenken, in Gottes Handwerk zu pfuschen?
Ich bin zwar katholisch erzogen, aber nicht allzu gläubig. Die Bibel fordert doch den Menschen dazu auf, auch seine geistigen Fähigkeiten zu nutzen, die Welt ­bewohnbarer und ertragreicher zu machen – und sie zu schützen.

Papst Franziskus hat den Goldenen Reis gesegnet. Wie kam es dazu?
Der Papst ist ja im Grunde Gentechnik-skeptisch. Aber der Goldene Reis hat ihm gefallen, und deshalb habe ich ihn gebeten, den Reis zu segnen. Für mich war es ein politischer Wunsch, weil mein Reis als Erstes in den Philippinen herauskommen soll, und das ist ein katholisches Land. Ob es etwas ­bewirkt, weiss ich nicht.

Aber überschreitet der Mensch mit der Gentechnik nicht eine Grenze?
Wenn der Mensch nicht ständig Gott ins Handwerk pfuschen würde, wären wohl die meisten von uns nicht mehr am Leben. Ich denke da nicht nur an die Medizin, sondern auch an die Ernährung. Alles, was wir essen, ist das Ergebnis dieser Pfuscherei einschliesslich dramatischer Veränderung des Erbguts, auch bei den Produkten des Biolandbaus.

Kürzlich haben über 120 Nobelpreisträger ihre Unterstützung für den Goldenen Reis in einem öffentlichen Brief ausgedrückt. Wussten Sie davon?
Ich hatte keine Ahnung. Das ist eine beachtliche Unterstützung einer sehr exquisiten Gruppe von Wissenschaftlern. Das zeigt, dass mein Reis auch nach 20 Jahren noch attraktiv ist.

Gibt der Brief der Nobelpreisträger dem Projekt einen neuen Schub?
Sehen Sie einen Schub?

Nein, eigentlich nicht.
Ich auch nicht. Die Reaktion der Öffentlichkeit vor allem in Europa ist enttäuschend.

Die Nobelpreisträger sprachen in dem Brief von einem Verbrechen gegen die Mensch­lichkeit, wenn man den Goldenen Reis ­verhindere. Vielleicht war das zu krass ­formuliert, zu emotional, zu wenig sachlich für Wissenschaftler.
Ist es zu krass formuliert, wenn man darauf hinweist, dass täglich 6000 Kinder an Vitamin-A-­Mangel sterben, obwohl mit dem Goldenen Reis eine kostenlose, nachhaltige Lösung existiert, die ohne Gentechnikhysterie seit 2003 hätte angewandt werden können? Was ist das Verhindern von Hilfe zur Vermeidung von mittlerweile Millionen von Toten und Blinden anderes als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Erhoffen Sie sich auch, dass die Unterstützung von Religion und Wissenschaft die Front gegen die Gentechnologie aufweicht?
Das Klima ist leider nicht besser geworden. Die Technologie wird immer noch verteufelt, vor allem in Europa und der Schweiz. Ich kenne die Gentechgegnerschaft um Greenpeace seit 1984, also seit 32 Jahren, und ich sehe keinen Anlass für Optimismus.

Der Bundesrat hat vorgeschlagen, das Anbaumoratorium nach 2017 um vier Jahre ­zu verlängern. Und alle sind ­einverstanden. Können Sie das nicht ­akzeptieren?
Ich gebe zu, dass die Vorteile der Gentechnologie in der Schweizer Landwirtschaft relativ klein sind. Daher ist es verständlich, wenn die Politiker opportunistisch entscheiden und nicht in den Ruf kommen wollen, die Gentechnik zu unterstützen. Nicht akzeptieren kann ich, dass diese Haltung enorme Auswirkungen auf die Behandlung der Gentechnik in Entwicklungsländern hat.

Welche Auswirkungen?
Aufgrund dieser intensiven europäischen Ablehnung der Technologie wagen auch die Regierungen der Entwicklungsländer nicht, sie einzusetzen, aus Angst vor Exportschwierigkeiten. Unsere Partner in Indien hatten den Goldenen Reis seit dem Jahr 2000. Die erste Genehmigung für Feldversuche folgte aber erst 2016, das hat die Entwicklung ­blockiert. Unsere einflussreichsten Gegner dabei waren die Basmati-Reis-Exporteure, die Schwierigkeiten für den Export nach Europa befürchteten. Dabei geht es um ein Geschäft von 600 Millionen Dollar jährlich. Nun überlegen Sie mal weiter. Weil die Basmati-Reis-Exporteure Angst um ihren Profit hatten, nahmen sie billigend in Kauf, dass in Indien zigtausend Kinder erblinden. Für mich ist das ziemlich unmoralisch.

Das waren handfeste wirtschaftliche Interessen. Die Umweltschützer haben aber das Wohl der Welt im Auge.
(lacht) Das meinen Sie. Bei Greenpeace trifft dies vielleicht auf die ersten zehn Jahre zu. Ich kenne einen der Gründer von Greenpeace, Patrick Moore, persönlich. Er war ein kanadischer Ökologe und hat mit gleichgesinnten Kollegen vor 45 Jahren die Bewegung in einem Kellerraum in der Nähe von Vancouver ins Leben gerufen. Damals haben sie fantastische Dinge gemacht. Sie haben sich mit ihren kleinen Schlauchbooten den Robben- und Walfängern in den Weg gestellt, und sie haben die Atomversuche im Südpazifik verhindert. Mit ihrem Schiff Rainbow Warrior haben sie eine überwältigende Bekanntheit erlangt. Das waren echte ­Umweltschützer. Sprechen Sie jetzt mal mit Patrick Moore. Er hat seine Meinung über Greenpeace ­geändert. Er hat sogar eine Internetseite aufgebaut mit dem Ziel, den Goldenen Reis zu erlauben und die Gentechnik anzuerkennen.

Ist denn die Angst vor Umwelt- und Gesundheitsrisiken, vor denen uns die strenge Regulierung ja schützen soll, nicht berechtigt?
Das war einmal. Aber inzwischen ist das Wissen so solide, dass diese Regulierungen für mich einfach keinen Sinn mehr machen. Traditionelle Gentechnik mit Pflanzen ist eine sichere Technologie. Die Wissenschaft ist heute so überzeugend, dass sogar Greenpeace die alten Risikoargumente über Bord geworfen hat. Sie sagen ja jetzt nur noch, dass die Bevölkerung das nicht will und nicht braucht.

Nicht nur Greenpeace, auch die Bevölkerung will vor allem Biolandwirtschaft.
Ich weiss nicht, ob die Öffentlichkeit Bio wünscht; man versucht es ihr einzureden. Es ist erstaunlich, wie klein ihr Anteil trotz massivster Propaganda und Förderung ist. Man starrt mit Scheuklappen auf die Gentechnik und übersieht viele reale Gefahren – zum Beispiel im Biolandbau.

Der Biolandbau gilt als schonend und umweltfreundlich.
Erinnern Sie sich an den Fall mit den Salatsprossen in Norddeutschland? Wahrscheinlich nicht, denn die Medien haben kaum darüber berichtet, weil es politisch nicht opportun war. Die Biosprossen waren mit Bakterien infiziert, die im Biolandbau ganz normal sind, sich dort aber aussergewöhnlich vermehrt hatten. Mehr als 60 Menschen sind daran gestorben, und heute noch müssen Tausende deswegen zur Dialyse. Jetzt vergleichen Sie mal: 60 Tote, Tausende schwerstnierengeschädigte Menschen – wo war der mediale Aufschrei? Wenn als Folge der Gentechnik auch nur ein Mensch zu Schaden gekommen wäre, hätte es ein Riesenmedienspektakel gegeben.

Die Gefahr liegt ja auch eher in der Struktur der industriellen Landwirtschaft, welche die teure Gentechnik noch ­akzentuiert. Eine Konzentration der Saatgutkonzerne ist unleugbar.
Die ist auch mir sehr unsympathisch. Aber kein Bauer ist gezwungen, sein Saatgut von einem Saatgutkonzern zu kaufen. Sie kaufen es, weil sie damit einen höheren Ertrag haben. Das machen unsere Bauern hier und auch die indischen Bauern. Das ist ganz normal in unserem liberalen Wirtschaftssystem. Die Konzerne verschenken ihre Produkte ­natürlich nicht, genauso wenig wie Ihr Diktiergerätehersteller oder Ihr Softwarekonzern. Apple hat ja auch eine enorme Machtstellung.

Bezeichnend ist doch, dass alle Gentechpflanzen, die grossflächig angebaut werden, aus der Küche von Agrokonzernen stammen. Ihr Goldener Reis ist das einzige bekannte nicht kommerzielle Projekt.
Das stimmt, es gibt kaum vergleichbare Projekte im Bereich der Pflanzen. Und das werfe ich meinen Kollegen an den Hochschulen auch vor. Viele schielen nach finanziellen Erfolgen und arbeiten an Projekten, die einen Nutzen für die Industrie haben. Das gefällt mir nicht. Meiner Meinung nach sollte sich die öffentliche Forschung um Dinge kümmern, welche die Industrie nicht macht. Aber das ist nicht die Hauptursache. Wegen der Regulation sind die Kosten für die öffentliche Hand unerschwinglich.

Laut Weltagrarbericht von 2012 . . .
. . . dieser Bericht ist interessant zu lesen, aber das heisst nicht, dass Sie das glauben müssen. Er ist ­alles andere als objektiv und wird auch nur selektiv anerkannt.

Dieser Agrarbericht unterstreicht, dass nur eine Kleinbauern-Landwirtschaft die Welternährung sichern kann.
Ich unterstützte das ja, der Goldene Reis ist genau für die kleinen Bauern gedacht. Es ist ein humanitäres Projekt, das den Goldenen Reis eben nicht kommerzialisiert, sondern den Kleinbauern zukommen lässt. Syngenta hat uns zwar bei der ­Entwicklung unterstützt, aber sie haben keinen Rappen daran verdient, sondern nur investiert, wie übrigens alle anderen Beteiligten auch. Ich habe auch nichts gegen den Biolandbau. Es ist jedoch völlig falsch, zu behaupten, wir könnten die Welt ohne industrielle Landwirtschaft ernähren. Es stimmt nicht, dass Biolandbau die umweltschonendste Form der Landwirtschaft ist.

Das müssen Sie erklären.
Der Biolandbau kommt ja nicht ohne Schädlings­bekämpfung aus, denn auch die Biobauern wollen ­etwas ernten. Sie verwenden Spritzmittel wie Kupfer, die alles andere als umweltfreundlich sind. Im Gegenteil, das ist ökologisch sehr bedenklich.

Was ist die Alternative?
Die beste Form der Landwirtschaft ist die der integrierten Produktion, an deren Entwicklung die ETH entscheidend mitgewirkt hat. Diese Form setzt alle wirksamen Mittel ohne Ansehen der Technologie ein – dies aber nicht von vornherein, sondern erst, wenn es nötig wird. Man arbeitet mit Schadenschwellen, das heisst, man misst aktuelle Schäden, die zum Beispiel ein Insekt anrichtet, und greift erst ein, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten wird. Die Gegenmittel sind dann möglichst ­umweltschonend. Die integrierte Produktion nutzt die Erkenntnisse der Wissenschaft, indem sie einen Mix von allen möglichen Dingen einsetzt, die wirksam, umweltschonend, aber auch produktions­sichernd sind. Der Biolandbau dagegen ist eine Ideologie, und Ideologien sind selten eine gute Idee für die Praxis.

Der Biolandbau nutzt auch immer mehr Züchtungsmethoden aus dem Labor.
Das ist Augenwischerei. Abgesehen davon, dass transgene Pflanzen tabu sind, ist der grösste Mangel des Biolandbaus eine mystische Vorstellung der Natur. Der Biolandbau verteufelt alles, was nicht natürlich ist. Aber wissen Sie, warum wir zwei jetzt hier sitzen? Weil Justus Liebig den Kunstdünger ­erfunden hat. Ohne Kunstdünger würden heutzutage keine 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde ­leben, sondern vielleicht 2 Milliarden.

Die industrielle Landwirtschaft mit ihren Supersorten zehrt den Boden aus.
Nein, das stimmt nicht. Die industrielle Landwirtschaft ergänzt die Mineralien, die das Erntegut dem Boden entzogen hat, mit mineralischem Dünger. Für die Pflanzen ist das mindestens so gut wie ­organischer Dünger. Wissen Sie, ich habe auch ­Bodenkunde studiert und weiss, dass der Boden nicht nur Mineraldünger, sondern auch organische Stoffe braucht, und genau das liefert auch die integrierte Landwirtschaft. Dafür hat diese auch das Marienkäfer-Label erhalten. Wenn Sie sich also ­umweltschonend ernähren wollen, kaufen Sie ­besser «Marienkäfer» als «Knospe».

Laut Studien des Forschungsinstituts für biologischen Landbau ist der ­Biolandbau bezüglich Ertrag der konventionellen Landwirtschaft ebenbürtig.
Das wird gern so dargestellt, stimmt aber nur unter speziellen Bedingungen. Stellen Sie sich doch ­einmal den Boden vor, von dem Sie ernten. Nun stellen Sie sich die Frage, wie all diese Biomasse, die Sie verkaufen, wieder in den Boden kommt. Sammeln Sie die Fäkalien? Nein. Wo gehen denn die menschlichen Abfälle der 400'000 Zürcher hin? Sie gehen in die Kläranlage und werden verbrannt, weil der Klärschlamm nicht verwendet werden darf. Das muss wieder ersetzt werden. Der geschlossene Stoffkreislauf ist in einer modernen Gesellschaft eine Illusion, auch im Biolandbau.

Ist denn die Idee der Biolandwirtschaft, die Natur als Leitplanke zu nehmen, falsch?
Ist die Natur gut?

Sie hat keinen moralischen Wert.
Im Gegenteil: In der Natur wirkt das Gesetz der Evolution. Die Natur ist alles andere als gut. Es geht um den Kampf ums Überleben. Die natürlichen ­Lebensmittel waren nicht nur unproduktiv, sondern auch voller Gift, weil sich die Pflanzen gegen Fressfeinde wehren mussten und dafür Abwehrstoffe produzierten. Der Mensch hat in mühsamer Kleinarbeit all diese Gifte mithilfe der Pflanzenzüchtung aus diesen natürlichen Lebensmitteln rausgezüchtet. Dieses schwärmerische «Verständnis» der Biologie, wie es in der Grünenbewegung verbreitet ist, ist eine Träumerei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2016, 23:35 Uhr

Ingo Potrykus

Pflanzenwissenschaftler

Ingo Potrykus (82) war Biologe an der ETH Zürich und hat 1999 eine Gentech-Reissorte geschaffen, die mehr Vitamin A enthält als natürlicher Reis. Diesen Goldenen Reis wollte er in Entwicklungsländern den Bauern verteilen, doch das Projekt ist immer noch blockiert. «Ich werde sicher hinfliegen, wenn der Reis auf dem Feld ist», sagt der Deutsche, der sich an seinem Wohnort Magden AG auch im Vogelschutz engagiert. Potrykus ist seit ­ 56 Jahren verheiratet und hat drei Kinder. (mma)

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