Die Rückkehr des scheuen Riesen

Vor 100 Jahren stand der Wisent vor dem Aussterben – nun soll er im Jura ausgewildert werden. Das passt nicht allen.

Er ist das grösste Landsäugetier Europas: Ein Wisentbulle im holländischen Nationalpark Zuid-Kennemerland. Foto: Mauritius Images

Er ist das grösste Landsäugetier Europas: Ein Wisentbulle im holländischen Nationalpark Zuid-Kennemerland. Foto: Mauritius Images

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Träge stehen die Kolosse beisammen und blinzeln in die Morgensonne. Tierpfleger Jan Leu, 27, öffnet ein Gatter. Die Wisente vom Wildnispark Langenberg ZH haben heute Ausgang, dürfen vom Hartplatz hinüberwechseln in das grosse Gehege. Ein Kalb merkt als Erstes, was das heisst. Es rennt los, die grösseren Tiere hinterher. Die eben noch schwerfällig wirkenden Wisente stürmen in gestrecktem Galopp über die Weide und überwinden dabei am Boden liegende Tannen in elegantem Sprung, wie bei einer Springkonkurrenz. Der Anblick erinnert an Kühe, die – nach Wochen im Stall – im Frühling erstmals wieder auf die Weide dürfen und dabei vor Freude wilde Kapriolen aufführen.

Wisente sorgten in den vergangenen Wochen mehrmals für Schlagzeilen, im Zusammenhang mit einem Auswilderungsprojekt bei Welschenrohr im Solothurner Jura. Der Verein Wisent Thal um den Wildtierbiologen Darius Weber, 60, möchte in einem Versuch abklären, ob es möglich ist, den Wisent, der bis vor 1000 Jahren auch in der Schweiz lebte, wieder anzusiedeln.

Bauern befürchten Flurschäden

Dieses Vorhaben passt nicht allen. Bauernvertreter Edgar Kupper, 47, aus Laupersdorf SO wehrt sich gegen das Projekt: «Wir haben hier bereits viele Wildschweinschäden und brauchen nicht ein weiteres Wildtier, das noch mehr Schäden verursacht.»

Dem hält Biologe Darius Weber entgegen, dass es beim Projekt eben gerade darum gehe, abzuklären, ob Wisente überhaupt Schäden anrichten können, und falls ja, wie gross diese wären. «Die Wisentherde soll während fünf Jahren in einem 100 Hektaren grossen Gehege überwacht werden, in dieser Zeit werden wir allfällige Schäden an Bäumen und Wiesen dokumentieren», sagt er. «Dann ziehen wir Bilanz und entscheiden, ob wir in einer nächsten Phase die Zäune öffnen oder nicht.»

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Es ist nicht selbstverständlich, dass man heute überhaupt über Wisente streiten kann. Denn vor rund hundert Jahren war dieses grösste europäische Landsäugetier nah am Aussterben. 1919 landete der letzte frei lebende Flachlandwisent im Kochtopf eines polnischen Waldarbeiters. Hätten Zaren und Könige aus ihren zu Jagdzwecken eingezäunten Wäldern nicht ab und zu einen Wisent als Geschenk an befreundete Herrscher oder Zoos abgegeben, könnte das Tier heute nur noch ausgestopft in Museen bewundert werden.

Gerade mal zwölf zuchtfähige Tiere, fünf Stiere und sieben Kühe, fanden sich 1923 noch in europäischen Tiergärten. Mittels minutiös geführten Zuchtbuchs wurden die Wisente gezielt verpaart, und es gelang, sie zu vermehren. Heute existieren rund 5000 dieser europäischen Büffel, viele von ihnen in zoologischen Gärten, die Mehrheit jedoch wieder in freier Wildbahn. Bisher haben zwölf Länder Wisente ausgewildert, vor allem in Osteuropa. Eine Pionierrolle hat dabei Polen übernommen, wo der Wisent populär ist: Er ziert Postkarten, Briefmarken und sogar Wodkaflaschen. Im Bialowieza-Urwald, an der Grenze zwischen Polen und Weissrussland, leben mittlerweile wieder mehrere hundert Wisente.

«Ein einziges Mal griff ein Wisent einen Menschen an. Es war eine Kuh mit Kalb.»Darius Weber, Biologe

Auch die Schweiz beteiligt sich an der Wiederansiedlung. «Wir züchten unsere Wisente ebenfalls mit dem Ziel, sie in Auswilderungsprojekte abgeben zu können», sagt Jan Leu vom Wildnispark Langenberg, «im Frühling gehen vier weitere Tiere in ein halb offenes Zuchtgehege in Bulgarien.» Seine Schützlinge, die eben noch übermütig über die Weide galoppierten, haben sich inzwischen in den Wald verzogen, um zu fressen. Ihre Silhouetten sind kaum mehr auszumachen zwischen den Bäumen. Ab und zu dringt ein leises Knacken aus dem Gehölz, wenn einer von ihnen auf einen dürren Ast tritt.

Im polnischen Bialowieza-Nationalpark, einem der letzten grossen Urwaldgebiete Europas: Kämpfende Wisentbullen. Foto: Mauritius Images

Im Gegensatz zu seinem nahen Verwandten, dem Amerikanischen Bison, ist der Wisent kein Steppentier. Er lebt in Wäldern mit reichlich Unterholz und eingestreuten Lichtungen. Dort ernährt sich der Wiederkäuer von Gräsern, Laub, kleinen Ästen und Baumrinde. Entsprechend ihrer Lebensweise haben Bison und Wisent eine unterschiedliche Postur. Von der Seite betrachtet sehen beide zwar ähnlich aus. Doch von vorne ist der Unterschied deutlich. «Der Bison, als Tier der offenen Prärie, ist breit gebaut, während der Wisent viel schmaler ist, was ihm das Leben im Wald erleichtert», erklärt Jan Leu.

Wiesendangen – Weide der Wisente

Wobei der Wisent Ausflügen aus dem Wald hinaus nicht abgeneigt ist, was sogar in einem Schweizer Ortsnamen verbürgt ist. Wiesendangen im Kanton Zürich führt seinen Namen auf das althochdeutsche Wort Wisuntwangas zurück, was so viel wie «Weide der Wisente» bedeutet. Das Bocksgehörn im Gemeindewappen sieht zwar eher nach Steinbock aus, doch das Dorfrestaurant Wisent erinnert dar--an, dass hier mal die imposanten Büffel gelebt haben.

«Wisente haben auch bei uns im Wildnispark ihre natürliche Scheu behalten.»Jan Leu, Tierpfleger Wildnispark Langenberg

Die ältesten bildlichen Darstellungen von Wisenten finden sich in den berühmten Höhlen von Altamira im Norden Spaniens, wo Steinzeitmenschen vor 10'000 bis 15'000 Jahren die Wände mit ihren Malereien verzierten und der Wisent die zweithäufigste abgebildete Tierart darstellt.

Ursprünglich war der Wisent in grossen Teilen Europas beheimatet, doch sein Lebensraum verkleinerte sich schon früh. Im Mittelmeerraum starb er bereits vor Beginn menschlicher Geschichtsschreibung aus. Die Römer importierten einzelne Exemplare aus Germanien, führten sie in Tierhatzen mit Bären und Wölfen dem Volk zur Belustigung vor. Der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere beschrieb den Wisent als Rind mit einer Pferdemähne, das so kurze Hörner habe, dass diese im Kampf von keinerlei Nutzen seien. Statt zu kämpfen, laufe der Wisent vor jeder Bedrohung davon.

Letzteres hat Plinius gut beobachtet. «Wisente sind Fluchttiere», sagt Tierpfleger Jan Leu, «sie haben auch bei uns im Wildnispark ihre natürliche Scheu behalten und fliehen sofort, wenn sie Gefahr wittern.»

Nahe Verwandte
Der Amerikanische Bison (rechts) und der Europäische Wisent (links) haben gemeinsame Vorfahren. Als während der Eiszeit Russland und Alaska über eine Landbrücke verbunden waren, wanderten Steppenbisons aus Asien nach Nordamerika ein. Nach der letzten Eiszeit zog es dann die Vorfahren der heutigen Wisente aus Asien nach Europa, wo sie bis nach Spanien vorstiessen. Bisons und Wisente lassen sich kreuzen, was auf ihre nahe Verwandtschaft hinweist. Im Erbgut des Bisons finden sich auch genetische Spuren vom Yak, während der Wisent DNA des Auerochsen in sich trägt. Der Auerochse, der auch Ur genannt wurde, ist der Vorfahre des Hausrinds und seit 1627 ausgestorben.

Im Mittelalter kannten die Menschen hierzulande den Wisent nur noch vom Hörensagen und dichteten ihm allerlei an. Konrad Gessner, der grosse Zürcher Zoologe des 16. Jahrhunderts, fasste die allgemeine Meinung anno 1555 so zusammen: «Dem Wisent wird von den Alten zugelegt, dass er hesslich, scheusslich, rauchharig und in summa gantz wild un ungestalt sey.» Immerhin fügte er, beinahe beschwichtigend, hinzu: «Er frist Häu, gleich wie andere einheimische Rinder.»

Biologe Darius Weber bestätigt die Ungefährlichkeit der bulligen Tiere: Wisente seien zwar grosse und kräftige, aber doch sehr friedliche Tiere – friedlicher als beispielsweise Mutterkühe auf der Weide. «In den vergangenen 50 Jahren, also seit es wieder Wisente in freier Wildbahn gibt, ist nur ein einziger Angriff frei lebender Wisente auf Menschen bekannt geworden», sagt der Forscher. Anlass für den Zwischenfall in Deutschland war die Attacke eines Hundes auf eine Wisentkuh mit Kalb. Die Hundebesitzerin wurde beim erfolgreichen Versuch, ihren Hund vor der Wisentkuh in Sicherheit zu bringen, leicht verletzt.

Der erste Nachwuchserfolg: Wisentkalb Mefody wurde in der 2011 ausgewilderten Herde im russischen Naturreservat Brjansker Wald geboren. Foto: Mauritius Images

Legendär ist der Wisentbulle Pulpit, der 1964 und 1965 durch Südpolen wanderte. Dabei besuchte er wiederholt Dörfer und Kleinstädte, wo er Gemüse von Marktständen stibitzte und sich von Schulkindern mit Brot füttern liess. Das friedliche Tier trottete einmal auch durch den Friedhof der Stadt Zagórze, als gerade eine Beerdigung stattfand. Die Trauergäste trauten dem Frieden nicht und flüchteten auf umliegende Bäume. Als die polnische Regierung daraufhin erwog, den Wisent abzuschiessen, protestierte die Bevölkerung vehement, worauf der Bulle eingefangen und fortan in einem Gehege gehalten wurde.

Viele bürokratische Hürden

Heute gibt es in zwölf Ländern wieder frei lebende Wisente. Das jüngste Auswilderungsprojekt läuft seit 2013 im nordrhein-westfälischen Rothaargebirge. Dabei untersuchten die Forscher unter anderem das Konfliktpotenzial mit Wanderern, Radfahrern und Campern. Es zeigte sich, dass die Wisente dem Menschen aus dem Weg gehen und sich zurückziehen. Von daher gäbe es keine Probleme bei einer allfälligen Auswilderung im Solothurner Jura. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg.

Befürworter sehen eine gewisse ethische Verpflichtung, dem Wisent seinen angestammten Lebensraum wieder zuzugestehen.

Die Gräben sind tief zwischen den Befürwortern und den Gegnern. Während die Gegner vor allem Schäden an Bäumen und in landwirtschaftlichen Kulturen sowie gesellschaftliches Konfliktpotenzial befürchten, sehen Befürworter touristische Chancen für die Gegend, mit geführten Touren, Restaurant und Souvenirshop. Und sie sehen auch eine gewisse ethische Verpflichtung, dem Wisent, der früher einmal hier gelebt hat, seinen angestammten Lebensraum wieder zuzugestehen. Das Gebiet mit dem grössten zusammenhängenden Wald im Jura scheint dazu günstig.

Momentan schlägt sich der Verein Wisent Thal, der das Projekt finanziell trägt und das Gesuch im März einreichen möchte, mit bürokratischen Problemen herum. Diverse Bewilligungen sind nötig, zum Beispiel für die Waldnutzung oder für das Aufstellen eines Zaunes. Und auch eine Tierhalterbewilligung: «Weil Wisente geschützte einheimische Wildtiere sind», sagt Darius Weber, «ist es schwieriger, eine Halterbewilligung zu bekommen, als wenn es Giraffen wären.»

(Schweizer Familie)

Erstellt: 07.03.2018, 08:04 Uhr

Wisente beobachten

Schweizer Tierparks, die Wisente halten

  • Wildnispark Langenberg ZH, Langnau a. A.: www.wildnispark.ch

  • Tierpark Dählhölzli, Bern:
    www.tierpark-bern.ch

  • Wildpark Bruderhaus, Winterthur:
    www.wildparkverein.ch

  • Tierpark Goldau SZ:
    www.tierpark.ch

  • Tierpark Lange Erlen BS:
    www.erlen-verein.ch

  • Wisent-Wald Suchy VD:
    www.bisons-suchy.ch


  • Das Projekt Wisent Thal

    Infos zum Projekt Wisent Thal im Solothurner Jura gibt es unter www.wisent-thal.ch

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