Die Toten vom «Skelettsee» geben neue Rätsel auf

Rund um einen kleinen Bergsee auf dem Himalaja liegen Hunderte Skelette verstreut. Was ist passiert? Eine neue Studie gibt überraschende Antworten.

Sein Geheimnis offenbart sich nach der Schneeschmelze: Der indische Roopkund-See wird auch «Skelettsee» genannt. Bild: Atish Wagwase

Sein Geheimnis offenbart sich nach der Schneeschmelze: Der indische Roopkund-See wird auch «Skelettsee» genannt. Bild: Atish Wagwase

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Vieles hatte der Mann erwartet, aber nicht dieses gespenstische Schauspiel im Nirgendwo. Als der indische Förster auf über 5000 Metern der Höhenkrankheit trotzte und in dünner Luft durch den Himalaja wanderte, kam er an einen kleinen See. Ein schöner Platz für eine Verschnaufpause, hätte der geschmolzene Schnee nicht den Blick auf eine verstörende Szenerie freigegeben. Rund um den See lagen Hunderte Skelette verstreut. Keines war intakt – und keines war von einem Tier. Alle stammten von Menschen.

Die erzürnte Göttin

Der Förster war Anfang der 1940er-Jahre der Erste, der sich fragte, warum wohl am Roopkund-See Hunderte Menschen starben. Seither hat das Rätsel im indischen Bundesstaat Uttarakhand zahlreiche Forscher beschäftigt. Im Zweiten Weltkrieg befürchteten die Briten, es könnte sich um japanische Soldaten handeln, die eine Invasion geplant hatten. Archäologen kamen zum Schluss, dass die Toten Reisende waren, die in einem tödlichen Hagelschlag um das 9. Jahrhundert umgekommen waren. Und einer lokalen Sage zufolge erzürnten ein König und seine Gemahlin auf der am See vorbeiführenden Pilgerroute die Berggöttin Nanda Devi – mit tödlichen Konsequenzen für die ganze Gefolgschaft.

Die Überreste Hunderter Menschen liegen um den See verstreut. Bild: Awanish Tirkey (Shutterstock)

Die Griechen unter den Toten

In einer neuen, im Fachblatt «Nature Communications» erschienenen Studie hat nun ein internationales Team von mehr als zwei Dutzend Archäologen, Genetikern und anderen Spezialisten eine umfangreiche Analyse vorgelegt. Die Ergebnisse erstaunen – und machen die Geschichte des Ortes noch komplexer. Denn die Forscher widerlegten die Theorie eindeutig, wonach es sich bei den Toten um Mitglieder nur einer Gruppe handelt. Mithilfe der Radiokarbondatierung untersuchte das Team 38 Skelette. 24 Menschen starben um das Jahr 800, 14 aber erst Anfang des 19. Jahrhunderts.

Noch seltsamer ist, dass die zweite Gruppe Menschen mit einer Ausnahme aus dem Mittelmeerraum stammt. Sie sind genetisch mit den heutigen Bewohnern Griechenlands und Kretas verwandt. «Uns hat es sehr überrascht, dass die Herkunft eines Teils der untersuchten Personen so ungewöhnlich ist für diesen Teil der Welt», sagt Harvard-Genetiker David Reich der US-Zeitschrift «The Atlantic». «Das Rätsel ist nun noch grösser.»

Zumal die Studie die grundlegende Frage, wie Hunderte von Menschenresten an einem abgelegenen Bergsee landeten, nicht beantwortet. Bei den indischen Skeletten könnte man vermuten, dass sie von auf der Pilgerroute verstorbenen Gläubigen stammen – aber bei den Europäern? Und ob es weitere Herkunftsgruppen unter den Toten gibt, ist ebenfalls unklar.

«Einheimische warfen Tote in den See»

Zwei der an der Studie beteiligten Forscher glauben, dass die Menschen sich bei schlechtem Wetter einfach verirrt hatten, in einem Unwetter umkamen und dann bei Erdrutschen allmählich in den See fielen.

Kathleen Morrison, die Vorsitzende der Anthropologieabteilung der Universität von Pennsylvania, vermutet hingegen, dass die Skelette sich angesammelt haben, weil die Einheimischen sie in den See warfen. «Wenn man viele menschliche Skelette sieht, handelt es sich normalerweise um einen Friedhof.» Besonders erhellend ist auch diese Theorie nicht. Das Rätsel des «Skelettsees» bleibt ungelöst. (nlu)

Erstellt: 22.08.2019, 14:32 Uhr

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