Die weisse Gefahr 

Noch nie gab es Mitte Januar auf der Messstation Weissfluhjoch so viel Schnee. Das aktuelle Extremwetter erinnert an den Lawinenwinter 1999.

Nicht ungewöhnlich: Lawinen im Winter. Momentan ist die Lage aber überdurchschnittlich angespannt.

Nicht ungewöhnlich: Lawinen im Winter. Momentan ist die Lage aber überdurchschnittlich angespannt.

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Niemand hatte in dem Moment damit gerechnet. Doch dann brach am vergangenen Donnerstag an der nördlichen Steilwand des Säntis auf einer Höhe von etwa 1900 Metern ein breites Schneebrett los. Wie ein Schreckgespenst entwickelte sich die weisse Schneemasse auf einmal zu einer gefährlichen Staublawine und verwüstete im Nu das Restaurant auf der Schwägalp. Ein Schock für alle.

Dass es momentan zu vielen Lawinen wie etwa in der Surselva oder zwischen Hospental und Realp kam, ist nicht ungewöhnlich. So waren seit dem Wochenende bis noch am Montagnachmittag in der Schweiz mehrere Gebiete auf der höchsten Gefahrenstufe. «An der Messstation Weissfluhjoch oberhalb von Davos gab es mit knapp 2,5 Metern noch nie so viel Schnee an einem 14. Januar», sagt Jürg Schweizer vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF). Das sei seit 1933 der Rekord für diesen Tag.

In den nordöstlichen Regionen der Schweizer Alpen betragen die Neuschneesummen der letzten zwei Wochen zwischen zwei und drei Metern. Ähnlich viel Schnee gab es schon vergangenes Jahr im Januar, damals vor allem im Wallis. Im Lawinenwinter 1999 schneite es dagegen innerhalb von fünf Wochen zum Teil sogar fünf bis sieben Meter. Die Situation könne also durchaus noch prekärer sein, sagt Schweizer. Vorerst sehe es gemäss den aktuellen Prognosen aber nicht nach weiteren markanten Niederschlägen aus, wodurch sich auch die Lawinensituation ab Dienstag wieder beruhige und bereits seit Montagabend nur noch die zweitgrösste Gefahrenstufe herrsche.

Monsterlawinen von 1999

Dass es seit Samstagabend in den Alpen so anhaltend und sehr ergiebig schneite, liegt an der starken Nordwest-Staulage. Vor genau zwanzig Jahren trat dieser sogenannte Gebirgseffekt sogar gleich dreimal aufeinanderfolgend über mehrere Tage Ende Januar und vor allem im Februar auf. Dies hatte zur Folge, dass im Alpenraum viele Verkehrswege unterbrochen, ganze Talschaften von der Umwelt abgeschnitten und Hunderttausende von Touristen betroffen waren. Besonders tragisch waren damals die Lawinenniedergänge in Chamonix/Montroc (F) mit 12, Evolène VS mit 12 und Galtür (A) mit 31 Todesopfern.

Gemäss einer Ereignisanalyse von 1999 gab es in der Schweiz rund 1200 Schadenlawinen mit insgesamt 17 Todesopfern in Gebäuden und auf Strassen. Die damit verbundenen direkten und indirekten Sachschäden beliefen sich auf über 600 Millionen Franken. Die umfangreichen Investitionen beim baulichen Lawinenschutz, welche seit dem Lawinenwinter 1950/51 getätigt wurden, hatten sich somit grösstenteils bewährt.

In der ganzen Schweiz waren zuletzt grosse Lawinenniedergänge zu beobachten. Video: Leserreporter 20 Minuten

Im Vergleich mit dem Extremwinter 1999 lag die Zahl der Todesopfer 1950/51 um ein Vielfaches höher, jedoch gab es kaum Lawinenopfer im freien Gelände. Nach 1999 wurden vor allem im Bereich des temporären Lawinenschutzes grössere Anstrengungen unternommen, um die lokalen Sicherheitsdienste bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Dem Schnee zuhören

Um die Gefahr von Lawinen in Zukunft noch besser einschätzen zu können, erstellen die Forscher in Davos Computermodelle. Mithilfe der Simulationsprogramme berechnen sie die Auslaufstrecken, Geschwindigkeit und Druckverläufe der rutschenden Schneemassen. Damit die Ergebnisse realitätsnah sind, überprüfen sie die Daten immer wieder auch an künstlich ausgelösten Lawinen im Versuchsgelände Vallée de la Sionne. Zudem untersuchen sie im Labor die Schnee-Eigenschaften und die Umwandlungsprozesse der Eiskristalle im Detail.

Um Prognosen für das in der Saison zweimal täglich erscheinende Lawinenbulletin zu machen, stützen sich die Lawinenwarner am SLF aber auch auf Rückmeldungen über die aktuelle Lawinenaktivität. Denn kürzlich erfolgte Abgänge sind stets wichtige Informationen für die Einschätzung der sehr komplexen Stabilität der Schnee­decke. Weil direkte Beobachtungen oft allerdings recht unpräzis sind und die Lawinen auch in der Nacht oder bei schlechten Sichtverhältnissen irgendwo abgehen, testen die Wissenschaftler am SLF derzeit auch automatisch funktionierende Detektionssysteme. Mithilfe von Geofonen erfassen sie die von Lawinen ausgelösten Bodenvibrationen im Umkreis von zwei bis drei Kilometern.

«Wir haben die Geofone im Boden eingegraben», sagt Alec van Herwijnen. Um für die Auswertung mögliche Störfaktoren etwa von einem Flugzeug auszuschliessen, benutzen sie ein spezielles Computerprogramm. Ziel ist es, dass sie später einmal von den verschiedenen Messstationen aus die Lawinenaktivität in Echtzeit ermitteln können. Dies ist wichtig, um effizient und schnell vor weiteren Lawinen in einem bestimmten Gebiet zu warnen. Denn oft kommt nicht nur eine allein herunter.

Wettlauf gegen die Zeit

Dass sich in den Bergen eine idyllische Winterlandschaft innerhalb von Sekunden in eine weisse Hölle verwandelt, hängt davon ab, ob in einer Schwachschicht der Schneedecke Brüche entstehen und ob diese sich wie bei einem Dominospiel ausbreiten können. Ist dies der Fall, bildet sich ein Riss über den ganzen Hang und das Schneebrett gleitet ab. Zum Bruch kommt es entweder durch grosse Neu- und Triebschneemengen oder durch eine Zusatzlast wie einem Skifahrer abseits der Piste.

Innerhalb von Sekunden kann eine Schneebrettlawine losbrechen und alles mitreissen. «Sind darunter auch Menschen», sagt Schweizer, «beginnt trotz verbesserter elektronischer Suchgeräte und Rettungsmannschaften ein Wettlauf gegen die Zeit.»

Erstellt: 14.01.2019, 22:52 Uhr

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