Dieser Berg ist auf einmal nicht mehr der höchste

In Schweden ist der höchste Gipfel weggeschmolzen. Auch in der Schweiz sorgt der Gletscherschwund für einschneidende Veränderungen.

Jedes Jahr ein bisschen weniger hoch: Geografin Gunhild Ninis Rosqvist vermisst den Südgipfel des Kebnekaise. Foto: AFP

Jedes Jahr ein bisschen weniger hoch: Geografin Gunhild Ninis Rosqvist vermisst den Südgipfel des Kebnekaise. Foto: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Befürchtet haben es die Forscher schon eine Weile, jetzt ist es offiziell: Schweden hat seinen höchsten Gipfel verloren. Seit den ersten Messungen vor 140 Jahren hielt die eisbedeckte Südspitze des Kebnekaise-Bergs diesen Titel. Aktuell ist sie aber nur noch 2095,6 Meter hoch – das ist der tiefste Stand, der je gemessen wurde und liegt 1,2 Meter unter demjenigen der schneefreien, felsigen Nordspitze.

«Zum ersten Mal seit 1880 können wir mit Sicherheit sagen, dass der Südgipfel tiefer ist als der andere», sagte Gunhild Ninis Rosqvist, Geografin an der Universität Stockholm, gegenüber Medien. Schon letztes Jahr habe man damit gerechnet, nun hätten die Messungen mithilfe von GPS-Technologie Gewissheit gebracht. Das Team um Rosquist von der Tarfala Research Station hat sie vergangene Woche zum Ende der Schmelzsaison durchgeführt.

Vor fünfzig Jahren war der Südgipfel des Kebnekaise noch 24 Meter höher als heute. Das heisst, er hat seither mehr als ein Drittel seines Gletschers eingebüsst, der etwa 60 Meter dick ist. Besonders viel Eis verlor der Berg in den letzten zehn Jahren. Den Forschern zufolge schrumpfte er im Schnitt jährlich um 1 Meter.

«Was hier am Kebnekaise passiert, ist repräsentativ für das Schmelzen aller Gletscher in Skandinavien», sagte Rosquist. «Die Temperaturen haben wegen des Klimawandels nicht nur im Sommer, sondern ganzjährig zugenommen.» Bei vielen Wetterstationen oberhalb des nördlichen Polarkreises in Schweden, Finnland und Norwegen sind dieses Jahr über 32 Grad gemessen und damit neue Rekorde aufgestellt worden.

Die schweizerisch-italienische Grenze hat sich um bis zu 150 Meter verschoben.

Auch in der Schweiz werden Eis und Schnee dazugezählt, wenn die Höhe von Berggipfeln gemessen wird. Das Bundesamt für Landestopografie (Swisstopo) macht dazu mit dem Flugzeug Luftbilder. In Kombination mit gewissen Fixpunkten, die durch Satelliten-Messungen bestimmt werden, und dank entsprechender Soft- und Hardware kann es die Höhe aller Gipfel auf 30 Zentimeter genau bestimmen.

Entscheidend ist der Zeitpunkt der Aufnahme. Je nach Jahreszeit oder infolge kürzlichen Schneefalls kann die Messung anders ausfallen. «Die Höhenangaben ändern sich deshalb immer wieder ein bisschen», sagt Markus Heilig von Swisstopo. Ein Beispiel wie in Schweden, bei dem ein Berg über Jahre schrumpft, ist ihm aber nicht bekannt. Denn bei den meisten Gletschern handelt es sich hierzulande um sogenannte Talgletscher und nicht um solche, die wie eine Eiskappe auf dem Gipfel liegen.

Trotzdem hat der Gletscherschwund auch in der Schweiz grosse Auswirkungen auf die Berglandschaft. Eindrücklich zeigt sich das am Beispiel des Furggersattels, der oberhalb von Zermatt zwischen dem Matter- und dem Theodulhorn liegt. Der Grat ist mit einem Gletscher bedeckt und bildet die schweizerisch-italienische Grenze. Weil das Eis in den letzten Jahrzehnten stark schmolz, hat sich der Grenzverlauf hier um bis zu 150 Meter verschoben.

Im Jahr 1940 lag die Grenze noch auf einer hohen Eisschicht, die sich seither aber stark reduziert hat. Schon im Jahr 2000 war der Gletscher so stark zurückgegangen, dass die Kammlinie nicht mehr auf dem Eis, sondern auf dem Fels verlief und eine Grenzkorrektur nötig war. Dadurch lag die bisher italienische Bergstation der Gletschersesselbahn am Furggsattel plötzlich auf Schweizer Staatsgebiet.

Nicht nur in dieser Region, sondern überall im Land sind die Gletscher unter Druck. Laut dem Schweizer Gletschermessnetz Glamos haben sie in den vergangenen zehn Jahren einen Fünftel ihres Volumens verloren. Forscher der ETH Zürich haben berechnet, dass der grösste Gletscher der Alpen, der Aletschgletscher, bis 2100 fast völlig verschwinden wird, wenn der Klimawandel ungebremst weiter geht.

Ein anderes Problem ist auftauender Permafrost in immer höheren Lagen. Wenn das Eis schmilzt, wird das Gestein instabil, und es drohen mehr Felsstürze. So kann sich das Gesicht eines Bergs auf einen Schlag ändern, wie beim Piz Cengalo in Bondo vor zwei Jahren. Auch das Matterhorn, das Schweizer Wahrzeichen schlechthin, bröckelt. Experten der ETH Zürich haben herausgefunden, dass aufgrund des Klimawandels der Permafrost im Kern des Berges auftaut. Dadurch zieht sich die Eisdecke langsam zurück und nach und nach brechen kleine Teile des Matterhorns ab.

Erstellt: 12.09.2019, 19:17 Uhr

Artikel zum Thema

So sieht der Aletschgletscher in 80 Jahren aus

Welche Aussicht werden Touristen Ende des Jahrhunderts vom Jungfraujoch aus haben? ETH-Forscher haben es berechnet. Mehr...

Das Matterhorn taut langsam auf

Nach einem Felsabbruch am Matterhorn ist klar: Es tut sich etwas im Berg. Was genau, wissen die zuständigen ETH-Forscher noch nicht. Mehr...

Island erklärt seinen ersten Gletscher für tot

Der 700 Jahre alte Gletscher Okjökull ist ein Opfer des Klimawandels. Nur noch eine Gedenktafel erinnert an das geschmolzene Eis. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Hier tanzt man zwangsläufig auf mehreren Hochzeiten: Unzählige Brautpaare versammeln sich vor dem Stadthaus von Jiaxing, China. Sie geben sich bei einer Massenheirat das Ja-Wort. (22. September 2019)
Mehr...