Das Insektensterben ist noch schlimmer als befürchtet

In nur zehn Jahren ist ein Drittel aller Arten verschwunden – Schuld daran dürfte auch die Landwirtschaft haben.

Das Insektensterben ist ein weltweites Phänomen: Eine tote Hornissenwespe liegt auf einem Ast. Foto: iStock

Das Insektensterben ist ein weltweites Phänomen: Eine tote Hornissenwespe liegt auf einem Ast. Foto: iStock

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Eine neue Studie belegt, was viele Fachleute und Naturfreunde schon lange befürchten: Die Zahl und Vielfalt unserer Insekten schrumpft dramatisch – und der Schwund ist noch weitreichender als bisher gedacht.

Ein internationales Team mit Beteiligung der Schweizer Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der Universität Bern hat Daten von 2008 bis 2017 ausgewertet und schlägt Alarm: Im Verlauf von nur zehn Jahren ist ein Drittel aller Insektenarten verschwunden, wie die Ökologen im Fachblatt «Nature» schreiben.

Viele der fast 2700 untersuchten Insektenarten sind demnach rückläufig. Vor allem seltene Arten verschwanden komplett. Den stärksten Rückgang stellten die Forschenden dabei auf Flächen fest, die in stark landwirtschaftlich genutzter Umgebung lagen.

Auf Wiesen hat die Anzahl gefundener Arten im Studienzeitraum um 34 Prozent abgenommen. Sesshafte Insektengruppen sind hier besonders betroffen, weil sie keine grossen Distanzen überwinden und negativen Einflüssen vor Ort nicht entkommen können. Für sie ist die intensive Nutzung der Landschaft auf offenen Flächen ein grosses Problem. Allerdings lasse sich noch nicht beantworten, welche Rolle Lebensraumverlust, verstärkter Gebrauch von Insektiziden oder die Verwendung potenterer Insektizide spielen, halten die Forschenden fest.

«Einen solchen Rückgang haben wir nicht erwartet – das ist erschreckend.»Wolfgang Weisser, Technische Universität München

Ob und wie stark auch Wälder vom Insektenschwund betroffen sind, war bisher unklar. Auch hier stellten die Wissenschaftler einen Rückgang der Anzahl Arten fest, und zwar um 36 Prozent. Sowohl forstwirtschaftlich genutzte Nadelwälder als auch ungenutzte Wälder in Schutzgebieten haben der Studie zufolge an Insekten eingebüsst.

Anders als auf Wiesen nahmen im Wald insbesondere Arten ab, die weite Strecken zurücklegen. Hier ist ein möglicher Zusammenhang mit der Landwirtschaft allerdings noch unklar: «Ob mobilere Arten aus dem Wald während ihrer Ausbreitung stärker mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen oder ob die Ursachen doch auch mit den Lebensbedingungen in den Wäldern zusammenhängen, müssen wir noch herausfinden», erklärte Martin Gossner von der WSL der Nachrichtenagentur SDA.

Klar ist: Nicht nur die Artenvielfalt, auch die Gesamtmenge an Insekten geht zurück, und das dramatisch: Die Insekten-Biomasse in den Wäldern nahm während der zehn untersuchten Jahre um 41 Prozent ab. In den Wiesen war der Rückgang mit 67 Prozent sogar noch deutlich grösser.

«Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet – das ist erschreckend, passt aber in das Bild, das immer mehr Untersuchungen zeichnen», sagt Wolfgang Weisser, ein Mitautor der Studie. Problematisch an vielen bisherigen Studien war, dass sie häufig nur bestimmte Arten an ausgewählten Standorten und über teils kurze Zeiträume untersuchten.

Für die neue Studie sammelte das internationale Forschungsteam über eine Million Tiere an fast 300 Standorten in drei Regionen Deutschlands: Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg. Darunter waren sehr natürliche bis zu land- oder forstwirtschaftlich stark genutzte Flächen.

«Bei der Nutzung von Insektiziden gibt es zwischen der EU und der Schweiz keine grossen Unterschiede.»Markus Fischer, Universität Bern

Erfasst wurden die Daten zwar in Deutschland, die gewählten Landschaften seien jedoch vergleichbar mit verschiedenen Regionen in der Schweiz, erklärte Markus Fischer von der Universität Bern gegenüber der SDA: «Bei der Nutzung von Düngemitteln und Insektiziden gibt es zwischen der EU und der Schweiz keine grossen Unterschiede.»

Für die Schweiz fehlt es bisher an Daten über den Insektenschwund. Um die Wissenslücken zu schliessen, hat Fischer mit Kollegen einen Antrag beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) für einen Nationalen Forschungsschwerpunkt zu Ursachen und Folgen des Biodiversitätsverlusts in der Schweiz eingereicht. Bei positivem Entscheid könnte eine umfassende Langzeitstudie frühestens nächstes Jahr starten und müsste dann einige Jahre laufen. «Aber besser spät als nie», so der Forscher.

* mit Material der SDA

Erstellt: 31.10.2019, 19:17 Uhr

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