«Eine gigantische Umverteilung beginnt»

Das Klima sei ähnlich gewesen wie heute, als die mesopotamische Kultur verblüht sei, sagt Klimaforscher Heinz Wanner. Auch damals wanderten Völker aus.

Ist in die aktuelle Debatte über Klimaflüchtlinge «reingerutscht»: Heinz Wanner, Wissenschaftler und Buchautor. Foto: Valérie Chételat

Ist in die aktuelle Debatte über Klimaflüchtlinge «reingerutscht»: Heinz Wanner, Wissenschaftler und Buchautor. Foto: Valérie Chételat

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Herr Wanner, die Überschwemmungen der letzten Tage wurden sofort mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Was halten Sie von solchen Reflexen?
Ich bin da vorsichtig. Erst wenn sich solche Ereignisse über längere Zeit statistisch häufen, ist anzunehmen, dass ein Teil davon vom Menschen verursacht ist.

Was ist denn zum Beispiel in Süddeutschland geschehen?
Zuerst lag ein stationäres Höhentief über Zentraleuropa, ein Kaltlufttropfen. Er blieb liegen, weil die Jetstreams nördlich davon vorbeizogen. Nun kam feucht-warme Luft aus Südwesten dazu, und dies führte zu starken Niederschlägen. Für diese Jahreszeit ist das nicht aussergewöhnlich.

Nehmen solche Ereignisse im voralpinen Raum zu?
Regionale Niederschlagstrends sind schwierig zu beurteilen. Im Sommer nehmen die Niederschläge nördlich der Alpen tendenziell ab, werden dafür aber extremer. Im Winter nehmen sie leicht zu. Südlich der Alpen ist im Sommer eher die Trockenheit ein Thema. Global gesehen werden die Tropen feuchter, die äusseren Tropen und Subtropen trockener und die Pole wiederum feuchter. Dieses Muster gab es in der Erdgeschichte noch kaum je so deutlich wie heute. Das hat mit der vom Menschen verursachten CO2-Zunahme zu tun.

«Die Grösse und Blüte Roms war für die Völker sehr wichtig.»

Hat der Klimawandel den südalpinen Raum denn bereits in die Subtropen verschoben?
Im Winter gehört der Mittelmeerraum zur Westwindzone. Im Sommer aber bereits zu den Subtropen. Darum ist der Mittelmeerraum im Sommer derart trocken. In den letzten Jahrzehnten gab es starke Trockenheit in der Po-Ebene, aber auch im Vinschgau oder im Wallis.

Klimawandel und Migration werden heiss debattiert. Sie haben das Thema nun als einer der Ersten untersucht – und beweisen damit einen guten Riecher.
Nein, nein. Ich bin mit dem Buch in die aktuelle Debatte über Klimaflüchtlinge «reingerutscht». Im Holozän gab es immer wieder Phasen der Migration. Es gibt populäre Bücher über klimabedingte Kollapse von Kulturen. Ich finde, dass die Dinge komplexer sind. Manchmal spielt das Klima eine grosse Rolle beim Untergang einer Kultur, manchmal weniger. Bisher ging man zum Beispiel davon aus, dass die europäische Völkerwanderung von einer Klimaverschlechterung ausgelöst wurde. Das Klima spielte da zwar eine Rolle, war aber nicht sehr entscheidend.

Gemäss Ihren Erkenntnissen sind die ersten Völker vor der Abkühlung losgewandert.
Die Kimbern und die Teutonen zogen ums Jahr 113 vor Christus von Norden nach Süden los. Das war in der Warmzeit der frühen Römerzeit, als ein günstiges Klima herrschte. Bei der zweiten Welle mit den Franken und Goten spielte die Politik der Römer eine Rolle, die ihre Grenzen im Osten durch andere Völker absichern wollten.

Aber am Ende der Römerzeit wurde das Klima unbestritten kühler.
Im sechsten und siebten Jahrhundert nach Christus gab es gewaltige Vulkanausbrüche, die zu einer Abkühlung führten. Die Völker sind aber vorher losmarschiert. Es spielten eben nicht nur Push-, sondern auch Pull-Faktoren eine Rolle. Natürlich gab es einen gewissen Bevölkerungsdruck, zum Beispiel wegen der Hunnen. Aber die Prosperität des Römerreichs, die schönen Gebäude sowie die Grösse und Blüte Roms waren auch wichtig. Die Völker waren besser darüber informiert, als wir heute meinen.

Die Völker suchten ein besseres Leben im Römerreich – wie dies heute viele in Europa suchen?
Genau. Ich bin überzeugt, dass dies auch bei den Helvetiern mitentscheidend war, als sie ihr Glück im heutigen Südfrankreich suchen wollten und im Burgund von den Römern gestoppt wurden.

Vor sieben Jahren stellten Sie erstmals die Frage nach dem Klima als möglicher Ursache der aktuellen Migration. Können Sie zumindest diese Frage heute beantworten?
Die klimatischen Ursachen von Migration sind heute unbestritten. Aber die von Trockenheit gebeutelten Subtropen sind heute auch voller sozialer Unrast und Kriege. In Syrien, Libyen und dem Sudan dürfte der Push-Faktor Krieg viel wichtiger sein als das Klima.

Der Hauptharst der Leute, die heute übers Mittelmeer kommen, stammt aber aus Westafrika, das heisst aus Ländern ohne Krieg.
Sie kommen aus Gebieten mit extremer Trockenheit. Ich rede nie von der globalen Erwärmung, sondern vom globalen Klimawandel. Dieser wird zu einem Kampf ums Wasser führen. In Nordafrika, Lateinamerika und Asien breitet sich die Trockenheit aus. Es gibt heute im Himalaja dicht bevölkerte Täler, die durch den Gletscherschwund in tieferen Lagen im Sommer kaum mehr Wasser haben. Diese Leute werden früher oder später auswandern. Wir stehen am Anfang einer gigantischen Umverteilung der Menschheit. Ein ähnliches Phänomen gab es erst einmal, vor 4200 Jahren, allerdings noch nicht in einem globalen Massstab.

Als das akkadische Reich in Mesopotamien unterging?
Genau. Damals ist der nördliche Monsungürtel teilweise kollabiert. Dies führte nicht nur zu Trockenheit im Zweistromland, sondern auch im mittleren Westen Nordamerikas und in der Sahara, wo das alte Ägypten betroffen war. Trockenheit gab es zudem auch im heutigen Pakistan, Indien und China.

Das ist eine ziemlich ähnliche Ausgangslage wie heute.
Ja, aber es spielen noch andere Faktoren eine Rolle: In den letzten 10'000 Jahren nahm die Sonneneinstrahlung im Sommer auf der Nordhalbkugel wegen Veränderungen der Erdachsenschiefe und von deren Kreiselbewegung massiv ab. Dieser Rückgang verlief nicht ganz linear und wurde vor 4200 Jahren wohl sprunghaft wirksam. Der Zusammenbruch der betroffenen Kulturen erfolgte relativ schnell. Der Prozess lief aber auch umgekehrt: 300 bis 400 Jahre nach dem Ende des akkadischen Reichs rückte der Monsun wieder ins Zweistromland vor.

Was ist heute denn anders?
Heute haben wir einen schleichenden Prozess der Erwärmung. Und es stecken nicht mehr «nur» die Bewegungen der Erdbahn dahinter, sondern auch die vom Menschen verursachte Zunahme des CO2.

Im Unterschied zu heute migrierten damals die Völker aber nicht, sondern starben aus?
Das wird immer wieder behauptet. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Die grösste Population damals war die Indus- oder Harappan-Kultur im heutigen Pakistan und Indien. Ein Teil dieser Menschen wanderte offenbar an die Oberläufe des Indus und des Ganges aus. Die wussten, dass es andernorts feuchter war. Auch Jahrtausende später gingen Völker wie die Pueblos oder die Maya nicht einfach unter, sondern wanderten zum Teil aus.

Und heute weiss jeder, wo der Reichtum ist, und darum machen sich die Völker auf die Socken?
Der Ökonom Branko Milanovic vertritt in diesem Zusammenhang eine interessante These: Wenn die reichsten zehn Prozent eines armen Landes gleich viel Geld besitzen wie die ärmsten zehn Prozent eines reichen Landes, wollen die Menschen des armen Landes ihre Zukunft im reicheren Land suchen.

Wie stark spielt nun die Ökonomie, wie stark spielt das Klima eine Rolle bei der Migration?
Das kann ich als Klimaforscher nicht sagen. Ich kann bloss sagen, dass künftig deutlich mehr als die Hälfte der Energieveränderungen in Atmosphäre und Ozean vom Menschen herrühren wird. Und ich bin überzeugt, dass das Klima bei der Migration eine zunehmend wichtigere Rolle spielen wird.

Was können wir heute vom klimabedingten Untergang der Maya oder der Wikinger lernen?
Wir können lernen, dass es langfristige Mechanismen der Erdbewegung gibt, die zu massiven Klimaveränderungen führen können. Die ellipsenförmige Bewegung der Erde um die Sonne und die Lage der Erdachse sind mitverantwortlich für die Eiszeiten. So betrachtet wären wir jetzt eigentlich in einem kühlen Modus. Eine solche Konstellation hat vor der rasanten Zunahme des CO2 in der Atmosphäre zum Untergang von Kulturen oder zu Migration geführt.

Können Klimaverschlechterungen nicht auch zu Innovation führen? Im 15. Jahrhundert starben die Wikinger in Grönland wegen der Kleinen Eiszeit aus. Die Thule-Kultur im Westen hat aber überlebt.
Grönland ist ein Paradebeispiel für die unterschiedlichen Reaktionen von Völkern auf den Klimawandel: Die Wikinger blieben bei der Viehwirtschaft, die wegen der Gletschervorstösse unmöglich wurde, und gingen deshalb ein. Die Menschen in der Thule-Kultur hingegen beherrschten zunehmend Land- und Meeresjagd. Sie entwickelten Kajak, Tranlampe und Grassoden-Häuser.

Die Wikinger hatten ja Amerika entdeckt. Warum sind sie nicht einfach nach Amerika migriert?
Es gibt eine Wikinger-Siedlung in Neufundland. Dort war das Klima aber nicht günstiger als in Süd-Grönland.

In Europa hat die Kleine Eiszeit zur Erfindung des Kapitalismus geführt, sagt der Historiker Philipp Blom.
Das ist eine grosse Debatte unter Historikern, in die ich mich nicht einmischen möchte. Führt eine Abkühlung zwangsläufig zum Kollaps? Kann sie nicht bei starker Anpassung auch zu einem Innovationsschub führen? Sicher ist, dass Wassermangel wie in Mesopotamien zum Untergang führt.

Ein Indiz für Bloms These könnte die Gründung der Stadtstaaten in Norditalien im 13./14. Jahrhundert sein – als es in Europa kälter wurde.
In Randgebieten wie in Grönland schlagen bei einer Abkühlung die Wetter-Extreme zu. In Kerngebieten aber kann ein heisses und feuchtes Gebiet wie die Po-Ebene kühler und angenehmer werden.

«Die Wikinger blieben bei der Viehwirtschaft und gingen ein.»

Unter welchen Voraussetzungen kann ein Volk innovativ auf Klimaveränderungen reagieren?
Es braucht eine gewisse Minimaltemperatur. Und es braucht Wasser. Meeresnähe wirkt sich meist auch positiv aus.

An der letzten Klimakonferenz in Paris wurde beschlossen, die Temperaturzunahme auf 1,5 Grad zu beschränken. Reicht dies aus, um die Migration zu stoppen?
Das ist ein wesentlicher Beitrag dazu. Aber wenn wir die soziale Ungleichheit in den Herkunftsländern der Migranten und zwischen Norden und Süden nicht beheben können, wird es nicht gelingen.

Sie schreiben, dass es bereits vor 17'700 Jahren einen starken Anstieg der CO2-Konzentration gegeben hat. Wie einmalig ist die heutige Erwärmung denn?
In der Erdgeschichte gab es immer Zeiten mit starker Ausgasung von CO2 aus den Ozeanen. Es gibt seit jeher natürliche Schwankungen des CO2-Gehalts in der Atmosphäre. Aber der heutige Zuwachs ist derart schnell und stark, dass er nicht nur natürlich bedingt sein kann.

Seit 2001 steigen die Temperaturen von Atmosphäre und Ozeanen nicht mehr an. Warum?
Das hat stark mit der Energiebilanz der Erde zu tun. Ozean und Atmosphäre nehmen die Zusatzenergie unterschiedlich auf. Wenn der Ozean an der Oberfläche kühl ist, verliert die Atmosphäre viel Energie an den Ozean. Seit kurzem sind die Temperaturen wieder am Steigen.

Also hat der Ozean viel Energie absorbiert in den letzten Jahren?
Genau. Es ist ein völlig normales Phänomen. Aber es gibt hier sicher noch zusätzlichen Erklärungsbedarf.

Als Beleg für den Klimawandel gilt der Gletscherschwund. Warum hat das Ende der Kleinen Eiszeit vor der Industrialisierung eingesetzt?
In der Kleinen Eiszeit gab es nacheinander vier Phasen mit grossen Vulkanereignissen. Gleichzeitig war die Sonnenaktivität schwach. Dies führte zu einer langfristigen Abkühlung der Ozeane. Mitte des 19. Jahrhunderts klang dieser Effekt wieder ab.

Warum stiess der Obere Grindelwaldgletscher aber noch 1983 wieder vor?
Mitte der 1970er-Jahre gab es eine grosse Umstellung der Ozeanzirkulation im Pazifik. Es gab sehr strenge Winter. Diese Serie strenger Winter führte Anfang der 80er-Jahre zu Gletschervorstössen. Wir verstehen das Klima global sehr gut. Aber regional und lokal gibt es viele offene Fragen. Der Gletscherschwund ist in der Tat nicht nur auf die Klimaveränderung durch den CO2 zurückzuführen. Er ist das Resultat eines Zusammenspiels verschiedener Faktoren.


Zur Person

Der heute 71-jährige Heinz Wanner war von 1988 bis 2010 Professor für Klimatologie und Meteorologie an der Universität Bern und Leiter des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung. Von 2001 bis 2008 stand er zudem dem nationalen Forschungsschwerpunkt Klima vor. Der renommierte Wissenschaftler war auch als Gutachter für den Weltklimarat tätig. Im Humboldt-Jahr 2009 erhielt er die Ehrendoktorwürde für Geografie der Humboldt-Universität in Berlin. Für die Recherchen zu seinem neuen Buch «Klima und Mensch – eine 12'000-jährige Geschichte» hat er sein engeres Forschungsgebiet verlassen und mit Archäologen zusammengearbeitet. Wanner ist Vater einer Tochter und lebt in Boll. (Der Bund)

Erstellt: 14.06.2016, 17:45 Uhr

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