Eine Schatzkammer auf dem Engadiner Schafberg

In gefrorenem Boden lebt eine erstaunliche Vielfalt an Mikroorganismen.

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In gefrorenem Boden lebt eine erstaunliche Vielfalt an Mikroorganismen.

Die Flanken des Schafbergs bei Pontresina sind ein beliebtes Ziel von Permafrostforschern. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) studiert seit bald 20 Jahren die gefrorenen Böden auf knapp 3000 Metern über Meer. Der Boden auf der Nordwestseite des Berges taut und gefriert saisonal bis in eine Tiefe von 1 Meter. Unter dieser aktiven Schicht, so zeigen Messungen in einem Bohrloch seit 1996, ist der Boden permanent gefroren. Der Permafrost reicht mindestens bis in eine Tiefe von 17,5 Metern. SLF-Forscher gehen davon aus, dass dieser Boden seit der letzten Eiszeit nicht mehr aufgetaut ist. Kaum vorstellbar, dass unter diesen extremen Bedingungen Leben möglich ist. So wurden Wissenschaftler der WSL in Birmensdorf überrascht. «Sehr sogar», sagt Mikrobiologe Beat Frey. Die WSL-Forscher fanden mithilfe von genetischen Untersuchungen die höchste Vielfalt an Mikroorganismen im Permafrost, nicht im aktiven Oberboden, in dem die Mikroorganismen während der Tauprozesse Sauerstoff und Nährstoffe erhalten.

Vor allem Bakterien sowie Hefe- und Flechtenpilze sind im Permafrost reichlich vorhanden. «Wir fanden viele ungewöhnliche Bakterien, die in der Arktis oder in Sibirien auch entdeckt wurden, über die wir aber nur sehr wenig wissen», sagt Frey. So kennen die Wissenschaftler vorläufig nur den genetischen Verwandtschaftsgrad der Organismen, jedoch nicht deren Stoffwechseleigenschaften und Funktionen. Künftig wollen sie deshalb verschiedene entdeckte Bakterien kultivieren, was allerdings aufwendig ist und Monate dauern kann. «Wir kennen die speziellen Wachstumsbedürfnisse der Bakterien nicht», sagt Frey. Die Mikrobiologie im hochalpinen Permafrost ist praktisch Neuland. Schlummern die Bakterien im gefrorenen Boden, oder sind sie aktiv? Von Hefepilzen ist bekannt, dass sie bei minus 7 Grad und ohne Licht den Stoffwechsel aufrechterhalten können. Für WSL-Forscher Martin Hartmann, Mitautor der Studie, ist der Permafrost des Schafbergs jedenfalls eine Schatzkammer, deren Wert jedoch noch nicht bekannt ist. Unter den Bakterien könnten Organismen sein, die beispielsweise nützliche Enzyme für die Lebensmitteltechnologie liefern. Möglich ist aber auch, dass für den Menschen gefährliche Mikroben darunter sind. Theoretisch können die Permafrost-Organismen mit dem Schmelzwasser auch ins Trinkwasser gelangen, sollten die gefrorenen Böden durch den Klimawandel auftauen. In den nächsten Jahren sollen nun weitere Studien im Alpenraum folgen. In einem EU-Forschungsprogramm, das im April startet, wird der Fund in den Alpen mit Entdeckungen in arktischen Gebieten wie Grönland verglichen. Martin Läubli

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2016, 17:48 Uhr

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