Ergründerin der menschlichen Existenz

Anna-Sapfo Malaspinas erforscht anhand von DNA-Daten die Genese des modernen Menschen. Der Homo sapiens hat Afrika demnach in einer einzigen grossen Welle verlassen.

Die Resultate ihrer eigenen Studie hätten sie überrascht, sagt Anna-Sapfo Malaspinas. Foto: S. Agnetti (13 Photo)

Die Resultate ihrer eigenen Studie hätten sie überrascht, sagt Anna-Sapfo Malaspinas. Foto: S. Agnetti (13 Photo)

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In ihrem noch jungen Forscherleben ist Anna-Sapfo Malaspinas schon weit herumgekommen. Sie war unter anderem auf den Osterinseln, in Brasilien und in Australien – alles Orte, wo noch indigene Völker leben, die Malaspinas untersucht. Ihre Doktorarbeit schrieb sie in Berkeley (Kalifornien), danach forschte sie vier Jahre in Kopenhagen und zwei Jahre in Bern. Mitte 2017 hat sich der Kreis der in Genf als Tochter griechischer Einwanderer geborenen Weltenbummlerin vorerst (fast) wieder geschlossen: Die 35-Jährige wurde im Mai 2017 als Assistenzprofessorin für Evolutionsbiologe und Bioinformatik an die Universität Lausanne berufen.

So wirblig und vielfältig wie ihre bisherige Karriere als Forscherin ist Anna-Sapfo Malaspinas auch als Person. Sie kann es irgendwie gar noch nicht fassen, dass sie jetzt Professorin ist, sie sprüht vor Ideen, wirkt immer leicht überdreht, findet ziemlich vieles «cool» und lacht häufig während unseres Gesprächs in ihrem kleinen, noch karg eingerichteten Büro im Gebäude Génopode auf dem Campus der Uni Lausanne. Und kaum etwas deutet in dem eher schmucklosen Raum darauf hin, dass sich hier – und in Malaspinas’ Forschung – alles um die ganz grossen Fragen der menschlichen Existenz dreht: Woher kommen wir? Wo liegen die gemeinsamen Wurzeln aller heute lebenden Menschen? Wie haben unsere Vorfahren die Welt erobert?

Malaspinas ist keine klassische Paläoanthroplogin, die mit Handschaufel, Kelle und Pinsel im Feld nach fossilen Überresten von Urmenschen buddelt, die alten Knochen dann mit anderen Fossilfunden vergleicht und so den Stammbaum des Menschen zu rekonstruieren versucht. Sie arbeitet vielmehr mit dem Computer. Das Material, das ­Malaspinas untersucht und verarbeitet, sind DNA- respektive Erbgutdaten verschiedener menschlicher Populationen, sowohl von heute lebenden als auch von lange ausgestorbenen.

Schon eine ihrer ersten Publikationen verfasste sie, noch als Doktorandin, als DNA-Datenjägerin in einem Team mit Svante Pääbo, dem wohl bekanntesten Urmensch-DNA-Forscher vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. In der Studie analysierten Malaspinas, Pääbo und über 20 andere Forscher das sogenannte Mitochondrien-Erbgut eines 38 000 Jahre alten Neandertalers. Aufgrund ihrer Analyse konnten die Forscher berechnen, dass der letzte gemeinsame Vorfahr von Neandertalern und modernen Menschen vor rund 520'000 bis 800'000 Jahren gelebt hat.

Viele Zufälle und grosse Unterstützung

Ihre bisherige Laufbahn, sagt Malaspinas, sei viel vom Zufall und von grosser Unterstützung verschiedenster Menschen und Geldgebern geprägt gewesen. Dass es sie nach Kalifornien verschlug, hing zum Beispiel mit ihrem damaligen Freund zusammen. «Ich war verliebt in diesen Mann, der nach Berkeley ging, und ich dachte, das scheint ja ein cooler Ort zu sein.» Erst später habe sie realisiert, welch hohes Prestige und Renommee die University of California, Berkeley, geniesse.

Der nächste Zufall überraschte sie im Labor des dänischen Evolutionsgenetikers Eske Willerslev in Kopenhagen. Dorthin kam sie 2010, mit der Dissertation in der Tasche, und es ging nicht lange, bis ihr Willerslev ein einmaliges Projekt anbot. Es ging darum, die DNA von knapp 100 australischen Ureinwohnern zu sammeln und deren gesamtes Erbgut zu analysieren. Das konnte Malaspinas natürlich nicht alleine, sondern nur als Teil eines grossen Teams mit über 70 Forschern. 2016 publizierte das Team die Studie im renommierten Wissenschaftsmagazin «Nature», Malaspinas war Erstautorin.

Der Aufsatz warf hohe Wellen – über die Fachwelt hinaus. Denn die DNA-Daten der australischen Aborigines verrieten auch einiges über die Migration des Homo sapiens aus Afrika. Dass der moderne Mensch seinen Ursprung vor etwa 200'000 Jahren auf dem schwarzen Kontinent hatte, ist wissenschaftlich unbestritten. Unklar ist jedoch, wann und wie er sich aufmachte, den Rest der Welt zu besiedeln. Geschah dies in einer oder mehreren Wellen? Die Studie von Malaspinas und Co. deutet darauf hin, dass die Aborigines, Asiaten und Europäer einen gemeinsamen Vorfahren hatten, der vor rund 60 000 Jahren in Afrika oder nahe Afrika – etwa auf der arabischen Halbinsel – gelebt hat. Das würde bedeuten: Der Mensch hat Afrika in einer einzigen grossen Welle verlassen.

Die Resultate hätten sie selbst überrascht, sagt Malaspinas. Sie habe geglaubt, dass der Mensch Afrika in mehreren Wellen verlassen habe. «Doch das fanden wir nicht in den Daten.» Wetten würde sie indes auch nicht auf ihre Interpretation und lacht wieder. «Kleinere Auswanderungswellen zu früheren Zeitpunkten können wir nicht ausschliessen.» Malaspinas liebt ihren Job, wie sie gerne betont, und möchte ihre Begeisterung auch an die Öffentlichkeit tragen. Letzten Herbst liess sie daher zusammen mit einem Team von Profis im Genfer Musée d’Ethnographie die «Génome Odyssée» aufführen – ein Theaterstück für Kinder. Darin ging es um die Frage: Woher stammen wir Menschen? Nach einer der Vorstellungen habe sie Kindern zugehört, wie sie über das Stück diskutierten. «Das heisst doch, wir sind Brüder», habe ein Kind zu einem anderen gesagt. Und genau das sei ein Schlüssel­gedanke gewesen, den sie vermitteln wollte.

Physik und Biologie studiert

Dass sie eine derart steile Karriere als Forscherin hinlegen würde, darauf habe in der Schule nichts hingedeutet, sagt Malaspinas. «Ich war gleichermassen an Literatur, Sprachen und Wissenschaft interessiert.» Die Forschung habe sie erst entdeckt, als sie im Chemielabor ihres Götti schnup­pern durfte. Eigentlich wollte sie dann Biophysik studieren, doch dieses Fach gabs an der Uni Genf nicht. Sie entschied sich daher für ein Doppelstudium in Biologie und Physik – parallel und mit doppeltem Masterabschluss. Wie bitte? «Ich habe sehr viel gearbeitet, aber ich hatte auch coole Vorlesungen.»

Dass sie dann in der Populationsgenetik gelandet sei, habe auch wieder mit dem Zufall zu tun, sagt Malaspinas, allerdings aus einem anderen Grund: «Ehrlich gesagt, mich haben vor allem die scheinbar zufälligen Prozesse interessiert, die zu solch komplexen Organismen wie den Menschen geführt haben.» Die Populationsgenetik sei eines der interessantesten Forschungsfelder an der Schnittstelle zwischen zufälligen, sogenannt stochastischen Prozessen und der Biologie. «Ich spürte, dass die Evolution das Leben ausmacht, und ich interessiere mich sehr für das Leben.»

Das geniesst sie selber auch. Sie gehe gerne ins Theater, ins Kino, mit Kollegen etwas trinken, sagt Malaspinas, und sie treibe auch gerne Sport. Nichts könne sie besonders gut, aber sie habe schon vieles ausprobiert: Judo, Triathlon, Windsurfen. «Ich hoffe, dass ich in Lausanne endlich auch segeln lernen kann.» Vielleicht macht sie ihre nächste Weltreise dann auf dem Segelschiff.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2018, 17:59 Uhr

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