1000-mal so schädlich wie Kohlendioxid

In Klimaanlagen und Kühlschränken stecken klimaschädliche Treibhausgase. Nun sollen sie um 80 Prozent reduziert werden.

Kühlmittel schonen zwar die Ozonschicht, sind aber klimaschädliche Treibhausgase – an der friesischen Insel Wierum gestrandete Kühlschränke von der «MSC Zoe». Foto: Imago

Kühlmittel schonen zwar die Ozonschicht, sind aber klimaschädliche Treibhausgase – an der friesischen Insel Wierum gestrandete Kühlschränke von der «MSC Zoe». Foto: Imago

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Wer denkt schon an das Schlimmste, wenn die Klimaanlage im Auto kühlt oder der Kühlschrank die Lebensmittel frisch hält. Im besten Fall erinnert man sich an die FCKW, die Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die in den 1980er- und 1990er-Jahren als Kühlmittel eingesetzt wurden und Schlagzeilen machten – die Sub­stanzen schädigen die lebenswichtige Ozonschicht in der Stratosphäre, der Luftschicht in 10 bis 50 Kilometer Höhe.

Das Problem schien gelöst, als 1987 ein völkerrechtlich verbindliches Umweltabkommen, das Montreal-Protokoll, die Produktion und den Verbrauch von FCKW schrittweise verbot. Seither nehmen die gefährlichen Substanzen in der Atmosphäre kontinuierlich ab.

Gefährliche Ersatzstoffe

Doch auch Erfolgsgeschichten verlaufen nicht immer ohne Nebenwirkungen. Die Industrie hat nämlich den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Die FCKW wurden durch Fluorkohlenwasserstoffe (FKW) ersetzt. Die Ersatzsubstanzen enthalten zwar kein Chlor mehr, das die Ozonmoleküle in der Atmosphäre zerstört. Dafür sind sie starke Treibhausgase, die bereits bei ihrem Gebrauch oder bei nicht sachgerechter Entsorgung reichlich in die Luft entweichen. Die Substanzen stecken heute weltweit in Kühlsystemen von mehr als 100 Millionen Kühlschränken, ausserdem in Klimaanlagen für Haushalte und Autos, in Spraydosen und Lösungsmitteln.

Sollte der Gehalt an FKW weiter wachsen wie bisher, nämlich um 10 bis 15 Prozent pro Jahr, würden allein sie bis Ende dieses Jahrhunderts eine globale Erwärmung von 0,3 bis 0,5 Grad Celsius verursachen. Das schätzen Wissenschaftler im Ozon­bericht, den die internationale Wetterorganisation WMO und die UNO-Umweltagentur Unep im Dezember des vergangenen Jahres veröffentlicht haben.

Zwar ist die Lebensdauer der FKW in der Atmosphäre deutlich kürzer als die des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2). Aber: «Einige dieser fluorhaltigen Gase sind mehr als 1000-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid», sagt Thomas Peter, Professor für Atmosphärenchemie an der ETH Zürich.

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Die internationale Umweltpolitik hat frühzeitig reagiert. Seit Anfang Jahr sind neue Auflagen im Rahmen des Montreal-Protokolls in Kraft. Sie verlangen in den nächsten dreissig Jahren eine Reduktion der FKW um mehr als 80 Prozent. Dieser Zusatz wurde vor zwei Jahren im ruandischen Kigali verabschiedet. «Durch das historische Abkommen von Kigali, kombiniert mit dem Pariser Klimaabkommen, könnte es uns vielleicht gelingen, die menschgemachte globale Erwärmung unter 2 Grad zu halten», sagt Atmosphärenforscher Thomas Peter. Diese Temperaturgrenze ist im Pariser Abkommen festgelegt.

Wirksamer Umweltvertrag

Bis das Kigali-Abkommen allerdings zustande kam, brauchte es viel politische Überzeugungsarbeit. Die FKW gehörten bereits im Kyoto-Protokoll, dem Vorgängervertrag des Pariser Abkommens, zu den sechs Treibhausgasen, deren Ausstoss gesenkt werden muss. Weil die internationale Klimapolitik damals jedoch blockiert war, entstand politischer Druck, die Herstellung und den Verbrauch von FKW im Montreal-Protokoll zu regeln.

Im Zentrum der Verhandlungen standen wie in der Klimapolitik die grossen Schwellenländer China, Indien und Brasilien, die zu den grössten Produzenten von FKW gehören. «Die Entwicklungsländer haben einen Nachholbedarf für Kühlmittel, ohne Kigali-Abkommen würden zum Beispiel in China und Indien riesige Lager an FKW entstehen», sagt Stefan Reimann von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt.

So entwickelt sich das Montreal-Protokoll, das eigentlich die Erholung der Ozonschicht zum Ziel hat, zu einem Vertrag gegen den Klimawandel. «Das Abkommen hat bisher effektiver zum Klimaschutz beigetragen als die Klimaabkommen», sagt Michaela Hegglin, Ozonforscherin an der britischen Universität Reading. Denn die verbotenen FCKW zerstören nicht nur Ozon, sie erwärmen auch die Atmosphäre, sind also wie CO2 Treibhausgase. Die bisherige Reduktion der ozonabbauenden Substanzen entspricht etwa einer Senkung des Kohlendioxids jährlich um 9 bis 12,5 Milliarden Tonnen. Das Klimaabkommen von 1997, das Kyoto-Protokoll, führte dagegen lediglich zu einer jährlichen Reduktion der Treibhausgase um 2,5 Milliarden Tonnen.

Veränderte Ozonverteilung

«Das Kigali-Abkommen hat auch aus Sicht der Ozonforschung grosse Bedeutung, weil der Klimawandel sich zunehmend auch auf das stratosphärische Ozon auswirkt», sagt Johannes Staehelin, pensionierter Professor am ETH-Institut für Atmosphäre und Klima in Zürich. Er beschäftigt sich seit Ende der 80er-Jahre mit der langfristigen Entwicklung der Ozonschicht.

Die Erderwärmung, so zeigten Klimamodelle, dürfte die globale Verteilung des Ozons in der Stratosphäre verändern. Das Gas wird grundsätzlich über den Tropen gebildet, Winde transportieren es dann in die mittleren Breiten. Dieser Prozess könnte durch die Erderwärmung beschleunigt werden.

«Das führt möglicherweise zu einem grossen Defizit über den Tropen, dafür zu mehr Ozon in unseren Breiten», sagt Ozonforscherin Michaela Hegglin. Das hiesse: Der Klimawandel würde bei der Erholung der Ozonschicht in den mittleren Breiten mithelfen. Es könnte sogar dazu führen, dass der Ozongehalt über den Wert der vorindustriellen Zeit steigt.

Hegglin denkt dabei bereits weiter: «Auch wenn es zu dieser Theorie noch viele Fragezeichen gibt. Ein allzu hoher Ozonwert würde die normale UV-Strahlung reduzieren, was auf die Gesundheit des Menschen Einfluss haben könnte, es würde zum Beispiel schwieriger, genug Vita­min D zu produzieren.»

Erstellt: 28.01.2019, 09:50 Uhr

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