«Es fehlt der politische Wille für einen besseren Schutz der Meere»

Seerechtsexpertin Nele Matz-Lück sagt, die Ozeankonferenz der Vereinten Nationen könne keines der dringenden Umweltprobleme lösen.

Plastikmüll: Eine Vietnamesin sammelt den Abfall im Fischerhafen von Ly Son Island.

Plastikmüll: Eine Vietnamesin sammelt den Abfall im Fischerhafen von Ly Son Island. Bild: Nguyen Huy Kham/Reuters

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Wem gehört das Meer?
Teile des Meeres stehen unter der Hoheit der Küstenstaaten. In anderen Teilen haben die Staaten nur exklusive Rechte über die Ausbeutung der Ressourcen. Wieder andere gehören niemandem, hier gelten im Wesentlichen die Freiheiten der hohen See. Das kennzeichnet eine grosse Schwierigkeit: Verschiedene Akteure dürfen auf dem Meer viele verschiedene Dinge regeln. Einem Fischschwarm ist es aber völlig egal, ob er von einem Hoheitsgebiet ins nächste schwimmt.

Brauchen wir eine Art Pariser Vertrag für die Meere, ähnlich dem weltweiten Klimaabkommen?
Das haben wir ja schon. Das Seerechtsübereinkommen von 1982 legt die Staaten stärker fest als der Klimavertrag, der ja überwiegend auf freiwilligen Verpflichtungen beruht. Noch mehr Verträge sind nicht zielführend, ausser vielleicht bei spezialisierten Themen wie zu bestimmten Verschmutzungsquellen, zum Fischfang mit bestimmten Methoden oder dem Schutz einzelner Arten.

Infografik: Wie gelangt der Müll ins Meer? Grafik vergrössern

Was wäre denn für den Schutz der Ozeane zielführend?
Wichtig ist vor allem, dass die Staaten den verbesserten Schutz auch wollen. Die UNO-Konferenz in New York ist eine rein politische Konferenz mit vielen Absichtserklärungen. Die Staaten müssten diese aber auch in nationale Politik umsetzen und durchsetzen. Dazu fehlt häufig der politische Wille. Viele ökologischen Probleme sind schon lange bekannt. Das erste Abkommen zur Verhinderung der Ölverschmutzung stammt aus den 1930er-Jahren. Der Umweltschutz ist also nichts Neues – aber viele der Probleme sind einfach schwer zu regeln. Zum Beispiel der Plastikeintrag von Land oder dass Düngemittel über Flüsse ins Meer gelangen. Die Staaten sind nicht gewillt, das zu regeln, weil es ihre eigenen Territorien betrifft. Ich hoffe sehr, dass sich das ändert. Da gibt es immer mal wieder regionale Ansätze: Marokko hat kürzlich Plastiktüten verboten, auch einzelne Städte in Kalifornien wollen mit solchen Verboten verhindern, dass Plastiktüten ins Meer wehen. Das sind kleine Schritte. Aber es ist kein neues Problem.

China beansprucht Teile des Südchinesischen Meers. Was kann das Völkerrecht hier ausrichten?
Es wird auf dem Ozean immer Konflikte geben, bei denen das Recht an seine Grenzen kommt. Die Situation im Südchinesischen Meer ist unglaublich komplex, hier wird über so gut wie alles gestritten, über historische Gebietsansprüche, Inseln, Rohstoffe, Schifffahrt. Alleine mit noch mehr rechtlichen Regeln kommen wir da nicht weiter.

Das Meer wird oft als Allmende bezeichnet, als gemeinsames Gut. Welche Schwierigkeiten birgt das?
Man kann sagen, dass die hohe See ein gemeinsames Gut ist, zu dem jeder Zugang hat. Das macht das Meer anfällig für die «Tragedy of the Commons»: Ein Einzelner kann der Gemeinschaft schaden, indem er zu viele gemeinsame Güter ausbeutet. Beim Meer hat man versucht, der uneingeschränkten Ausbeutung mit der Einrichtung der Exklusiven Wirtschaftszonen vorzubeugen. Also indem man den Bereich von 200 Seemeilen vor der Küste eines Staats in Bezug auf die Ausbeutung von Ressourcen quasi privatisiert.

Funktioniert dies tatsächlich?
Die Hoffnung des verbesserten Schutzes hat sich nicht durchgehend erfüllt. Küstenstaaten verfügen über Ressourcenrechte in mitunter riesigen Gebieten. Teilweise fehlt aber der Wille zur nachhaltigen Bewirtschaftung, teilweise fehlt die Kapazität. Am Meeresboden ist man einen anderen Weg gegangen. Hier vergibt die Internationale Meeresbodenbehörde Lizenzen zur Ausbeutung der mineralischen Ressourcen. Auf der hohen See werden Fischbestände nur partiell gemeinsam verwaltet. Auf die Ressourcen der hohen See ist das Konzept des gemeinsamen Erbes der Menschheit aber nicht anwendbar. Das wäre auch schwer durchzusetzen. Dazu brauchte man eine Art Weltbehörde, die etwa für den Fischfang Quoten für alle festlegt und die Gewinne gerecht verteilt – das ist schwer vorstellbar.

Erstellt: 08.06.2017, 19:54 Uhr

UNO-Konferenz zum Schutz der Ozeane

13 Millionen Tonnen Mikroplastik

Der Schutz der Meere ist eines der Anliegen der UNO-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Regierungen, NGOs, Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler diskutieren in diesen Tagen an der Ozeankonferenz in New York, durch welche Massnahmen die marinen Ressourcen geschützt werden können. Zu mehr als Absichtserklärungen wird es aber am Ende der Konferenz, morgen Samstag, vermutlich nicht reichen. Im Zentrum der internationalen Verhandlungen stehen vier Schwerpunktthemen:

Meeresverschmutzung: Die Liste der Quellen ist lang: Dünger aus der Landwirtschaft, unbehandeltes Abwasser, Ballastwasser aus Schiffen, Erdöl. In die Schlagzeilen gerieten in den letzten Monaten Mikropartikel aus der Plastikindustrie. Etwa 5 bis 13 Millionen Tonnen gelangen pro Jahr in die Weltmeere, wie eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt. Plastikmüll kann Seevögel ­töten und ebenso marine Säugetiere. Zahlreiche Staaten wollen reagieren – mit einer Verteuerung von Plastik­säcken, mit verbessertem Wassermanagement oder Reinigungsverfahren.

Versauerung: Das Meer schluckt einen beträchtlichen Teil des Treibhausgases CO2, das durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgestossen wird. Das führt in manchen Küstenregionen zu einer Abnahme des pH-Wertes. Marine Organismen reagieren empfindlich auf eine Versauerung. Es können ­Lücken in der Nahrungskette entstehen. Durch eine Reduktion der Emissionen können die Prozesse gebremst werden.

Überfischung: Für über drei Milliarden Menschen sind Fisch und andere Meeresprodukte die Hauptnahrungsquelle, und die Existenz von über 300 Millionen Menschen hängt direkt von der Fischerei ab. Heute gelten aber bereits 30 Prozent aller Fischgründe als nicht nachhaltig bewirtschaftet. Schuld daran sind nicht nur die übermässige Ausbeutung der Meere, sondern oft auch veraltete oder unsachgemässe Fischereimethoden, die zu Einkommensverlusten von jährlich nahezu 80 Milliarden Dollar führen. Auch die illegale und unregulierte Fischerei verschärft das Problem. Die Förderung von Fischerei-Know-how und eine bessere Vernetzung von allen interessierten Kreisen und Behörden soll Abhilfe schaffen.

Schutz der Ökosysteme: Mangrovenwälder, Korallenriffe, Marsch- und Schwemmland haben wichtige Funktionen. Sie nehmen zum Beispiel ein Viertel der durch Menschen verursachten CO2-Emissionen auf. Der Wert dieser Ökosystemdienstleistungen kann kaum überschätzt werden, laut UNO-Experten bewegt er sich im Bereich von Billionen Dollar jährlich. Bis 2020 sollen 10 Prozent der Meeres- und Küstenökosysteme unter Schutz gestellt werden. (lae/mma)

Nele Matz-Lück
Die Professorin für Seerecht arbeitet und forscht seit 2011 an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Foto: PD

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