Zum Hauptinhalt springen

Es lebe das Moor!

Forscher schätzen, dass Milliarden Tonnen Treibhausgase aus entwässerten Moorgebieten entweichen werden. Mit dem Schutz der Weltmoore könnte das Klima geschützt werden.

Idyllische Moorlandschaft auf der Hochebene Greina im Kanton Graubünden: Brandrodung eines Torfmoorwaldes in Indonesien. Foto: Getty Images/Raphael Weber
Idyllische Moorlandschaft auf der Hochebene Greina im Kanton Graubünden: Brandrodung eines Torfmoorwaldes in Indonesien. Foto: Getty Images/Raphael Weber

Wenn Nebel über dem Moor liegt, verwandelt sich die urwüchsige Landschaft in eine Märchenwelt. Seltene Tierarten finden hier einen Lebensraum, in den luftarmen Böden überleben nur Spezialisten unter den Pflanzen. Doch die heile Welt hat in der Schweiz schwer gelitten. Über 90 Prozent der Moore sind in den letzten 200 Jahren verschwunden. Es waren die mächtigen Torfschichten, auf die es der Mensch abgesehen hatte. Torf war während der letzten beiden Weltkriege ein begehrter Brennstoff. Viele Moore wurden dafür trockengelegt, um die oberste Schicht abzustechen und zu Torfziegeln zu verwerten. Das ist heute in der Schweiz zwar Vergangenheit, weltweit jedoch ist der Torfabbau in der Forst- und Landwirtschaft nach wie vor ein grosses Geschäft. Die grössten Moorflächen werden für Palmölplantagen, Acker- und Grasland drainiert.

Mit weitreichenden Folgen. Moorböden sind ein Klimafaktor. Sie speichern 20 Prozent des Kohlenstoffs, der in allen Böden der Erde gebunden ist. Sobald ein Moor entwässert wird, setzen für das Klima fatale Prozesse ein: Trockengelegte organische Böden werden durchlüftet und die nährstoffreichen Torfschichten damit zum Lebensraum von Bakterien und Pilzen. Diese Mikroorganismen bauen den organischen Kohlenstoff zum klimawirksamen Kohlendioxid (CO2) ab. Aus dem Kohlenstoffspeicher wird eine Kohlenstoffquelle.

Etwa 4,6 Millionen Quadratkilometer Moorgebiet existieren weltweit, wie eine kürzlich publizierte Studie der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope in Zürich-Reckenholz zeigt. Das entspricht ungefähr 13-mal der Fläche Deutschlands. Davon sind heute etwa 10 Prozent trockengelegt, also rund 500'000 Quadratkilometer. Das ist etwas mehr als die zehnfache Fläche der Schweiz.

Grösste Moorflächen in Russland und Kanada

«Die anderen 90 Prozent, von denen wir ausgehen, dass sie noch intakt sind, dürfen auf keinen Fall entwässert werden», sagt Jens Leifeld von der Gruppe Klima und Landwirtschaft. Für den Hauptautor der Studie, die kürzlich im Fachmagazin «Nature Communications» veröffentlicht wurde, darf der Torf im Boden einfach nicht angerührt werden.

Die grössten intakten Torfmoorflächen liegen in der borealen Klimazone, namentlich in Russland und Kanada. Die Unsicherheit bei den Flächenschätzungen sei noch gross, sagt Leifeld. «Unsere Zahlen sind aber eher konservativ gerechnet». Der Agroscope-Forscher und sein Kollege Lorenzo Menichetti haben anhand zahlreicher internationaler und nationaler Datenbanken die Menge an Treibhausgasen berechnet, die aus entwässerten Mooren weltweit entweichen: Es sind jedes Jahr im Durchschnitt 1,91 Milliarden Tonnen, darunter CO2, Methan und Lachgas. Die meisten Emissionen gehen jedoch in Form des Klimagases CO2 in die Atmosphäre. Diese Menge entspricht ungefähr 5 Prozent der Emissionen, die der Mensch Jahr für Jahr produziert.

Zehnmal so viel Kohlenstoff

Rund 600 Milliarden Tonnen Kohlenstoff sind in Moorböden weltweit noch gespeichert. Würde diese Menge theoretisch in die Atmosphäre entweichen, wären drei Viertel des globalen CO2-Budgets aufgebraucht. Klimaforscher gehen davon aus, dass sich die Erde gegenüber der vorindustriellen Zeit mit grosser Wahrscheinlichkeit um mehr als 2 Grad erwärmen würde, wenn der Mensch zusätzlich mehr als 800 Milliarden Tonnen Kohlenstoff emittiert. Diese Erwärmung muss gemäss dem Pariser Klimaabkommen aus dem Jahr 2015 verhindert werden.

Die Hälfte der trockengelegten Moore befindet sich in den Tropen, gut 240'000 Quadratkilometer. Aus diesen werden bei fortschreitender Nutzung insgesamt gut 49 Milliarden Tonnen Kohlenstoff entweichen. Das ist mehr als die Hälfte der Gesamtemissionen aus den entwässerten Mooren weltweit. Das grösste Kohlenstoffreservoir in Südostasien steckt in den Böden der tropischen Torfmoorwälder Indonesiens. Dort ist laut einer älteren Studie der niederländischen Universität Wageningen etwa zehnmal so viel Kohlenstoff wie in gleich grossen tropischen Wäldern auf Mineralböden gespeichert. Die verbreiteten Brandrodungen setzen Milliarden Tonnen Treibhausgase frei – und noch schlimmer: Nach dem Feuer beginnen die entwaldeten Torfböden, verstärkt zu atmen. So kommen die biologischen Prozesse in Gang, die Mikroorganismen fangen an, die Nährstoffe abzubauen.

Moorschutz effektiver als nachhaltiger Ackerbau

Inzwischen sind die CO2-Emissionen durch den Abbau grösser als jene durch Feuer. Wird nichts dagegen unternommen, entlassen die Torfböden noch jahrzehnte- bis jahrhundertelang Treibhausgase – bis das organische Material vollständig abgebaut ist. Für Wissenschaftler Jens Leifeld wäre deshalb ein wirksamer Klimaschutz, die intakten Moore und Torfmoorwälder weltweit unter Schutz zu stellen und entwässerte zu renaturieren. Die Agroscope-Studie zeigt, dass diese Massnahme effektiver und billiger wäre als die gängige Methode: mit einem schonenden Anbau und der entsprechenden Bepflanzung den Ackerboden in einen Kohlenstoffspeicher zu verwandeln.

Der grosse Nachteil bei dieser Methode: «Man erkauft sich diesen Effekt, indem man noch mehr Stickstoff einsetzen muss», sagt Jens Leifeld. Denn organischer Kohlenstoff in Form von Humus lässt sich in einem Ackerboden nur zusammen mit zusätzlichem Stickstoff speichern. Eine Alternative wäre der Anbau von Pflanzen, die Stickstoff binden. Oder der Bauer lässt mehr Erntereste auf dem Acker liegen. «Ich gehe aber davon aus, dass dies nicht reichen würde», sagt Agroscope-Forscher Leifeld.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch