Sind die uralten Olivenhaine Apuliens noch zu retten?

Sie haben Kriegen und Dürren getrotzt. Nun gehen die Bäume an einem Bakterium zugrunde. Wer die Seuche stoppen könnte.

Während Jahrhunderten haben diese Olivenbäume Kriege und Dürren überstanden. Nun gehen sie am Bakterium Xylella zugrunde. Foto: Keystone

Während Jahrhunderten haben diese Olivenbäume Kriege und Dürren überstanden. Nun gehen sie am Bakterium Xylella zugrunde. Foto: Keystone

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Wenn ein Baum stirbt, ist das immer ein trauriger Anblick. Doch kaum etwas wirkt wohl so trostlos wie die Olivenhaine Apuliens: Braun verfärbt oder fast entblättert stehen dort knorrige Kolosse in der Landschaft. Bäume, die teils schon jahrhundertealt sind, die Kriege und Dürren überstanden haben. Jetzt aber sind sie hilflos gegenüber einem wenige Mikrometer grossen Bakterium.

Italienische Politiker haben angekündigt, den Kampf gegen diesen Keim aufzunehmen – erneut. Ihr Unwesen treibt die Olivenseuche mindestens seit 2013; damals hatte man den Erreger Xylella fastidiosa in Olivenbäumen des Salento – erstmals in Europa – nachgewiesen.

Umgerechnet rund 2 Millionen Franken will die apulische Regionalregierung nun für die Ausrottung investieren, aus dem staatlichen Agrarministerium wird ein neuer Plan erwartet. Das Bakterium ist dabei längst ein Kosmopolit unter den Agrarfeinden. Seit vielen Jahren bedroht es Pfirsiche, Zitrusfrüchte und Mandelbäume in den beiden Amerika, es kann überhaupt mehr als 350 Pflanzenarten befallen. Der Erreger benötigt bloss ein Pflanzensaft saugendes Insekt, das ihn als Zwischenwirt in die Leitungsbahnen der Pflanze bringt. Im Fall der Oliven ist das die Wiesenschaumzikade. Einmal von der Zikade übertragen, bildet Xylella in den Adern der Pflanze dann schleichend Bio­filme, die Monate später zu einer unumkehrbaren Störung des Wasserhaushalts führen. Zweige und Blätter des Baums trocknen aus und sterben ab.

Widerstand der Bauern

Da es bis heute kein Gegenmittel gibt und die befallenen Bäume ein Reservoir für das Bakterium darstellen, war eigentlich schon 2013 klar, was zu tun wäre: infizierte Pflanzen und Bäume im unmittelbaren Umfeld fällen und verbrennen, den Zwischenwirt mit Insektiziden bekämpfen und die Zikaden-Brutstätten in den Wiesen niedermähen.

Doch Olivenbäume sind für die Italiener eben mehr als ein landwirtschaftliches Produktionsmittel. In den Augen vieler Bauern stehen die teils sehr alten Gewächse für Familie und Tradition. Entsprechend gross war der Widerstand gegen die rigorosen, aber eigentlich notwendigen Bekämpfungsstrategien. Die Politik des südeuropäischen Landes versank in ihren üblichen Querelen: Örtliche Gerichte stoppten staatlich verordnete Massnahmen, in den sozialen Netzwerken nährten Umwelt­aktivisten Verschwörungstheorien, und schliesslich mussten sich Wissenschaftler wegen dieser Behauptungen sogar offiziellen Untersuchungen stellen. Mit dem Resultat, dass 2015 zwar noch der Notstand wegen der Seuche ausgerufen worden war, aber herzlich wenig passierte, um den Erreger zurückzudrängen – oder den Bauern zu helfen. Der Regierung drohen wegen dieser Tatenlosigkeit inzwischen Strafen durch die EU. Vermutlich bemüht sich das italienische Agrarministerium deshalb um einen neuen Anlauf.

8000 Hektaren befallen

Was den Olivenbauern erst einmal wenig helfen wird, denn in der Zwischenzeit hat sich ­Xylella fastidiosa weiter aus­gebreitet: Waren im Jahr 2013 noch überschaubare 8000 Hektaren in Apulien von der Seuche befallen, gelten einer aktuellen wissenschaftlichen Studie zu­folge jetzt über 715'000 Hektaren als infiziert; das entspricht mehr als einem Drittel der Fläche Apuliens.

Die Krankheit hat zudem die obere Grenze des italienischen Stiefelabsatzes erreicht, im Mai dieses Jahres verlegte die EU-Kommission die sogenannte Pufferzone der Seuche, in der gesunde Olivenbäume streng kontrolliert werden, 20 Kilometer weiter nach Norden. Damit steht der Erreger nun an der Schwelle zur Hauptlandmasse Italiens. Die Lage scheint fast hoffnungslos.

Resistente Sorten

Vonseiten der Wissenschaft gibt es aber womöglich zumindest etwas Anlass zu Optimismus. So haben sich Phytopathologen in Europa intensiv mit dem zuvor fremden Erreger aus Übersee befasst und neue Erkenntnisse über das Wesen und Unwesen von Xylella gewonnen. Am wichtigsten sind dabei die Untersuchungen zu krankheitsresistenten Sorten und molekularbiologische Analysen zur Aktivität von Genen in verschiedenen Olivenvarietäten. Italienische Wissenschaftler aus Bari konnten kürzlich zeigen, dass die in Apulien bislang nur selten angebaute Olivensorte Leccino sehr viel weniger anfällig für Xylella fastidiosa ist als die zwei in der Region vorherrschenden Cellina di Nardò und Ogliarola salentina.

So waren in den untersuchten Hainen von vornherein weniger Bäume infiziert, und in Pflanzen mit einer Infektion auch deutlich geringere Zahlen von Bakterien nachweisbar. Entsprechend zeigen Leccino-Bäume nur vergleichsweise schwache Symptome. Auch die Coratina-Olive scheint weniger stark unter einer Infektion zu leiden. Aufgrund genetischer Aktivitätsanalysen vermuten Fachleute inzwischen, dass die resistenten Olivensorten die Infektion zwar nicht ­direkt bekämpfen, aber rascher auf die Austrocknung durch das Bakterium reagieren und be­fallene Zweige und Blätter frühzeitig abwerfen.

Akut wirksame Massnahmen lassen sich aus diesen Befunden zwar noch nicht ableiten; vor allem ist ein Ersatz der vorhandenen, sehr alten Bäume durch neue, gegen Xylella robuste Olivenpflanzen wohl keine Option. Doch inzwischen versuchen Pflanzenforscher und Olivenbauern gemeinsam, durch Aufpfropfen von mehr als 400 verschiedenen genetischen Olivenvarianten auf erkrankte Bäume schneller zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Zudem wollen sie prüfen, ob die alten Gewächse auf diese Weise zumindest teilweise gerettet werden könnten.

Erstellt: 22.11.2018, 10:54 Uhr

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