Eine bessere Welt – dank Salat

Burger, Würste und Steaks retten nicht vor der Klimaerwärmung. Doch: Was würde passieren, wenn bis 2050 alle Menschen Vegetarier werden?

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In Zeiten der industriellen Nahrungs­mittelproduktion geht es um einen möglichst hohen Ertrag — vor allem bei Nutztieren. So wächst ein Küken von 40 Gramm in fünf Wochen zu einem zwei Kilo schweren Poulet heran. Ein Kalb von 45 Kilo wird innerhalb von sieben Monaten auf das Sechsfache auf­gepäppelt. Und ein Ferkel von 1,5 Kilo bringt bereits nach einem halben Jahr fast das Siebzigfache auf die Waage. Mit Kraftfutter lässt sich das gewünschte Schlachtgewicht schnell erreichen.

Doch je mehr Steaks, Würstchen oder Burger auf unseren Tellern landen, umso schädlicher ist es für die Umwelt, das Klima, aber auch unsere eigene Gesundheit. Gemäss einem vor kurzem veröffentlichten Fachartikel in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» gäbe es bei einer weltweit vegetarischen Ernährung gut sieben Millionen weniger Tote im Jahr 2050. Die Sterberate würde um etwa neun Prozent sinken — im Vergleich zu Ernährungsweisen, die gegenwärtige Trends widerspiegeln.

Infografik: Fleischkonsum in der Schweiz Grafik vergrössern

«Wenn wir kein Fleisch mehr essen, dafür aber mehr Obst und Gemüse, leiden wir weniger häufig unter Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs», sagt der Studienautor Marco Springmann von der Universität Oxford, der die Auswirkung verschiedener Ernährungsszenarios mithilfe von Computermodellen berechnet hat. Wären demnach alle Menschen auf der Welt Vege­tarier, liessen sich der britischen Studie zufolge jedes Jahr im Gesundheitswesen Kosten von ungefähr 1000 Milliarden US Dollar einsparen.

Gleichzeitig gelangen bei einem solchen radikalen Wechsel hin zu einer konsequenten vegetarischen Ernährung im Jahr 2050 fast zwei Drittel weniger Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre. Derzeit ist die Produktion unserer Nahrungsmittel nach den klassischen Berechnungsmethoden für ein Viertel des gesamten weltweiten Treibhausgasausstosses verantwortlich. Im Jahr 2050 könnte es jedoch bereits das Doppelte sein, wenn sich an der gegenwärtigen Situation in den Industrieländern nichts ändert und die Entwicklungsländer aufholen.

Düstere Prognose

Bisher hätten Politiker vor allem die Emissionen aus Energieproduktion, Verkehr und Gebäuden als Motoren der globalen Klimaerwärmung angesehen, gibt Springmann zu bedenken. Experten gehen aber davon aus, dass der Konsum von Fleisch weltweit zunimmt, weil es sich immer mehr Menschen leisten können und es speziell in wirtschaftlich aufstrebenden Ländern auch eine Art Statussymbol darstellt. Allein in China ist dieses Phänomen bereits jetzt schon zu beobachten.

Muss nun jeder auf ein saftiges Entrecôte oder einen knusprig gebratenen Pouletschenkel ganz verzichten? «Es bringt schon viel, wenn beispielsweise der Fleischkonsum von Schwein, Rind und Schaf nur noch rund 300 Gramm statt fast 500 Gramm pro Woche beträgt», erklärt Springmann. Denn dann gäbe es in Kombination mit einer aus­gewogenen Ernährung unter anderem ein Drittel weniger Treibhausgasemissionen, 5 Millionen weniger Tote im Jahr 2050 und circa 700 Milliarden US-Dollar weniger Gesundheitskosten.

Nach Angaben der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) wurden weltweit im Jahr 2014 insgesamt 68,1 Millionen Tonnen Rind, 110,5 Millionen Tonnen Geflügel, 117,3 Millionen Tonnen Schwein und 13,9 Millionen Tonnen Schaf verzehrt. Pro Kopf liegt somit der jährliche Verbrauch bei 43,3 Kilogramm. Zum Vergleich: In der Schweiz lag er 2015 bei 51,35 Kilogramm.

Um den immensen Hunger nach Fleisch zu stillen, werden heutzutage bereits 70 Prozent aller agrarischen Nutzflächen in irgendeiner Art und Weise für die Tierfütterung beansprucht. «Effizienter wären sie für die Produktion menschlicher Nahrungsmittel zu verwenden», sagt der Wiener Lebensmittelwissenschaftler Kurt Schmidinger von der Initiative Future Food. 2012 kam er im Rahmen seiner Dissertation über Klimabilanzen zum Ergebnis, dass ein Kilogramm brasilianisches Rindfleisch genau so viel Treibhausgasemissionen verursache wie eine Autofahrt von 1600 Kilometern in einem Mittelklassewagen. Das entspricht in etwa der Strecke von Berlin nach Rom.

Konkurrenz um Nahrung

«Ein gravierendes Problem ist, dass die meisten Nutztiere Kraftfutter wie etwa Soja erhalten, sodass auch ein ansonsten grasfressendes Rind plötzlich zu unserem Nahrungskonkurrenten wird», sagt Schmidinger, der bei seiner Studie auch die Auswirkung der Abholzung des Amazonas-Regenwaldes und die Umnutzung zur Agrarfläche berücksichtigt hat. Dies schlägt in der Klimabilanz deutlich zu Buche und erhöht den früher konventionell ermittelten Wert für brasilianisches Rindfleisch auf etwa das Sechsfache. Denn ein Sojafeld hat im Vergleich zu einem intakten, tropischen Primärwald ein viel geringeres Potenzial, das klimawirksame Kohlenstoffdioxid aus der Luft zu speichern.

Um zu bestimmen, wie viel klimaschädliches Gas etwa bei der Herstellung eines Schnitzels vom Schwein entsteht, werden in der Regel alle direkten und indirekten Emissionen vom Futter, über die Haltung, den Transport zum Schlachthof bis hin zum Endverbrauch berechnet. Aber auch die körpereigenen Verdauungsgase des Tiers fallen vor allem bei Wiederkäuern stark ins Gewicht, da zum Beispiel eine typische Schweizer Milchkuh alle paar Minuten rülpst und dabei das sehr potente Treibhausgas ­Methan ausstösst. Am Tag produziert sie bis zu 500 Liter Methan, ein Mastrind dagegen drei- bis viermal weniger.

Wichtig: Aufzucht und Futter

Der Ökobilanz-Forscher Thomas Nemecek von Agroscope hat in einer Studie vor vier Jahren unter anderem importiertes Fleisch aus Europa und Übersee mit Schweizer Fleisch aus verschiedenen Produktionssystemen verglichen. Das Resultat: Die Herkunft fällt weniger ins Gewicht als die Art und Weise der Aufzucht der Tiere und die Produktion ihres Futters. Zwischen verschiedenen Tierarten bestehen grosse Unterschiede. Rindfleisch hat zum Beispiel höhere Umweltwirkungen als Geflügelfleisch, aber zur Nutzung der grossen Graslandflächen braucht es Rinder und andere Wiederkäuer. Zudem lässt sich auf dem Grasland Milch deutlich effizienter als Rindfleisch produzieren.

«Industrielle Tierhaltung ist eine Sackgasse», sagt Schmidinger. Die gängige Form der Fleischproduktion sei extrem ineffizient, was die Kalorienausbeute betreffe. Im Schnitt brauche man mindestens sieben pflanzliche Kalorien, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren. Fünf Kalorien gingen nur für den Stoffwechsel der Tiere drauf. «Das bedeutet, dass wir 40 Prozent der Weltgetreideernte und 85 Prozent der Sojaernte an Nutztiere verfüttern, die daraus vor allem Unmengen an Exkrementen produzieren.» Angesichts der Welter­nährungs­­situation sei das unverantwortlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2016, 23:40 Uhr

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