CO2-Kompensation ist kein Freiflugschein

Hilft es der Welt, CO2-Emissionen mit Spenden an Klimaschutzprojekte auszugleichen?

Die Schweizer zählen zu den Vielfliegern: Wer etwa von Zürich nach Bali fliegt, müsste gut fünf Tonnen CO2 ausgleichen, was einen Betrag von 135 Franken ergibt. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Die Schweizer zählen zu den Vielfliegern: Wer etwa von Zürich nach Bali fliegt, müsste gut fünf Tonnen CO2 ausgleichen, was einen Betrag von 135 Franken ergibt. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Noch sind die politischen Forderungen der jungen «Fridays for Future»-Demonstranten vor allem ein Fingerzeig. Aber einen Effekt haben die Proteste bereits gehabt: Weil viele Menschen an der Nachhaltigkeit ihres Lebensstils zu zweifeln beginnen, boomt die Klimakompensation. Immer mehr Konsumenten überweisen Geld für Klimaschutzprojekte, damit die CO2-Emissionen ihrer Flüge, Kreuzfahrten oder was auch immer anderswo ausgeglichen werden. Kompensationsanbieter wie Atmosfair oder Myclimate verzeichnen enorme Wachstumsraten von 40 Prozent pro Jahr und mehr.

Aber ist es überhaupt möglich, Treibhausgasemissionen mit Geld auszugleichen? Oder ist das ein reiner Ablasshandel, der nur das Gewissen beruhigt? Diese Fragen sind drängender als je zuvor – zumal sie nicht nur Privatleute betreffen, sondern auch Firmen und ganze Staaten.

Wer heute die Emissionen eines Flugs kompensieren möchte, kann zum Beispiel bei My­climate Reiseziel und Sitzklasse angeben. Der Rechner gibt dann die Menge an CO2-Emissionen an, die der Flug verursacht. Bei einem Flug von Zürich nach Mallorca und zurück ist das knapp eine halbe Tonne und kostet 13 Franken. Wer nach Bali fliegt, müsste gut fünf Tonnen ausgleichen, das macht 135 Franken.

Diese Summe wird dann über den Kompensationsanbieter in Klimaschutzprojekte investiert, welche die entsprechende Menge CO2 wieder einsparen sollen. Zum Teil werden effiziente Holzöfen in Afrika subventioniert, die den Holzverbrauch reduzieren sollen, oder Dieselgeneratoren durch Solaranlagen ersetzt.

Bei seriösen Anbietern sind die Projekte durch das Quali­tätslabel «Gold-Standard» zer­tifiziert. Die Einsparung wird dann durch unabhängige Prüfer bestätigt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Emission ungeschehen gemacht wird – ein moderner Ofen ist kein CO2-Staubsauger. Auch bei zertifizierten Projekten ist noch lange nicht garantiert, dass am Ende die Emissionen wirklich um den kompensierten Betrag sinken. «Kompensationsprojekte beruhen immer auf einem Was-wäre-wenn-Szenario. Was wäre passiert, wenn wir das Projekt nicht umgesetzt hätten?», sagt Wolfgang Obergassel vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie.

Kurzfristige Massnahme

Und so genau weiss man das eben nie. Vielleicht wäre der Ofen oder die Solaranlage ohnehin gekauft worden, zum Beispiel, weil sich die Anschaffung lohnt. Vielleicht hätte ein findiger Unternehmer das Gerät für einen günstigeren Preis angeboten, wenn es die Subvention nicht gegeben hätte. Vielleicht verbessert sich die Situation der betroffenen Familie durch die Anschaffung so, dass sie sich irgendwann einen Kühlschrank oder einen Fernseher leisten kann, was gut für die Familie, aber schlecht für die Einsparung ist. Was wirklich unter dem Strich herauskommt, lässt sich kaum seriös beurteilen.

Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Um die Ziele des Pariser Abkommens einzuhalten, reicht es nicht, Emissionen geografisch umzulagern. «Kurzfristig geht die Kompensationsrechnung auf», sagt Obergassel. «Aber auf mittlere oder längere Sicht müssen die Emissionen überall schnell sinken, dann gibt es wenig Spielraum für Verschiebungen.» Dann müssten überall alle Einsparungsregister gezogen werden, für Kompensationen sollte da eigentlich kein Raum bleiben.

Wirklich kompensieren kann man dann höchstens noch mit negativen Emissionstechniken, etwa indem man zum Beispiel Energiepflanzen anbaut, die der Luft CO2 entziehen und in der Biomasse einlagern. Aber weil der Platz für solche Techniken sehr knapp ist, eignen sie sich nicht zum bedenkenlosen Ausgleich von Spassfliegerei.

Schon heute gilt: Wer die Kompensation für einen Freiflugschein hält, der irrt. Der einzige gute Flug ist immer noch der, der nicht stattfindet. Das sieht auch Dietrich Brockhagen so, der die gemeinnützige GmbH Atmosfair 2005 gegründet hat. Vorher habe er sich auch die Frage gestellt, ob das nach hinten losgehen könnte, sagt er – vielleicht würden manche Menschen dank der Kompensation erst recht fliegen? Aber diverse Studien beruhigten ihn.

Nur eine Behelfslösung

Tatsächlich haben Untersuchungen gezeigt, dass die wenigsten die Kompensation als Ablasshandel missbrauchen – nach dem Motto: Ich darf das, ich habe ja bezahlt. Für Brockhagen ist dieses Ergebnis wenig überraschend: «Um Ihr Gewissen beruhigen zu können, brauchen Sie erst mal ein schlechtes Gewissen», sagt er. «Das ist aber die absolute Ausnahme. Die meisten denken beim Produktkauf zuerst an sich.» Die wenigen, die freiwillig für Klimaschutz zahlen, verstünden auch, dass Kompensation nur eine Behelfslösung ist.

Doch egal, wie man sie versteht: Kompensation wird künftig komplizierter – und das liegt am Pariser Abkommen. Wie es genau damit weitergeht, wurde auch bei der UNO-Klimakon­ferenz verhandelt, die kürzlich in Bonn stattfand. Sie sollte auf Arbeitsebene die nächste Weltklimakonferenz im Dezember in Chile vorbereiten. Dort sollen dann endlich auch Regeln dafür verabschiedet werden, wie unter dem Pariser Abkommen Emissionen kompensiert werden dürfen.

Viel näher rückte dieses Ziel in Bonn allerdings nicht, vorerst wird weiter gestritten. Zwar gibt es bereits ein Verfahren, das noch unter dem Kyoto-Protokoll entwickelt wurde, den sogenannten Clean Development Mechanism. Doch der beruhte immer darauf, Entwicklungsländer von Ein­sparungspflichten auszunehmen. Also konnten Industriestaaten, Konzerne oder Anbieter wie Atmosfair problemlos dort Projekte umsetzen und sich die vermiedenen Emissionen gutschreiben lassen.

Tückische CO2-Verrechnung

Unter dem Pariser Abkommen ist das anders: Von 2020 an müssen alle Länder Klimaziele definieren. Das jedoch bedeutet, dass es eine neue Buchhaltung braucht. So hat etwa die Schweiz bereits angemeldet, dass sie für ihr sportliches Paris-Ziel von 50 Prozent CO2-Reduktion bis 2030 (im Vergleich zu 1990) auch internationale Kompensation nutzen möchte.

Wenn jedoch die Schweizer nun ein Klimaschutzprojekt etwa in Marokko finanzieren und sich die Einsparung anrechnen, sinken dadurch dort die Emissionen, und das Land muss selbst weniger tun, um das eigene Ziel zu erreichen – die Einsparung würde doppelt gezählt. Genauso ergeht es Atmosfair, wenn etwa in Nigeria effiziente Öfen verteilt werden: Das eingesparte Brennholz würde das Land seinen Zielen näherbringen, Nigeria müsste weniger tun, und nichts wäre gewonnen.

Um solche Doppelzählungen zu verhindern, müssen die entsprechenden Einsparungen aus den Leistungen des jeweiligen Landes herausrechnet werden. Die Schweiz setzte sich an der letzten Klimakonferenz in Katowice 2018 vehement dafür ein. Aber auf den fraglichen Artikel 6.4 konnte man sich nicht einigen – Brasilien schaltete auf stur.

Jetzt soll es in diesem Jahr klappen, aber sicher ist das nicht. Das Bundesamt für Umwelt ist deshalb direkt mit verschiedenen Ländern in Kontakt, wo die Kompensationsprojekte stattfinden, damit die Einsparungen in jedem Fall ohne Doppelzählung verrechnet werden, auch ohne internationale Regelung.

Trotzdem bleiben grundsätzliche Bedenken. «Unter dem Kyoto-Protokoll wurden bislang viele Einsparungen verkauft, die keinerlei Anstrengung darstellten», sagt David Ryfisch, der für die Organisation Germanwatch die Klimaverhandlungen beobachtet. «Es ist eine grosse Frage, wie man so etwas in Zukunft verhindern kann.» Staaten sollten keinen Anreiz haben, sich in ihren Paris-Zielen auf ein Minimum zu beschränken, damit sie jede weitere Einsparung gewinnbringend verkaufen können. Aber wie das garantiert werden kann, ist unklar.

Auch sind nicht alle Projekte langfristig wirksam. Gerade Waldschutzmassnahmen haben eine verheerende Bilanz, nur zu oft wurde der Wald einfach ein Jahr später gerodet. Trotzdem will kaum ein Experte Kompensationen abschaffen. Wenn man sie gut umsetzt, können sie durchaus helfen, den Umbau zu beschleunigen – schliesslich haben derzeit die einen Länder das Geld und die Technik, die anderen die günstigen, unkomplizierten Einsparmöglichkeiten. Es ist nur naheliegend, beides zusammenzubringen. «Aber die Reihenfolge sollte immer sein: Erst selbst reduzieren, dann kompensieren», sagt Ryfisch. Das gilt für Staaten ebenso wie für Individualreisende.

Erstellt: 10.07.2019, 17:49 Uhr

In Zahlen

859 Millionen Tonnen CO2 verursachte 2017 der weltweite Flugverkehr. Das entspricht 2,6 Prozent der globalen Emissionen. Experten gehen von einem starken Wachstum in Zukunft aus.

50 Prozent der Personen-Kilometer in der Schweiz werden etwa ab 2025 auf Flugreisen entfallen. Schweizer gehören zu den Vielfliegern.

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