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Fallstricke beim Artenzählen

Wie bestimmen Wissenschaftler eigentlich, ob eine Spezies gefährdet ist oder nicht? Das ist erstaunlich kompliziert und unsicher.

Kuckuckshummeln sind Sozialparasiten anderer Hummeln. Foto: Alamy Stock Photo
Kuckuckshummeln sind Sozialparasiten anderer Hummeln. Foto: Alamy Stock Photo

Über die Rote Zwergbeutelratte kann sogar die Weltnaturschutzunion nur die Schultern zucken. Wie es der südamerikanischen Art geht? Niemand weiss es. Ebenso wenig wie im Fall eines ausschliesslich in Thailand heimischen Reptils, der Winkelkopfagame, und einer in Europa umherfliegenden Kuckuckshummel. Diese drei Spezies teilen ihr Schicksal mit rund 12'000 weiteren, deren Bedrohungsstatus die Weltnaturschutzunion IUCN zwar versucht hat einzuschätzen – dann aber doch nur einigermassen hilflos mit zwei Buchstaben kommentieren konnte: dd, «data deficient». Niemand weiss gut genug Bescheid über diese Spezies, um sie einer Rote-Liste-Kategorie der bedrohten Tierarten zuzuordnen.

Was brauchte es, um die dd-Arten aus ihrer Ecke der Unwissenheit hervorzuholen? Anhand welcher Faktoren lässt sich beurteilen, wie gut oder schlecht es um eine Art oder eine lokale Population bestellt ist, ob man sich keine Sorgen um sie machen muss oder sie im Gegenteil kurz vor dem Aussterben steht?

Chatham-Schnäpper: Winzige Population auf Neuseeland. Foto: M. Carwardine (Wildlife)
Chatham-Schnäpper: Winzige Population auf Neuseeland. Foto: M. Carwardine (Wildlife)

Von den Antworten darauf hängt vor allem im Fall exotischer Arten, die weltweit gehandelt werden, ein ganzer Wirtschaftszweig ab. Einer sauberen Einschätzung dürfte das kaum zugutekommen, obwohl die Vorgaben klar sind. «Handelsquoten sollten aufgrund solider wissenschaftlicher Daten erlassen werden», sagt Mark Auliya vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Dazu braucht es Nachhaltigkeitsstudien, in denen die Exportländer beweisen, dass die Ausfuhr die Art nicht nachhaltig schädigt. Solche Studien erfordern viel Wissen über die jeweilige Art – woran es meist mangelt. Auliyas Forderung, bei fehlenden oder unsoliden Daten den Handel vorsichtshalber zu verbieten, wird trotzdem oft nicht nachgekommen.

Tiere zählen genügt nicht

Wenig helfen würde es in den meisten Fällen, die verbleibenden Tiere einfach zu zählen und dann das Aussterberisiko abzuschätzen. Denn um das Schicksal einer Art zu prognostizieren, sind nicht nur die verbleibenden Individuen entscheidend, sondern auch deren Lebensweise und -umstände. Bei Letzteren fällt vor allem der noch vorhandene Lebensraum ins Gewicht: Schrumpft er, gilt das oft bald darauf auch für die dort heimische Population oder Arten. Daher ist die sogenannte Arten-Areal-Kurve in vielen Fällen ein wichtiges Werkzeug, um das Schicksal einer Art einzuschätzen.

Doch was so einleuchtend klingt – eine kleinere Fläche wird von weniger Individuen besiedelt als eine grössere –, ist bei näherem Hinsehen alles andere als simpel. Denn die Fläche allein sagt wenig über die Qualität eines Habitats aus. Schliesslich verteilt sich wohl keine Spezies gleichmässig dicht über ihren gesamten Lebensraum, sondern zum Beispiel abhängig vom unterschiedlich vorhandenen Nahrungs- und Versteckangebot. Ehe man die Arten-Areal-Kurve als Prognosewerkzeug nutze, müsse man deutlich mehr Daten über die Verteilung der betreffenden Art haben, mahnen daher die Biologen Fangliang He von der University of Alberta in Kanada und Stephen Hubbell von der University of California in Los Angeles in mehreren Publikationen.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Überlebenswahrscheinlichkeit einer Art oder einer lokalen Population ist neben der Grösse des Lebensraums dessen Fragmentierung. Zehn zusammenhängende Hektaren Wald nützen weit mehr als zehn einzelne, allenfalls durch schwer zu querende Strassen oder Brücken verbundene, eine Hektare grosse Parzellen. In viele kleine Gebiete zerteilte Lebensräume verhindern zum Beispiel, dass sich Tiere bei lokalen Witterungsunterschieden den besten Platz suchen können. Da ausserdem nicht nur die Wanderung der Tiere selbst, sondern damit auch die Durchmischung und die Vielfalt ihres Genpools beeinträchtigt werden, verliert die Art einen Teil ihrer genetischen Fähigkeit, flexibel auf Umweltänderungen zu reagieren.

Winkelkopfagame, ein in Thailand heimisches Reptil. Foto: Getty Images
Winkelkopfagame, ein in Thailand heimisches Reptil. Foto: Getty Images

Wie relevant die Fragmentierung des Lebensraums für das Aussterberisiko einer Art ist, hat jüngst ein Team um Kevin Crooks von der Colorado State University im Fachmagazin PNAS gezeigt. Die Forscher glichen das Ausmass der Fragmentierung eines Lebensraums mit dem Gefährdungsstatus ab, den die IUCN der untersuchten Art zugeteilt hat. Nach der Analyse der Daten für gut 4000 Land-Säugetiere weltweit zeigte sich der Zusammenhang: Muss eine Art in einem stark zerfaserten Lebensraum zurechtkommen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, diese Art auf der Roten Liste der bedrohten Spezies zu finden.

Es brauchte Langzeitdaten

Die einzig gute Nachricht dabei lautet: Immerhin lässt sich das Ausmass der Fragmentierung meist einigermassen leicht feststellen. Das aber gilt längst nicht für all die übrigen Parameter, die Biologen für eine zuverlässige Einschätzung benötigen. «Man muss viel wissen über die betroffene Art, eigentlich braucht man Langzeitdaten», sagt Eckhard Gottschalk von der Uni Göttingen, zu dessen Spezialgebieten die sogenannte Populationsgefährdungsanalyse zählt. Wie hoch liegen die Vermehrungs- und die Sterblichkeitsrate? Wandern häufig Mitglieder der Population ab, oder stossen neue dazu? Wie gut toleriert es die Art, wenn ihre Hauptnahrung oder der bevorzugte Lebensraum nicht mehr zur Verfügung stehen und sie sich mit Alternativen begnügen muss? In diesem Punkt hätten Wirbeltiere einen Vorteil etwa gegenüber Insekten, sagt Gottschalk. Letztere benötigen zwar weniger Fläche, sind aber in manchen Fällen sehr wählerisch, was ihre Nahrung und ihren Lebensraum angeht. Einem Schmetterling zum Beispiel, dessen Raupen nur eine einzige Pflanze als Nahrung akzeptieren, bleiben nicht viele Ausweichmöglichkeiten.

Auch in anderer Hinsicht stehen vor allem die Säugetiere bei der Risikoeinschätzung besser da als Insekten, Schnecken und andere Wirbellose. «Für Wirbeltiere sind die Datenlagen und Einschätzungen meist gut», sagt Gottschalk. Doch der Grossteil aller Arten besteht aus Insekten – und über die ist viel weniger bekannt. Dieses Missverhältnis spiegelt sich auch in der IUCN-Statistik. Während nur 14 Prozent der Säugetierarten, deren Bedrohungsgrad untersucht wurde, in die dd-Kategorie aussortiert wurden, traf immerhin 24 Prozent der untersuchten Amphibien und sogar 28 Prozent der berücksichtigten Insektenspezies dieses Urteil. Insgesamt hat die IUCN etwa 12'000 von 64'000 untersuchten Arten das Kürzel dd verpasst.

Laut Claire Régnier vom Pariser Naturkundemuseum liegt das Unwissen über die wirbellosen Tiere auch an den Methoden, mit denen das Aussterben und Überleben dieser Arten erforscht wird. Im Fachmagazin «Conservation Biology» warben Régnier und ihre Kollegen vor zwei Jahren dafür, Informationen auch in Naturkundemuseen und Gesprächen mit Experten zu sammeln.

Wer sich mit dem Schicksal bereits verschwundener Arten beschäftigt, lernt schnell: Manchmal stirbt eine Art oder eine Population auch aus, ohne dass sich der Lebensraum verändert hat – allein aus Zufall. Allerdings passiert das nur, wenn ohnehin nur noch wenige Individuen übrig sind. Bekannt sind derartige Fälle von lokalen Heuschreckenpopulationen und mehreren asiatischen Populationen des Gepards. «Allein die Kleinheit der Population kann zum Problem werden, etwa wenn eine Krankheit ausbricht», sagt Gottschalk. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Wetter. Besteht eine Art oder eine Population nur noch aus wenigen Individuen, bestimmen unter Umständen ein paar Millimeter Niederschlag mehr oder weniger über deren Fortbestehen oder Untergang. Bei Auerhühnern etwa hängt es von der Regenmenge in den ersten Lebenswochen ab, wie viele Küken diese Zeit überleben. Fallen viele Jungvögel der Nässe zum Opfer, kann das für eine ohnehin schon kleine Population das Aus bedeuten. Erschwerend kommt hinzu, dass kleine Populationen genetisch verarmen und somit weniger flexibel auf neue Umweltbedingungen reagieren können.

Einfach lässt sich das Aussterberisiko selbst bei kleinen Populationen nicht beurteilen, weiss Gottschalk: «Es gibt auch Gegenbeispiele, wo erstaunlich winzige Populationen sehr lange überleben konnten.» So genügten fünf Exemplare des Chatham-Schnäppers, eines kleinen neuseeländischen Singvogels, um die Population zu erhalten. Die wenigen Vögel harrten auf einem einzigen bewaldeten Felsen vor der Küste Neuseelands aus, bis Artenschützer mit einem Managementplan einschritten und sich der Chatham-Schnäpper wieder erfolgreicher vermehren konnte.

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