Fische unter Strom

Heisse Sommer begünstigen Parasiten, welche die Nieren junger Forellen schädigen. Forscher der Universität Bern verfolgen die Entwicklung seit Jahren.

Abfischen in der Wyna im aargauischen Mittelland. (Video: TA)

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Etwa fünfmal im Jahr rücken Heike Schmidt-Posthaus und ihr Team vom Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin (Fiwi) der Universität Bern gross aus. Das Ziel an diesem Tag: ein Ufer an der Wyna im aargauischen Mittelland. Das 13-köpfige Team schleppt grosse Plastikbehälter, Pumpen, Schläuche, Campingtische, Lineale, Küchenwaagen und anderes Zubehör herbei. Dann schlüpft ein Teil der Gruppe in Wathosen und sperrt ein 120 Meter langes Stück Bach mit einem Netz ab. Kein Fisch soll entkommen.

Der Grund für den Aufwand ist ein etwa zehn Mikrometer kleiner Parasit, Tetracapsuloides bryosalmonae, der vor allem bei den jüngeren Forellen die Nieren schädigt. In heissen Sommern – wie dieses Jahr – verenden bis zu 80 Prozent der Fische daran. Der zweite Grund ist eine Zählung: Wie viele Fische leben in der Wyna? Wurden die Forellen von Anglervereinen eingesetzt, oder sind es Wildfische?

Vaterschaftsanalyse für den Fisch

Der Generator rattert los. Ab jetzt sollte niemand ins Wasser fassen. Denn das Abfischen geschieht mithilfe von rund 300 Volt und 15 Ampere. Zwei Männer waten flussaufwärts und schieben je einen langen Stab mit einem Metallring durchs Wasser – den Pluspol. Der Minuspol liegt bachabwärts. So wird die Strecke peu à peu unter Strom gesetzt, sodass die Fische nicht wegschwimmen können. Das Wathosen-Team fängt sie mit Netzen und bringt sie in ein grosses Becken. Darin ist etwas Schlafmittel, damit die Fische nicht zappeln und sich verletzen.

Wathosen und Gummihandschuhe trägt das Forscherteam auch, um vor Stromschlägen geschützt zu sein. (Fotos: Samuel Schalch)

Zügig sortiert Pascal Vonlanthen die Arten, wiegt und misst. Den Anfang macht ein Prachtexemplar von Bach­forelle, fast 40 Zentimeter lang und 675Gramm schwer. «398, 675», diktiert er seiner Helferin, die notiert. Bei etlichen Tieren schneidet er ein winziges Stückchen Afterflosse ab und nimmt ein paar Schuppen. So kann der Fisch mittels Vaterschaftsanalyse als Wild- oder Besatzfisch erkannt werden.

«Die verletzten Stellen regenerieren sich rasch», sagt Vonlanthen, der mit seiner Firma Aquabios im Auftrag des Fiwi arbeitet. Zuletzt kommen die Fische ins Aufwachbecken, wo sie bald wieder zu sich kommen. Die allerkleinsten werden gruppenweise in wassergefüllten Blumenkistli gewogen.

74 Forellen, 192 Groppen, 139 Elritzen und 8 Alets im Test

Heike Schmidt-Posthaus, Fischveterinärin am Fiwi, hat einen kleinen Eimer Wasser mit einer tödlichen Dosis Schlafmittel parat gemacht. Darin werden 25 «Null-plusser» eingeschläfert. «Null plus» bedeutet, dass der Fisch im ersten Lebensjahr ist.

Die Fische kommen in einen Eimer mit tödlichem Schlafmittel.

«Wie viele Fische sich mit Tetracapsuloides infizieren, hängt von der Wassertemperatur ab. Die Klimaerwärmung verstärkt den Befall und die Erkrankung», sagt Schmidt-Posthaus. Was die Infektion bedeutet, zeigt Fisch Nummer 14 eindrücklich: «Diese kleine Bachforelle ist fast schwarz. Sie kann ihre Farbe dem Untergrund nicht mehr anpassen. Auch ihre hervortretenden Augen sind Folge der Infektion.»

Mit einer Schere öffnet die Tierärztin den Bauch des toten Fischs und deutet auf die längliche Niere. Sie hat viele Knoten – typische Infektionszeichen. Wie sich zeigt, sind alle 25 Jungfische befallen. Schmidt-Posthaus wird ihre Nieren später unter dem Mikroskop untersuchen. «Weil wir jedes Jahr dieselben drei unterschiedlich warmen Stellen im Fluss abfischen, sehen wir, wie sich die Infektionsraten und die Krankheitsbefunde verändern.» Unklar sei, ob die eingesetzten Fische die natürliche Anpassung an den Krankheitserreger beeinflussen würden, sagt die Fischveterinärin. Auf diese Fragen soll ihre rund sieben Jahre dauernde Studie Antworten liefern.

Ein Abschnitt der Wyna wird abgefischt und die Fische untersucht: Forscherin Heike Schmidt-Posthaus.

Nach gut zwei Stunden werden 74 Forellen, 192 Groppen, 139 Elritzen und 8 Alets wieder in die Wyna entlassen. Der Grösste ist 50 Zentimeter lang, der Kleinste wiegt nicht einmal ein Gramm. Zwei scheinen es gar nicht erwarten zu können und «springen» auf die Wiese. Als auch sie ins Wasser befördert sind, kehrt am Bachufer wieder Ruhe ein.

Erstellt: 28.08.2017, 19:02 Uhr

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