Fleisch, der heimliche Umweltzerstörer

Damit die Menschen und die Erde überleben, müssen wir unsere schädlichen Essgewohnheiten ändern.

30 pflanzliche Kalorien sind notwendig für die Produktion einer einzigen Fleischkalorie: Mitarbeiter in einer Schweizer Metzgerei. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

30 pflanzliche Kalorien sind notwendig für die Produktion einer einzigen Fleischkalorie: Mitarbeiter in einer Schweizer Metzgerei. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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In den Debatten um die Erderwärmung geht ein Faktor gern vergessen: Die grösste Ursache für die Zerstörung der Umwelt und die Erschöpfung der Ressourcen ist unsere heutige Nahrung. In den letzten Jahrzehnten haben die steigenden Einkommen zu einem grossen Umbruch in den Ernährungsgewohnheiten geführt.

Besonders Fleisch wird auf dem Speiseplan der Menschheit immer wichtiger. Angesichts der Tatsache, dass das Vieh bei Aufzucht und Transport viel mehr Nahrungsmittel, Land und Wasser verbraucht als der Anbau von Pflanzen, erschöpft die zunehmende Nachfrage nach Fleisch die natürlichen Ressourcen, erzeugt Druck auf die Nahrungsmittelherstellung, schädigt Ökosysteme und treibt den Klimawandel voran.

Ineffiziente Produktion

Bei der Produktion von Fleisch wird zehnmal mehr Wasser verbraucht als bei der Produktion von Kalorien und Eiweiss aus Pflanzen. 1 Kilo Rind benötigt 15'415 Liter Wasser. Es ist eine sehr ineffiziente Art und Weise, Nahrungsmittel zu produzieren: für die Produktion einer Fleischkalorie werden 30 Getreidekalorien benötigt. Der globale Viehbestand beträgt heute mehr als 150 Milliarden Stück, verglichen mit nur 7,2 Milliarden Menschen – das bedeutet: Das Vieh hat einen grösseren direkten ökologischen Fussabdruck als wir. Die Viehproduktion verursacht fast 14,5 Prozent der Treibhausgase.

Darüber hinaus verbraucht die Viehzucht ein Drittel des in der Landwirtschaft verwendeten Wassers (die insgesamt 71 Prozent des globalen Wasserverbrauchs ausmachen) sowie mehr als 40 Prozent des Getreides auf der Welt. Und die Viehproduktion nutzt 30 Prozent der Landfläche, die einst wilde Tiere beherbergte, und spielt somit eine wichtige Rolle beim Artensterben.

Nachfrage soll bis 2025 um 50 Prozent steigen

Die Europäer haben mehr als ein Jahrhundert gebraucht, um zu dem Punkt zu kommen, an dem Fleisch zu jeder Mahlzeit gegessen wird. In grossen Teilen Asiens hat sich ein ähnlicher Wandel in nur einer Generation vollzogen. Amerikaner haben nach den Luxemburgern den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch. Angesichts der Bevölkerung der USA ist dies bereits jetzt ein Problem. Wenn der Rest der Welt die USA einholt – wo der durchschnittliche Fleischverbrauch 125,4 Kilo pro Person und Jahr beträgt, verglichen mit mickrigen 3,2 Kilo in Indien – wären die Folgen für die Umwelt katastrophal.

Die Prognosen sind besorgniserregend. Die Nachfrage nach Fleisch soll zwischen 2013 und 2025 um 50 Prozent in die Höhe gehen. Um dieser Nachfrage nachzukommen, müssen Fleischproduzenten bei der Viehzucht extrem problematische Ansätze verfolgen. Damit ihre Tiere schnell Gewicht gewinnen, bekommen sie Getreide zu fressen statt des Grases, das sie normalerweise essen würden. Das bewirkt einen erheblichen Druck auf die Getreideproduktion, auf die natürlichen Ressourcen und auf die Umwelt. Zudem bekommt das Vieh grosse Mengen an Antibiotika. In den USA werden 80 Prozent aller Antibiotika vorsorglich an das Vieh verabreicht. Und trotzdem hat dies nicht dazu beigetragen, Krankheiten zu verhindern.

Obwohl die Folgen unserer Ernährung für die Umwelt und die Gesundheit bestens dokumentiert sind, findet das Thema wenig Beachtung. Die Welt steht vor einer ernsthaften Krise der Wasserversorgung, schnell steigenden Temperaturen, einer stetigen Zunahme der Bevölkerung und wachsenden Gesundheitsproblemen. Es muss etwas geschehen, und zwar schnell.

Mehr Treibhausgasemissionen als von Autos

Zunächst einmal müssen die Vieherzeuger auf Wasser sparende Technologien wie die Tropfbewässerung umsteigen. Gleichzeitig müssen Regierungen und NGOs eine gesündere Ernährungsweise fördern – mit einem höheren Anteil an pflanzlichen Proteinen und Kalorien.

Wenn die Welt kein Getreide für Viehfutter und Biokraftstoffe mehr herstellen würde, könnte jüngsten Studien zufolge nicht nur der Hunger in der Welt besiegt, auch könnten 4 Milliarden zusätzliche Menschen ernährt werden: Das ist mehr als die Anzahl, bei der sich die Erdbevölkerung voraussichtlich stabilisiert. Der Fleischverbrauch verursacht tatsächlich jährlich mehr Treibhausgasemissionen als die Nutzung von Autos.

Die Ernährung umstellen

Das heisst nicht, dass wir alle Vegetarier werden müssen. Auch schon eine teilweise Änderung unserer Essgewohnheiten könnte weitreichende Folgen haben – wenn wir zum Beispiel mehr Hühnerfleisch und Fisch anstatt Rind essen würden. Bei der Produktion von Rindfleisch wird durchschnittlich 28-mal mehr Land und elfmal mehr Wasser verbraucht als bei anderen Fleischarten; gleichzeitig werden fünfmal mehr Treibhausgase und sechsmal mehr reaktiver Stickstoff erzeugt.

Die Umstellung auf eine ausgeglichene, pflanzliche Ernährung, mit minimalem Verbrauch von rotem und verarbeitetem Fleisch würde dazu beitragen, die natürlichen Ressourcen zu schonen, den Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen und das Risiko ernährungsbedingter chronischer Erkrankungen sowie die Krebssterblichkeit zu reduzieren. Genau wie die Regierungen Gesetze, Vorschriften und andere Instrumente erfolgreich eingesetzt haben, um gegen das Rauchen vorzugehen, müssen sie die Menschen zu einer ausgewogenen Ernährung bringen – ihrer Gesundheit und der Erde zuliebe.

Brahma Chellaney ist Professor am Zentrum für politische Forschung in Dehli und Dozent an der Robert-Bosch-Akademie in Berlin.

Copyright: www.project-syndicate.org (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2015, 23:30 Uhr

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