«Führen gigantisches Experiment auf unserem Planeten aus»

Mit der Erderwärmung dehnt sich das Meerwasser aus, die Eismassen schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Den Einfluss von CO2 auf Meer und Eis beleuchtet ein neuer Report.

Eis treibt vor dem Arctic National Wildlife Refuge, dem nördlichsten Naturschutzgebiet der USA.

Eis treibt vor dem Arctic National Wildlife Refuge, dem nördlichsten Naturschutzgebiet der USA. Bild: Reuters

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New York plant neue Mauern gegen Überflutungen, die Fidschi-Inseln haben schon einige Bewohner umgesiedelt. Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt mit zunehmender Geschwindigkeit und die Ozeane werden warm und sauer.

Rund 100 Forscher haben die Auswirkungen der menschengemachten Treibhausgase auf Ozeane, Eis und somit auch auf Mensch und Natur für den Weltklimarat IPCC analysiert und das Wissen zu einem Report zusammengefasst. Ab 20. September wollen sie mit Delegierten der IPCC-Mitgliedsstaaten über exakte Formulierungen des Reports debattieren und ihn fünf Tage später in Monaco präsentieren.

Jeder zweite Atemzug kommt vom Meer

Die Ozeane mögen vielen Landbewohnern fern erscheinen – sie sind aber lebenswichtig, und zwar nicht nur als Nahrungsquelle: «Etwa 50 Prozent des Sauerstoffs, den wir atmen, werden im Meer gebildet», sagt Meeresbiologe Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven – jeder zweite Atemzug eines Menschen stamme quasi daher.

Das menschengemachte Kohlendioxid (CO2) erwärmt die Ozeane: Aus CO2 entsteht im Wasser Kohlensäure, als Folge wird das Wasser saurer und das führt zu geringeren Sauerstoffkonzentrationen. «Wir sprechen hier von einem tödlichen Trio», sagt Pörtner. «Die Faktoren verstärken sich gegenseitig.» Erste Effekte dieser Versauerung beeinträchtigen bereits jetzt kleine Meerestiere, die grösseren, beispielsweise Lachsen, als Nahrung dienen. Geht es den kleinen schlecht, hungern die grossen und sterben im Extremfall.

Gummistiefel statt Skier

Im Sommer seien auf einigen Gletschern Grönlands Gummistiefel nötig, erklärt Glaziologin Angelika Humbert vom AWI. 2012 sei erstmals seit Beginn der Satellitenbeobachtung Anfang der 90er Jahre sogar die gesamte Oberfläche von Grönland aufgetaut – und die ist bis zu gut 3000 Meter hoch.

Das Wasser dringe in das Eisschild ein und bilde Wasserschichten (Aquifere), welche die Eisschmelze wiederum beschleunigen könnten. «Die Eisschilde (auf Grönland und der Antarktis) verlieren an Masse und der Verlust beschleunigt sich. Das ist das Beunruhigende an der Sache.»

Die übrigen Gletscher der Erde schmelzen ebenfalls mit zunehmender Geschwindigkeit, weltweit verlieren diese laut einer Studie vom April jährlich rund 335 Milliarden Tonnen Eis. Mit ihnen schwinden auch wichtige Wasserspeicher für Mensch und Natur.

Auch der Boden hebt sich

New York möchte riesige Schutzbauten gegen Überflutungen für Manhattan und Staten Island errichten. Auf den Fidschi-Inseln sind Bewohner mehrerer Dörfer in höhere Gebiete gezogen. Gründe sind in beiden Fällen jedoch nicht nur der steigende Meeresspiegel, sondern auch zerstörende Wirbelstürme.

Auf Fidschi kam das Abholzen von Mangrovenwäldern hinzu, die ein bedeutender Küstenschutz sind. An der nordamerikanischen Atlantikküste und ausgerechnet auch bei den Tropeninseln steige der Meeresspiegel allerdings besonders rasch, sagt der Ozeanograph Detlef Stammer von der Universität Hamburg.

Ursachen für Unterschiede im Anstieg seien etwa Meeresströmungen, Winde und Anhebungen des Ozeanbodens. Grönland und der angrenzende Meeresboden werden sich weiter erheben – um rund einen Meter bis 2100. Eine der Ursachen: Wegen der Eisschmelze laste weniger Gewicht auf Grönland. Das Wasser, das durch das Anheben verdrängte werde, fördere andernorts wieder den Meeresspiegelanstieg.

Effekt hält auch bei Besserung 1000 Jahre an

Der Meeresspiegel steigt nach Auskunft der Weltwetterorganisation WMO durch Eisschmelze und Wassererwärmung immer schneller: Derzeit im Schnitt über drei Millimeter pro Jahr. Und das System sei träge, sagt Stammer. «Der Meeresspiegel wird etwa 1000 Jahre weiter ansteigen, auch wenn wir heute die Temperaturerhöhung stoppen würden.»

Insgesamt sei der Meeresspiegel seit 1900 im globalen Durchschnitt schon um über 20 Zentimeter gestiegen, sagt Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. «Das klingt nach wenig, aber etwa bei Hurrikanen ist es bedeutend, ob bestimmte Stadtflächen überflutet werden oder nicht», ergänzt der Ozeanograf. Bis Ende des Jahrhunderts könnten es ein Meter oder mehr werden. Es gebe zwar die Hoffnung, dass solche Punkte bei einer Erderwärmung von bis zu 1,5 Grad noch nicht erreicht werden. Doch vieles dabei sei für den Menschen noch nicht abzusehen: «Wir führen ein gigantisches Experiment auf unserem Planeten aus.»

*Fachartikelnummer DOI: 10.1038/s41586-019-1071-0 (nag/sda)

Erstellt: 13.09.2019, 10:03 Uhr

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