Hunde leiden unter Atemnot, weil Menschen ihre Nase wegzüchten

Veterinärgenetiker Tosso Leeb untersurcht Erbkrankheiten. Dank seiner Forschung mit Hunden kam man darauf, warum ein Bub neurologisch erkrankt war.

Tosso Leeb: «Dank Gentests lässt sich ein Defekt bei Rassehunden herauszüchten.» Foto: Nicole Philipp

Tosso Leeb: «Dank Gentests lässt sich ein Defekt bei Rassehunden herauszüchten.» Foto: Nicole Philipp

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Die Französische Bulldogge hat Kultstatus. In der Schweiz ist die Rasse mittlerweile die viertbeliebteste, dicht gefolgt vom Mops. Viele dieser kurzköpfigen Modehunde leiden jedoch an massiven Atemproblemen, da deren Nase praktisch nicht mehr vorhanden ist. «Wenn die knöcherne Struktur im Schädel fast vollständig fehlt, ist für die Weichteile nicht mehr genug Platz, und die Luft kann nicht richtig durch», erklärt Tosso Leeb von der Universität Bern.

Entweder würden die betroffenen Tiere umgehend operiert, oder die Gefahr bestehe, dass sie im schlimmsten Fall an den Folgen der Deformation sogar sterben könnten. Schweizer Tierärzte würden nun Alarm schlagen und hätten vor kurzem eine Aufklärungskampagne gestartet, um auf diese fehlgeleitete Zucht bei kurzköpfigen Rassen aufmerksam zu machen. Ziel sei es, diese Entwicklung durch die Auswahl gesunder Tiere mit nicht ganz so flacher Schnauze zu korrigieren und auch das Schönheitsideal dahingehend zurückzubringen.

Französische Bulldoggen leiden oft an massiven Atemproblemen, da deren Nase praktisch nicht mehr vorhanden ist. Foto: Keystone

«Züchter selektieren ihre Tiere auf bestimmte Merkmale, die aber nicht immer gut sind», sagt Leeb weiter. Oft habe man gedacht, dass es mit der Gesundheit nichts zu tun hätte und diese auch nicht beeinflusse. Während bei der Französischen Bulldogge und dem Mops der Auslöser der Atembeschwerden an der extremen Schädelform liegt, ist die Ursache für die typischen Erkrankungen bei zahlreichen anderen Hunderassen oft nicht sofort ersichtlich.

Deshalb fahndet der Veterinärgenetiker Leeb akribisch nach Mutationen im Erbgut. Zusammen mit seinem Team stellte er unter anderem fest, warum etwa der Kromfohrländer und der Irish Terrier häufig tiefe Risse in den Pfotenballen haben, die schmerzhaft sind, sich leicht entzünden und das Laufen stark behindern. Schuld an dieser Form der sogenannten Hyperkeratose ist ein Defekt im FAM83G-Gen. Es handelt sich dabei um eine spontane Mutation, die irgendwann bei einem Tier in der Population durch Zufall auftrat und dann weitergegeben wurde. Dank eines Gentests lässt sich dieser Defekt jetzt herauszüchten.

Monsieur Kater

Seit 2005 ist der ursprünglich aus Bayern stammende Forscher Direktor am Institut für Genetik der Vetsuisse-Fakultät. Der 50-jährige Professor sitzt bei unserem Treffen Ende vergangener Woche in seinem grossräumigen und hellen Büro im Erdgeschoss des Gebäudes, wo im Gang zwischen alten Übersichtskarten verschiedener Nutztierrassen ein auffällig grosser Rinderschädel mit Hörnern prangt. Draussen auf der Koppel vor seinem Arbeitszimmer stehen ein paar blökende Schafe. Hier, am Ende der Länggassstrasse, nur etwas mehr als 1½ Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt, ist alles recht ländlich.

Plötzlich schleicht am Fenster ein orange getigerter Kater vorbei. «Das ist Monsieur», sagt Leeb. Jeder im Tierspital würde ihn kennen. Er komme aus der Nachbarschaft und hole sich von Vetsuisse-Angehörigen und Studierenden Streicheleinheiten. «Bei Katzen kann man nicht genau sagen, ob sie richtig domestiziert worden sind», fügt er hinzu. Sicher sei indes, dass sie es geschafft hätten, ihre Besitzer zu domestizieren. Dies könne er täglich beobachten.

«Hund und Mensch haben beide circa 20'000 Gene.»

In Bern sammelt Leeb seit zwölf Jahren mit grosser Leidenschaft genetisches Material vor allem von Hunden. Inzwischen hat er mehr als 100'000 Blutproben im Archiv, die er in Kühltruhen bei minus 20 Grad eingefroren lagert. Denn bei dieser Temperatur bleibt die DNA über viele Jahrzehnte stabil. Bei Bedarf werden die Proben aufgetaut und die DNA isoliert. Der Vorteil bei dieser Art von Erbgutforschung sei, dass die Leute von sich aus kämen und die Informationen gerne brächten. «Denn Hunde werden von ihren Besitzern geliebt, geschätzt und regelmässig untersucht», sagt er. Er müsse nicht lange darum betteln, dass er die DNA analysieren dürfe. Schliesslich wolle der Tierhalter erfahren, weshalb sein Hund leide oder eine bestimmte Erkrankung bei der Rasse oft vorkomme.

Lassen sich aus den Erkenntnissen auch Rückschlüsse auf Krankheiten beim Menschen ziehen? «Die Humanmedizin kann davon profitieren», antwortet der Berner Wissenschaftler. Hund und Mensch hätten beide circa 20'000 Gene und seien einander genetisch unglaublich ähnlich. Vor drei Jahren fand er mit internationalen Kooperationspartnern die Ursache einer seltenen Erbkrankheit in der Trüffelhunderasse Lagotto Romagnolo heraus. Betroffene Hunde verhalten sich im Alter von zwei bis vier Jahren zunehmend auffällig: Sie können nicht mehr gut gehen, sind müde, ängstlich, und ihre Bewegungen werden immer unkoordinierter. Auslöser ist ein Defekt im ATG4D-Gen, das eigentlich dafür zuständig ist, beschädigte Bestandteile in der Zelle zu beseitigen.

Lagotto Romagnolo, Trüffelhund. Foto: iStock

Nach ihrer Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift meldete sich ein Humangenetiker, der aufgrund der Studie genau diese Mutation bei einem neurologisch erkrankten vierjährigen Buben mit sehr ähnlichen Symptomen gefunden hatte. «Zuvor hatte man vergeblich versucht herauszufinden, warum es dem kleinen Asher immer schlechter ging», sagt Leeb. Weltweit sei es der erste Patient mit dieser neurodegenerativen Erkrankung gewesen, die in der Humanmedizin bisher noch keinen Namen hat. Ashers Mutter berichtete zuletzt im September 2016, dass er in den USA von Experten des National Institute of Health untersucht und betreut werde.

Rinder mit Gurt im Mittelalter

Leeb hat sich auf das Erbgut von Hunden spezialisiert. Er fand etwa das mutierte Gen, das bei Nackthunden zur Haarlosigkeit führt, das Dobermänner statt schwarz silbern aussehen lässt oder das beim Labrador Retriever Zwergwuchs verursacht. Neben Heimtieren durchforstet er hin und wieder auch das Genom von Nutztieren. Gemeinsam mit Kollegen ist er der Sache nachgegangen, warum es beim Schweizer Braunvieh sowie bei einer britischen und holländischen Rinderrasse Tiere mit einem strahlend weissen, unpigmentierten Ring um den Bauch gibt, der wie ein Gurt aussieht.

Dabei stellte sich auch heraus, dass diese Fellvariante in den Alpen schon lange existiert. «Es gibt in einem österreichischen Kloster ein Gemälde aus dem 15. Jahrhundert, das Jesus als Kind in der Krippe neben einem Ochsen mit weissem Streifen darstellt», sagt Leeb. Interessant sei, dass es eine Zeit lang keinen Samen von gegurteten Stieren zu kaufen gegeben habe, weil die Zuchtorganisationen dies nicht gewollt hätten. Inzwischen hat sich das aber geändert. Denn in manchen Regionen der Schweiz gilt ein gegurtetes Rind als Glücksbringer für den Stall.

Den ganzen Tag dreht sich bei Leeb jedoch alles vor allem um den Hund. Ist das bei ihm zu Hause auch der Fall? «Nein», sagt der mit einer Tierärztin verheiratete Forscher und lacht. Er habe ein paar Guppys im Aquarium und einer der beiden Söhne eine Kornnatter. «Sehr einfach zu halten», sagt er. Die ganze Familie könne ohne weiteres bis zu vier Wochen in die Ferien fahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2018, 16:11 Uhr

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